1858_Gutzkow_031_642.txt

war es ein Ton besonderer Zärtlichkeit ... Sie hatte dem "hoffnungsvollen" Knaben nach einem Lieblingsdrama der Zeit diesen Namen nachträglich statt seines ursprünglichen "Pinkus" gegeben ...

Angelika Müller bekam Augenwinke, die ihr sagten, dass in den Zimmern ausser dem Herrn Baron auch noch andere Herrschaften wären ...

So näherte sich denn dem "Herrn Baron" wieder Herr von Pötzl, zog die Dose, offerirte und genoss die Zinsen von dem auf den Fremden bereits gewandten Kapital von Zuvorkommenheit ... Er flüsterte über den Grafen Hugo ...

Den Kampf, ob er morgen den Besuch im Palatinus oder die Reise nach Schloss Salem aufgeben sollte, hatte Benno schon zu Gunsten seiner geschäftlichen Pflicht entschieden ...

Auf seine Aeusserung, er würde morgen früh dem Grafen Hugo auf Schloss Salem aufwarten, unterliess Herr von Pötzl nicht, die schöne Gegend, den Charakter des Grafen zu schildern, kleine satyrische Seitenhiebe hineinzuwerfen und ihnen wieder eine Fülle von Gemüt folgen zu lassen ...

Die Veränderung wird ausserordentlich werden! sagte er ... Und wahrhaftig! Die Zickeles sind sehr dabei interessirt! ... Wo nur Herr Leo bleibt! ... Leo ist das Geschäft nächst dem Vater ... Ganz Metalliques, bloss Abends Wohltätigkeitsschwärmer ... Ich vermute, er sitzt in diesem Augenblick Comité ... Das Talent, ein gutes Herz zu zeigen, Herr Baron, ist in Wien sehr cultivirt, aberkostspielig ... Herr Leo von Zickeles wird deshalb wohl auch nie heiraten ... Er sieht sich seine Medaillen, Ehrenpatente, seine gedruckten Tränen der Witwen und Waisen an und behält sein von tausend Zähren des Dankes emaillirtes Herz für sich allein ...

Joseph! rief hier die Mutter ... Hat Herr von Asselyn G'frornes? ...

Joseph präsentirte ...

Herr von Pötzl fuhr fort:

Den zweiten Bruder, den Herrn Harry haben Sie schon kennen gelernt ... Auch der ist Vormittags aufrichtig Metalliques ... Aber die übrige Zeit gehört dem Entusiasmus für Ruhm und schöne Künste ... Sie sehen, dass er sich vierteilen lassen kann, wenn er einem Schauspieler an einer gewissen Stelle einen Applaus versprochen hat ... Es ist schon vorgekommen, dass er einem Maschinisten "auf der Wieden" befohlen hat, an einem Abend eine Störung hervorzurufen, nur damit ein andres Stück herausgebracht werden musste, als dasjenige, wo er ein gegebenes Applausversprechen wegen eines anderweitigen Teateroder Concert-Engagements nicht erfüllen konnte ... Harry Zickeles führt jede in der Teaterzeitung neuangekündigte Unsterblichkeit, wenn sie nach Wien kommt, in die hiesigen Hallen des Ruhmes ein ... Sein grösstes Leidwesen ist dabei nur, wenn sich sein Herz zwischen zwei Gegnern in zwei Hälften teilen muss ...

Pepi! rief die Mutter ... Hat der Herr Baron G'frornes? ...

Pepi präsentirte ...

Herr von Pötzl flüsterte:

Der dritte Sohn, Percival, ist, wie Sie wohl schon an dem träumerischen Jüngling gemerkt haben werden, ein dichterisches Genie ... Vor zwei Jahren erst bekam er den Vornamen Percival ... Er hat Romanzen geschrieben wie Heine, bloss dass er zur Abwechslung auch einmal den Palmenbaum, statt von einer Tanne, von einer Akazie geliebt sein lässtWissens, von wegen der "Grazie" ... Auch hat er einen "Ahasver" unter der Feder, in dem die geniale idee vorkommen soll, dass Ahasver sich nach Wien begibt und im "Stock am Eisen" einen Nagel vom Kreuz des Erlösers einschlägt, gerade noch den letzten, der hinein geht, wodurch ihm die selige Ruh' zu teil wird ...

Percival! rief die Mutter ... Hat Herr Baron G'frornes? ...

Percival fuhr wie aus Morgenrotsträumen auf, strich sich seine schönen langen schwarzen Haare zurück und machte eine Miene, als hätte ihm nur eine Geisterstimme gerufen ... Allmälig besann er sich aber auf den irdischen Begriff des "G'frornen" und offerirte davon mit einer Miene weltschmerzlichen Duldens ...

Herr von Pötzl nahm ihm die Schüssel ab mit der freundlichsten Anrede:

Sie, mein liebster bester Herr Percival! ... Ich glaube' fast, Sie sind schon wieder einen halben Zoll gewachsen ...

Percival schien die Anerkennung seiner Jugend gern zu hören und lächelte ...

Die Frau Bettina von Fulddie kennen Sie? ... fragte dann Herr von Pötzl, als sie wieder an einem andern Fenster allein standen ...

Benno musste diese Voraussetzung verneinen ...

O sie muss sogleich erscheinen ... Mit ihrem Gatten, der etwas in das diplomatische Fach spieltein Changeant, das in Homburg und Baden-Baden viel Geld kosten soll ... Dann ist noch die jüngere Schwester, die Jenny, da ... Die ist noch "im Kärntnertor", wo eine abgeleierte Oper von Bellini gegeben wird ... Sie hat eine famose stimme ... Wenigstens glauben das die älteren und der Professor Biancchijakennen Sie den Namen? ... Das ist derselbe, den Sie heute im Teater sahen ... Der wird nicht Ursache haben, diese überzeugung von Jenny's stimme zu bestreitendenn er "lasst" sich die stunde' mit einem Dukaten zahlen ... Sie werden ohne Zweifel heute noch gelegenheit