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doch zeigte sich eine Entschiedenheit der Mienen, die erschrecken konnte ... Die Haut, an sich zart und pfirsichweich, spielte ins Grüngelbe ... Die Augen schwarz, die Lippen rubinrot, die Zähne blendendweiss ... Das in Flechten unter dem hut sichtbare Haar hatte ein echt italienisches Blauschwarz ... Die Augenbrauen riss sie hoch auf wie aus Zorn, Verlegenheit und Beschämung ... Alle Zähne sah man ... Ihr Wesen hatte selbst etwas Tierisches ...

Am ungeduldigsten und eifrigsten, dem fortwährend um ihren Ombrello klagenden kind von vielleicht schon zwanzig Jahren eine Beruhigung zu gewähren, zeigte sich ein junger eleganter Mann von derselben Unreife der äussern Erscheinung, doch mit ebenso sichern und lebhaften Manieren ... Die Kleine warf dem Dandy in gelben Glacéhandschuhen vor, dass er nicht einmal zwei Schritte bis ans Gitter zu gehen wagte aus Furcht vor den möglicherweise durchgesteckten Tatzen des Tigers ...

Die andern Italiener lachten und machten Spässe über die Anwendung, die ein bengalischer Tiger von einem mailänder Sonnenschirm machen könnte ... Sie wollten jedoch nur den Wärter rufen ...

Die zornige junge Dame war nahe daran, um den Sonnenschirm herauszuholen, einem der Offiziere den Degen aus der Scheide zu ziehen ...

Perché ella ha quello spiedo! sagte sie ...

Inzwischen hatte Benno statt des "Bratspiesses" sein leichtes Spazierstöckchen verkehrt ins Gitter gehalten und mit dem Griff desselben, während die linke Hand den erschrocken ihn ergreifenden Chorherrn zurückhielt, den Sonnenschirm aufgegabelt und herausgezogen ... Der Tiger blieb stutzend stehen ...

Mit dem geläufigsten Italienisch übergab Benno der ihm überrascht ins Antlitz sehenden Dame den Schirm:

Anche le fiere del deserto cognoscono la civiltâ, que si deve alle signore! ...

Grazie, Signore! sagte die junge Dame mit einer plötzlich veränderten stimme ...

In diesem Dank, in dieser leichten Verbeugung lag eine Anmut, die selbst den Chorherrn bestimmte, zu sagen:

Der blick war es freilich wert, die "Artigkeit der Wüstentiere auch gegen Damen" zu riskiren! ... Aber ein merkwürdiges Gesicht das! ... Ich möchte fast sagen die Schönheit der Hässlichkeit ... Eine Stumpfnase, eine gewölbte Stirn, ein mürrisch hängender Mund, aber alles wie der Blitz in Brillantfeuer verwandelt durch ein einziges Lächeln! ...

Benno fiel Lucinde ein ... Lucinde war schöner, edler gewachsen; aber bei der Fahrt von St.-Wolfgang nach Kocher am Fall im vorigen Jahre hatte sie so im Wagen neben ihm gesessen, so von phantastischen Schlössern geträumt, ganz mit diesen verklärt bestrikkenden Augen ...

Die Italiener waren inzwischen verschwunden und hatten sich zu "Dommayer's" wahrscheinlich erst jetzt begeben ...

Benno und der Chorherr fanden ihren Wagen am Eingangsportal des Schlosses ...

Diese italienischen Nobili, die die Politik hier zu einer Garde vereinigt, sagte der Chorherr, kommen mir vor, wie sonst die Heerführer der alten Deutschen bei den Römern als Geiseln lebten ... Sie sollen die deutsche Weise annehmen und in Mailand keine Verschwörungen machen ... Es wird aber damit werden, wie mit dem Arminius ... Der lernte auch in Rom nur die Handgriffe der römischen Kriegskunst und schlug damit die Römer ... Vom Schwert dieser Italiener droht uns allerdings wenig Gefahr; aber sie haben Dolch und Gift undRom ... Dochwas tu' ichhüten Sie sich ja, hier von Politik zu sprechen! ... Das Spionirsystem erstreckt sich bis ins Innerste der Familien ... Was die Polizei nicht tut, tut die Loyalität von selbst ... Die Sucht nach Auszeichnungen und Anerkennungen ist so gross, dass hier Menschen auf die gemütlichste Weise mit Ihnen scherzen können und Sie dennoch denuncirenaus "Patriotismus" ... Wer weiss, ob Sie vor mir sicher sind! ...

Benno ergriff lächelnd den Arm des Greises und drückte ihn an seine Brust ...

Auf seine Aeusserung, dass denn doch wohl Rom ein treuer Verbündeter des Kaiserstaats wäre, erwiderte der Chorherr:

Man glaubte eine Zeit lang, dass Cardinal Ceccone seine Macht verlieren würde ... Seine Gegner im Vatican, besonders Fefelotti, schienen zu triumphiren ... Aber es scheint, er hat mit den Jesuiten ein Compromiss getroffen und hält nun wieder alle Bannstrahlen in seiner Hand ... Sein Auftreten bei uns ist bedeutungsvoll ... Alles, was man für die innere Reform unserer Kirche gehofft hatte, scheint verloren ... Die unglückselige Manie der Fürsten und Staatsmänner, nur Eine Gefahr, die der Revolution, zu sehen, macht sie wider Willen zu Beförderern des Aberglaubens und der Hierarchie ... Der Staatskanzler hasst die Jesuiten ... Aber sie nehmen seine Devise an und sagen: Nous sommes conservateurs comme vous! ... Was will er machen! ... dafür, dass wir den Jesuiten Deutschland geben, erbieten sich wieder die Jesuiten, an Oesterreich Italien zu lassen ... Doch in diesen italienischen Köpfen ist es selbst unter dem Purpurhut nicht geheuer ...

Benno, Ceccone's Stellung und die Zähmungsmittel der Jesuiten vollkommen aus seinem eigenen Dasein kennend, fragte schüchtern nach dem Cardinal und ob sein gönner ihn gesehen hätte ... Er wagte nicht, tiefer zu dringen ...

Hier noch nicht! erwiderte der Chorherr ... Aber vor Jahren sah ich ihn