haben, sich von dem Raffinement dieses Italieners mit dem Pergamentgesicht, das Sie heute sahen, näher zu überzeugen ... kommt er mit, so lasst er sie singen ... Ich sage: lasst sie ... Denn das ist höchst merkwürdig ... Diese Musikprofessoren haben über ihre Schülerinnen eine Autorität wie ein Abrichter über seine Affen ... Wann der Alte in den Salon tritt, kriegt die Junge regelmässig einen inneren Ruck, wie eine Braut vor ihrem kommenden Bräutigam ... Vor keinem Menschen hat sie Courage, allein zu singen ... Steht aber der alte Italiener dabei und schlagt mit seiner unerschütterlichen Pierrotmaske die Noten um, so geht's: Perfido! Crudele! –
Mamsell Müller! rief jetzt wieder Frau von Zikkeles ... Hat der Herr Baron G'frornes?
Angelika hüpfte zum Whisttisch ... Sie war so in Träumen versunken, dass sie nur den Ruf, nicht den Auftrag gehört hatte ...
Biancchi – Biancchi –! ... Auch über diesen Namen musste Benno tiefbeklommen atmen ...
Angelika carambolirte inzwischen mit Herrn von Pötzl, der sich selbst unterbrechend mit der süssesten Miene und wie zum Kniebeugen anbetend auf Damen zulief, die eben ins Zimmer traten und vielleicht die Verlästerten selbst waren ...
Immer grösser und grösser wurde der Zustrom ...
Frau von Zickeles zankte mit dem fräulein Müller über das, "was sie nicht gewohnt wär' zweimal zu sagen" und verwies sie jetzt auf die Ankommenden ...
Angelika's Rosabänder flogen einer Dame entgegen, die mit leuchtenden Augen lachend eintrat ...
Frau Bettina Fuld kam von der "Wieden" und berichtete über die im dortigen Teater gehörten, "unerhörten Plattitüden" ... lachte aber doch noch bis zum Ersticken darüber ... Benno erfreute sich des angenehmen Eindrucks, den er zum ersten Mal empfing ...
Dagegen war Herr Bernhard Fuld ihm zwar äusserlich bekannt, doch musste er sich erst allmälig in ihm zurecht finden, denn er war so mit Bart überwachsen, dass man keine Physiognomie herausbekommen konnte ... Er trug sein Band der "ehrlichen Legion" ...
Benno fühlte Mitleid mit dem Grafen Hugo, zu dessen Leben er hier die Reversseite sah ...
Jetzt kam denn auch Harry zurück ... Er hatte noch dem Laërtes, als er die Rede für Opheliens und seines Vaters Tod gehalten, stürmisch applaudiren können, war dann nebenan in die Loge zur "Resi Kuchelmeister" gegangen und brachte diese und auch den Herrn Professor Biancchi mit ...
Noch erschien eine andere ältere auch der Musik angehörende Persönlichkeit, der Professor Dalschefski, ein Pole ... Es gab eben einen Zank, dessen Ursache Benno, den seltsamen Italiener, Bruder der alten Carbonari Marco und Napoleone fixirend, nicht sogleich ergründen konnte ...
Alles das ging bunt durcheinander und noch bunter, als nun auch Leo Zickeles aus einem seiner Wohltätigkeitscomités nach haus kam ... Die Whistpartieen waren zu Ende, die Spieler standen auf und eine Nebentür wurde geöffnet, wo compactere speisen auf einem Tische standen, auf den die Hungernden "wie die Wölfe" zufuhren ... Resi Kuchelmeister brauchte diesen Ausdruck ... Sie freute sich Benno wieder hergestellt zu sehen und begrüsste ihn wie einen alten Bekannten schon – doch zugleich scharf ihn etwas musternd ...
Der alte Herr von Zickeles trat vertraulich zu Benno ...
Nach einigen Ermahnungen, sich einen Teller zu füllen, nahm er ihn bei Seite und erörterte den Stand der Angelegenheiten des Grafen ...
Ja, sagte er, Seine Erlaucht sind auf dem schloss Salem ... Die Frau Gräfin Mutter Erlaucht werden von Schloss Westerhof erwartet ... Hat die Comtesse Paula von Dorste-Camphausen eingewilligt? ...
Benno konnte keine Auskunft geben ...
Hm! fuhr der alte Herr fort ... Sie, Herr Baron, bringen doch vom Herrn Oberprocurator Nück schon die Stipulationes der Agnaten ...
Der Graf soll sie zuvor unterschreiben ...
Die Schuldenlast ist sehr gross und meine Lage nicht darnach, länger Geduld zu haben ... Ich würde Salem und Castellungo subhastiren müssen ...
Castellungo? ... Das gehört der Mutter ...
Schon längst hat sie es für den Herrn Sohn verpfändet ... Ohne den Zwischenfall mit Terschka wären wir schon näher am Ziele ... Die Urkunde – Allen Respect, Herr von Asselyn – Ich kenne Ihre Ansichten nicht – aber doch – sehr eine verdächtige geschichte ...
Herr von Zickeles wollte sagen: Terschka hat im Auftrag Roms das Schloss angesteckt und dann eine falsche Urkunde producirt – Wenigstens las Benno diese Ansicht in den scharfen Mienen des Handelsherrn, der keineswegs zu Scherzen geneigt schien ...
Benno antwortete:
Terschka ist ja Protestant –
Protestant –! lächelte Herr von Zickeles und flüsterte: Die Jesuiten lassen ihn auch sein Protestant ...
Mit einem so furchtbaren Streiflicht über Terschka's Flucht und Aufentalt in London stand Benno eine Weile sich allein überlassen ... Denn die Töchter umschmeichelten eben den Vater, fielen ihm um den Hals, liebkosten ihn – natürlich, um dabei auch den fremden Baron, dessen begeisterte Prophetin schon lange Angelika Müller gewesen, näher in Augenschein zu nehmen ...
Herr von Zickeles liess sich Kinn und Wange streicheln, sagte auch der hinzugekommenen Resi Kuchelmeister viel Artiges, war ganz nur Patriarch und