erhielt einige ganz ihm allein angehörende Zimmer ...
So spät es war, eilte er den Abend doch noch ins Freie ... Das Gefühl: Hier leben dir eine Mutter – eine Schwester! drohte ihm die Brust zu zersprengen ... Jede weibliche Gestalt, die er an sich vorübergehen sah, betrachtete er mit prüfendem Auge ... Von Angiolinen hatte er gehört, dass sie Lucinden ähneln sollte ...
So schritt er planlos dahin und atmete ebenso das allgemeine Leben der grossen Stadt wie das Geheimleben, das diese Steinkolosse gerade nur für ihn erschliessen sollten ... Erst ein Regenschauer führte ihn nach haus zurück ... Da der Chorherr ihn in nichts stören wollte, fand er ein Nachtmahl für sich allein ...
Am folgenden Morgen war das Wetter wunderschön ... Es hatte die Nacht hindurch geregnet ... Eine laue Luft wehte wie im Frühling ... Sein Wirt war schon freundlicher ... Der lange hagere Herr, bejahrter als er aussah, lud zu einer Spazierfahrt ein, sogar zum "speisen" in Hietzing ... Er wollte vom Dechanten, von Monika, von der Seherin von Westerhof hören ... Und mit der äbtissin der Hospitaliterinnen, Schwester Scholastika, bei welcher Monika so lange Jahre im Kloster gelebt hatte, war er auch bekannt ... Selbst von Bonaventura hatte er gehört ... Er sprach von Ceccone ... Dieser wohnte ganz nahebei ... Benno wollte die Depeschen an den Cardinal und den Staatskanzler übergeben ... Der Chorherr schlug einen Fiaker vor, den man nehmen wollte, um alle diese Commissionen mit Bequemlichkeit auszurichten ... Er gehörte, nach Aufhebung seines Klosters, schon seit Jahren einer höhern Studienanstalt an, die gerade Herbstferien hatte ... Alle Erläuterungen, die er gab, begleitete er mit einem eigenen seufzenden Lächeln ... Er sprach nicht drei Worte, ohne sich nicht selbst zu ironisiren ...
Als sie einen Fiaker genommen hatten, fuhren sie erst bei Ceccone in einem nahen und bescheidenen Palais vor ... Benno gab die Briefe von der Stellvertretung des Kirchenfürsten ab ...
Ihre Adresse ist nicht nötig, sagte der Chorherr mit trockener Ironie ... Wo Sie wohnen, das weiss heute früh schon jeder – Polizeivertraute ...
Auf der Herrengasse vor dem Palais des Grafen Salem-Camphausen erteilte ein Portier in den Camphausen'schen Farben den Bescheid, dass die Frau Gräfin verreist und der Herr Graf auf Schloss Salem wäre ... Benno übergab ein an diesen gerichtetes Billet, das er für diesen Fall bereit gehalten ...
Sie bringen dieser Familie die Erlösung, sagte der Chorherr, und müssen doch erst selbst anklopfen! ... Gerade wie in der Pastoralteologie! ...
Noch ehe Benno aus seinem Nachsinnen erwacht war, stand der Wagen vor der Staatskanzlei ...
Auch hier stiegen beide aus und übergaben dem Portier die Briefschaften ...
Pressant! sagte der Chorherr zum Portier ... Se. Durchlaucht lesen die Briefe lieber des Morgens als des Abends ...
Der Portier hatte ihm die Briefe mit zu vielem Gleichmut in seine Loge gelegt ...
Dass doch die Posten selbst für die Staatsmänner nicht sicher sind! sagte der Chorherr beim Einsteigen. Ich glaube, es kommt daher, weil die Staatsmänner ein schlechtes Gewissen haben und die Behandlung der Brieffelleisen kennen ... Wenn Sie Geheimnisse haben, mein Bester, so nehmen Sie nur ja erst Oblaten und dann Siegelwachs ... In solchem Fall muss wenigstens das Couvert abgerissen und aufrichtig darauf geschrieben werden: "Mangelhaft verschlossen" – –
Die Empfehlungen an ein Haus Zickeles wollte Benno abzugeben noch aufschieben ...
Haben Sie noch sonst eine Commission in der Stadt? ...
Benno kämpfte mit sich, die Namen Angiolina Pötzl und die Herzogin von Amarillas zu nennen ...
Er unterdrückte den Reiz und gab gern seine Zustimmung, dass nun der Wagen pfeilgeschwind zum Burgtor hinausfuhr ...
Die Unterhaltung konnte nur Erläuterung zu den bunten, mannichfach wechselnden Eindrücken der Fahrt sein ...
Maria Treu das! sagte der Chorherr auf eine Kirche deutend ... Wir haben Maria Stiegen – gehört jetzt den Jesuiten ... Maria Treu – gehört den Piaristen – La même chose – Maria Schnee – gehört den Italienern. In Rom zählt' ich fünfundzwanzig Marienkirchen ... Ich war in Rom ... Ei, da sehen Sie, auf dem Gebirg ist die Nacht schon Schnee gefallen! ... Da zu, wo Schloss Salem liegt ... kennen Sie die Sage von Maria zum Schnee? ... Einige hundert Jahre nach dem Tod unsers Herrn und Erlösers wusste ein reicher Römer keinen Platz, wo er eine Kirche hinbauen sollte ... Die Gottesmutter erschien ihm und zeigte ihm den esquilinischen Hügel, auf dem die Nacht Schnee gefallen war ... Es ist ein ganz sinniger Zug, dass man den Italienern auch hier die Kirche "Maria Schnee" gegeben hat. Maria Schnee ist das Symbol von Rom in seinem verhältnis zu Deutschland ...
Benno konnte sich allmählich denken, dass die Freundschaft des Onkels Dechanten für diesen Chorherrn wohlbegründet war ... Doch mochte er sich nicht von selbst in sein Inneres drängen ...
Bei dem zu Hietzing in einem besonderen Cabinet eingenommenen Mahle ergab es sich, dass der Chorherr jene sich auf sich selbst stützende Kraft des