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von oben bis unten mit Praterwürsteln ... Im "Sperl" hatte er durch Herrn Pelikan sogut wie schon einen "belegten" Eckplatz und in "Dommayer's", in "Hietzing" wurden durch ihn und die mit ihnen speisten, bereits die Backhändln rar ... An der Table-d'hôte tat es Schnuphase nun unter Champagner nicht mehr und Benno musste nur immer hinterrücks an seinem Sommerrockärmel zupfen, um ihn nur zu bewegen, gegen seine Tischnachbarn den grossen Allmächtigen aus dem Spiele zu lassen, den er halb schon seinen besten Freund nannte ...

Schnuphase's eigentümliche "S – pröche" nannte Herr Calasantius Pelikan zum tiefsten Schmerz des Stadtrats: "Wohl preussisch?" ...

Nach dem Diner schmollte darüber Schnuphase ... Dann aber, wieder ausgesöhnt, war er so neckisch gestimmt, dass er's nun auf die "Donauweibeln" abgesehen hatte ... Er begab sich schwankenden Fusses nach der Vorderkajüte und band dicht neben den reissenden Tieren ein Gespräch mit den blassen volkstümlichen Mädchen in goldenen Helmen an, sie fragend, ob sie keine Furcht hätten vor den furchtbaren Löwen, Pantern und Hyänen oder, wie der sich ebenso schmunzelnd hinter ihm hertrottelnde Calasantius ausdrückte "vor oall den talketen Koatzen?" ...

Immer fester aber und enger schlang sich das Band der neuen Eindrücke um Benno ... Eine "Musikbanda" kam aufs Schiff und spielte gellend auf ... Bei einer Frage um den Grafen Hugo von Salem-Camphausen verwickelte sich Benno in gespräche mit Offizieren ... Seines fesselnden Eindrucks wegen gab man sich ihm gern hin ... Er studirte das eigentümliche, zwischen Französisch und Wienerisch gehaltene Plauschen der österreichischen Aristokratie ... Der Erzähler dieser Geschichten hat das Wesen der meisten Menschen nach dem Durchtönen der von ihnen am häufigsten gebrauchten Vocale unterscheiden wollen, je nachdem die Menschen in A gesetzt sind (sie sind würdevoll und gleichmässig), in I (sie sind verwundert und fröhlich), in O (Hypochonder), in U (Mystiker), in E (Tadelnde, Nergelnde, Mäkelnde). Die österreichische Aristokratie ist entschieden auf E gesetzt. Sie tadelt und kritisirt in einem fort ... Alle Erscheinungen fremder Küchen, Keller, Sitten sind ihr "mechant"; einiges wenige ausgenommen, das sie dann freilich auch ebenso entzückt "charmant" oder "supeeerb" findet, wozu das Zusammentreffen von Bedingungen gehören musste, die Benno erst zu ergründen suchte ... Seltsame Welt, die ebenso viel Selbstbewusstsein wie einen plötzlichen Mangel aller Unterlagen offenbarte ... Selbst die allgemeine Heiterkeit und Lust schien sich zuweilen in eine nur vorgehaltene Maske zu verwandeln ...

Als Schnuphase in der Kajüte schnarchte, erwies sich Herr Calasantius dem Herrn Baron als ein Mann von gefälligkeit ... Es war ein "nach Wien geheirateter" Böhme ... Er hatte gehört, Benno würde in einem geistlichen haus auf der Freiung wohnen und stellte nun den Paramentenhändler heraus ... Der Onkel Dechant hatte Benno an einen alten Freund und Correspondenten, den ehemaligen Chorherrn der Prämonstratenser, Herrn Pater Grödner, empfohlen, einen Gelehrten, der an öffentlichen Anstalten Unterricht gab ... Herr Calasantius Pelikan beschrieb den Mann und sein Haus ... Von seiner eigenen Niederlassung in der Currentgasse erzählte er, es wäre nahe jener Behausung, wo einst die allerseligste Jungfrau dem heiligen Stanislaus von Kostka erschienen wäre und ihm das Jesuskind zum Spielen aus die Bettdecke dargereicht hätte ... Der Herr Stadtrat würde bei ihnen wohnen ... Sein Schwager, der Herr Nepomuck Tukkmandl, wäre der Herbergsvater der Goldsticker, bewahre die Innungslade und ginge bei den Processionen voran ... Alles das würde jetzt wieder "so schön und neu" aufgerichtet und der Herr Stadtrat würde, im Vertrauen gesagt, unter sehr hoher Protection, einen "christlichen Gesellenverein" einrichten, was bei dem "Geist der Zeit" allerdings einige "Schwürigkeiten" haben würde ...

Auf jedes Uebermass der Freude folgt Ernüchterung ... Schnuphase hatte nach dem Erwachen besorgliche ZuständeNachwehen, Beklemmungen ... Die kommende grosse Stadt fiel ihm schwer aufs Herz ... Er beschwor Benno, ihn in dem Gewirr nicht zu verlassen ... Auch seine "Mission" flösste ihm Besorgnisse ein ... Er wiederholte in allem Ernst, dass er die "Audienz" lieber anträte mit "Unters–tützung" eines "gewöndteren Redners" ... Könnt' ich mich Ihnen doch nur ganz "öffenbören" – hauchte er ...

Nach Ihrer vornehmen Kiste zu schliessen, sagte Benno, vermut' ich, dass es der Protection des fürstlichen Kellermeisters bedarf, um in der ehrenvollen Eigenschaft Ihres Mitbeaustragten zu erscheinen ...

Schnuphase seufzte wie unter einer schweren Last ...

Es war schon dunkel, als endlich Nussdorf erreicht war ...

Die Maut ist dann ein chemisches Reagens, das alle Verbindungen löst ... Jeder muss an sich selbst denken ...

Benno fuhr auf diese Art in die innere Stadt allein ...

Der aufgehobene Chorherr der Prämonstratenser, Herr Pater Grödner, war vollkommen unterrichtet und nahm ihn freundlich, wenn auch etwas befangen, in einem grossen geistlichen haus auf ...

Der Onkel Dechant hatte ihm vorausgesagt: Pater Grödner ist ein Hypochonder, wie im Grund ganz Wien nur deshalb ausgelassen lustig ist, um seine plötzlichen Anfälle von Hypochondrie zu vergessen ...

Benno