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reichen Klosterlebens alten Styls repräsentirte ... Ein lebhaftes Unabhängigkeitsgefühl trat immer mehr zu Tage ... Und beim Wein löste sich die Zurückhaltung des unterrichtet und höchst scharf urteilenden Mannes vollends ... Der Chorherr war ein Bürgerssohn aus dem Salzburgischen, hatte grosse Reisen gemacht, gelehrte Werke herausgegeben und stand seit der Aufhebung seines Prämonstratenserstifts nur noch im losen Zusammenhang mit dem Klerus ... Immer heiterer und heiterer wurde er ... Das ganze gleichsam zurückgetretene Liebesgefühl und Liebesbedürfniss des katolischen Priesters, das sich bei würdigen Naturen in einem nicht zu misdeutenden Bedürfniss nach männlicher Freundschaft und namentlich zu Jünglingen aussprichtwodurch gutgeartete höhere katolische Priesternaturen eine seltene Befähigung zur Erziehung gewinnenkam auch bei dem bisher so trokkenen alten Herrn ganz zum Vorschein ... Er konnte die Hand des jungen Mannes wie ein Verliebter drükken ...

Beim Dessert sprach der Chorherr schon wie ein Vater mit seinem Sohn ... Es war ihm nichts fremd von dem, was die Welt bewegte ... Nun kam das alles heraus ... Er las, was nur dem Gebildeten zu kennen geziemt ... Und sein Gelesenhaben und Wissen war, nun blitzte auch das auf, wie eine geheime Waffe gegen seinen eigenen Beruf, eine geheime Rüstung für die künftige Zeit ... Wie Benno die Donaureise beschrieb und freimütig auf die zeiten zu sprechen kam, wo, wie der Jesuitengeneral einst zu Terschka geklagt hatte, sieben Achtel der österreichischen land protestantisch waren, – wie er dann vollends den Bauernaufstand des Stephan Fadinger erwähnte und bei gelegenheit der wohnung Schnuphase's die Weigerung des frühern luterischen Hauswirts des heiligen Stanislaus, das Allerheiligste in sein Haus kommen zu lassenda sagte der Chorherr unerschrocken:

Wir werden noch einmal wieder zurückkommen müssen auf das sechzehnte Jahrhundert, mein Lieber! Wir werden noch einmal da anfangen, wo der gute Luter stehen geblieben ist, ehe die Habsucht der sächsischen und hessischen Fürsten den seltenen Mann in Beschlag nahm und die Ausartungen seiner Reform ihn erschreckten! Freilich ist ein Volk, das in einer Wallfahrt ein Gemütsbedürfniss befriedigt, ein Volk, das sich zu einer Bruderschaft vom "Todesschweiss des Erlösers" zahlreich einschreiben lassen kann, nicht sofort durch Kant und Hegel für die Aufklärung zu gewinnen. Das Kreuz des Erlösers wird die Reform immer mittragen müssen! ...

Benno hörte die Ansichten Bonaventura's ...

Nach Tisch wandelten beide jetzt schon Vertrautgewordenen in dem bereits entlaubten herrlichen Park von Schönbrunn ...

Der Chorherr legte seinen Arm in den Arm seines jungen Freundes ... Mit dem blick auf die Aussenwelt, mit dem herbstlichen Laub, das vor ihnen der Wind dahinfegte, kehrte die Hypochondrie des Greises zurück ...

Das herrliche sonnige Wetter hatte die Käfige der Menagerie geöffnet ...

Benno folgte dem zug der andern Spaziergänger, folgte dem lachen über die Kunststücke der Affen, dem Brüllen der Löwen, dem Gekrächz der Vögel ... Der Chorherr gab nach, obgleich er sagte:

Diese Gefangenen machen mich melancholisch ... Bestien gehören in die Wüste und der Mensch steht gar so feige vor dem Gitter und freut sich, dass er im Sichern ist ...

Wie sie im Strom der andern den Behältern näher gekommen waren und vor einem mächtigen Königstiger eine elegante Gesellschaft von Herren und Damen fanden, die mit italienischen Anrufen das unruhig hinund hergehende, schon bedenklich den Schweif schlagende Tier reizten, sagte der Chorherr:

Und das fehlte nun auch noch! Die feigste Nation von der Welt hat hier Courage ...

Die Neckenden schienen sämmtlich Italiener zu sein ...

Einige Offiziere waren darunter, die der italienischen Nobelgarde angehörten ... Einige andere gehörten zum Civil ...

Den Mittelpunkt bildete eine einzige kleine junge Dame, die sich im Necken des Tigers bis zur Ausgelassenheit gefiel ... Die schlanke und gestreckte Gestalt des aufgescheuchten Tieres wand sich in gleichmässigen Schritten bald rechts, bald links ... Das grünlichgraue Auge funkelte phosphorartig; es war auf die leuchtenden Farben des Kleides und vorzugsweise eines kleinen Sonnenschirms der jungen Dame gerichtet, die nicht aufhörte, mit einer rauhen befehlshaberischen stimme den Tiger anzureden und in steigende Gereizteit zu versetzen ...

Plötzlich fiel der kleine Sonnenschirm in den Behälter des in kurzen Sätzen stöhnenden Tieres, aus dessen Augen helle Funken zu sprühen schienen, Vorboten der ausbrechenden Wut ...

Die italienischen Herren lachten laut auf ...

Benno, der dicht dabeistand, hörte vom Chorherrn die verächtlich geflüsterten Schiller'schen Worte:

"Herr Ritter, ist Eure Liebe so heiss,

Wie Ihr mir's schwört zu jeder stunde',

Ei, so hebt mir den Handschuh auf!" ...

Die sämmtlichen Umstehenden schienen entweder kein Deutsch zu verstehen oder nichts von der Schiller'schen Ballade zu wissen ...

Die Italienerin war jedoch vollkommen von dem eigensinnigen Temperament des Fräuleins Kunigunde im Gedicht ... Wie ein verwöhntes Kind beklagte sie ihren Ombrello und verlangte ihn zurück ...

Die Herren sprachen vom Wärter, den sie rufen wollten ...

Der Tiger kümmerte sich nicht, wie wenn er ihm doch gehörte, um den etwa einen Fuss vom Gitter entfernt liegenden Gegenstand, sondern ging nur nach wie vor schnaubend auf und nieder oder stellte sich zuweilen zum Sprunge ... Das Tier bot alle Veranlassung, ohne den Wärter den Sonnenschirm ruhig liegen zu lassen ...

Jetzt erst sah Benno das Antlitz der Kleinen ...

Es war äusserlich ein halbes Kind und