wird schon wieder vor den Käfigen der wilden Tiere sein ... sagte der Chorherr und rief dann aufhorchend:
Da! ... hören Sie! ...
Und in der Tat hörte man drinnen eine laute stimme italienisch rufen ... Mitten durch das kurz ausgestossene, fast hustende Brüllen eines gereizten Tieres vernahmen sie die Worte:
Eh! Tu! Muove ti! Dormi? Non essere si pigra! ...
Diese anstachelnden Worte, so unweiblich die Situation war, die sie begleiteten, übten auf Benno sowohl wie den Chorherrn den Reiz, dass sie die Hütte betraten ...
In der Tat waren es die Italiener von gestern ... "Der weibliche Zwerg", wie der Chorherr übertreibend sagte, stand diesmal mit der Reitgerte vor dem Käfig einer jungen Löwin und reizte sie zu einer solchen Wut, dass warnend schon der Aufwärter herbeilief ...
Benno sah voll Staunen dem wilden Spiel der Italienerin zu ...
Die junge Löwin sprang bald an die Gitterstangen, bald rannte sie im Kreise und stiess Töne aus, die wie aus dem Widerhall einer mächtigen Felsenhöhle kamen ...
Im schwarzen Tuchrock, mit der linken Hand die lange Schleppe haltend, stand das kleine Wesen von gestern, dessen Kopf wenig über die Stellage, auf der der Käfig ruhte, hinausragte, und schlug mit der Reitgerte bald nach links, bald nach rechts in die Stäbe hinein ...
Wieder lachten die Herren und bedeuteten den Wärter, der Signora nicht ihr Vergnügen zu rauben ...
Schon lauschte die geputzte "Marchand' mod'", wie sie auf dem Dampfschiff geheissen hatte, eine Holländerin, an dem roten Vorhang ... Schon wurde ein junger Mann, ihr Begleiter, von ihr angerufen, sich ins Mittel zu legen, als die Italienerin von ihrem Uebermut plötzlich abliess ...
Sie hatte Benno erblickt ...
Mit kalter Ruhe stand sie noch eben vor dem Käfig und trieb ihr Spiel ... Jetzt war sie wie entwaffnet ... Ein fast rosiger Hauch der Freude überflog sie ... Mit dem Schein der mädchenhaftesten Schüchternheit senkten sich die langen blauschwarzen Augenwimpern ... Mit schneller Fassung und plötzlich ihre stimme mildernd sagte sie zu Benno:
Ecco il domatore delle bestie feroci! ...
Benno erwiderte – halb nur für sich –:
Ecco la Romana! ...
Perché Romana? fragte sie, scharf aufhorchend ...
Benno hatte "Romana" betont ...
Una lupa e stata la nutrice di Romolo ... sagte er, sprach aber wieder wie nur zu ihr allein ...
Ohne sich von der Voraussetzung, dass auch sie von einer Wölfin könnte genährt worden sein, getroffen zu fühlen, schloss sie sich Benno an zum Weiterwandeln ... Sie gingen die Käfige entlang ... All ihre Aufmerksamkeit für die wilden Tiere war verschwunden ... Sie wollte nur Benno festalten, nur mit dem sprechen ... Ehrerbietig grüsste sie seinen Begleiter, in dem sie am langen Oberrock den Priester erkannte ...
kennen Sie Rom? begann sie, noch über und über erglüht ...
Ich bin im Begriff, es kennen zu lernen ... sagte Benno ...
Sie reisen nach Rom?! ...
Ein Ausdruck der äussersten Freude kämpfte in ihren Mienen mit der Verlegenheit, sich in der ganzen wirkung zu verraten, die ihr schon seit gestern der junge anziehende Fremdling gemacht zu haben schien ...
Noch würde das Gespräch in kurzen fragen des höchsten Interesses und in ausweichenden Erwiderungen so fortgegangen sein, wenn nicht ein tragikomisches Ereigniss dazwischengetreten wäre ...
Der elegante junge Mann mit den gelben Glacéhandschuhen von gestern war gleichfalls zugegen und etwas vorausgegangen ... Schon befand er sich am Ende der Breterbude, wo ein Elefant auf einer Art kleiner Bühne unter gemalten Drapperieen eingepfercht und an einem seiner mächtigen Füsse festgebunden stand ... Das gewaltige Tier war vor den Zuschauern völlig frei ... Ehe sich der junge Mann seines Schicksals versah, hatte der sich schlängelnde Rüssel eine Schwenkung um ihn her gemacht und ihm in dem Augenblick, wo die Offiziere warnend Altezza! riefen, den Hut abgenommen ...
Die Altezza, demnach ein Fürst, stiess einen Schrei: Gesú Maria! aus, taumelte zurück und sank in Ohnmacht ...
Die Italienerin stand inzwischen, noch wie von Liebeswonne durchschauert ... Sie schien so abwesend, dass sie die Ursache des Rufs nicht verstand und nur den zusammenbrechenden jungen Mann sah, der noch in seinen Beinkleidern mit den Sporen obenein festakte, an die Breterwand stürzte, die den ersten vom zweiten Platz trennte und sich wirklich die Stirn blutig schlug ...
Benno sah dies kaum, als er schon hinzugesprungen war und die Altezza aufgefangen hatte ...
Bei Nennung jener fürstlichen Würde befiel ihn jetzt ein Bangen ...
Der Hut war vom Wärter schon wieder zurückgegeben worden ... Die Begleiter hatten sich geflüchtet ... Sie schienen über den Elefanten ebenso erschrocken wie die Altezza ...
Voll Aerger über die störende Scene und im Nu ihren ganzen Gesichtsausdruck verändernd, sagte die Italienerin zu Benno's Begleiter:
Sehen Sie da, warum man lieber die Tiere liebt, als die Menschen! ...
Aqua! Aqua! E una carozza! rief sie gellend hinterher ...
Der Fürst fing an sich zu erholen, versuchte zu lachen und erschrak wieder