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.. Linzerinnen, hübsche, "doch etwas gör zu blösse" junge Mädchen mit grossen goldenen Helmen auf dem Kopf – "die schon alle mit russischen 'Herrschöften' scheinen gereist zu sein –" schmunzelte er ...

Es war ein Gemisch, das sich an Bunteit sicher noch vermehrt hätte, ginge nicht noch immer die "Ordinari", ein grosses Floss, das Tiebold als Holzhändler vielleicht aus Esprit de corps und "einmal zur Abwechselung" vorgezogen hätte ...

Hinter Passau folgte die Revision der Pässe ... Die Identificirung der Personen ... Schnuphase flog so eifrig von der ersten "Vöslauer", einem Wein, den er vorzugsweise zu studiren begehrte, auf und reichte seinen Pass so kühn über die Häupter aller Handwerksbursche hinweg, dass ihm Benno sagte: Aber machen Sie sich doch durch übermässige Loyalität nicht verdächtig! ...

Die Gepäckrevision vermehrte Benno's Staunen über Schnuphase's Mission ... Die Mautbeamten lasen gewisse ihnen vom Stadtrat dargereichte Zettel, griffen ehrerbietigst an ihre Mützen und liessen alles ununtersucht ...

Die geheimnissvolle Kiste, sah er bei dieser Procedur, war mit Wappensiegeln verschlossen ...

Benno's Gemüt geriet in immer tiefere Spannungabwechselnd der Freude und Trauer ... Er sah in die hellgrünen Wellen wie in einen Krystallspiegel mit magischen Bildern ... Er verglich, was ihm wohler getan: Sein alter Irrtum oder jetzt die Wahrheit! ...

Die grünen Berge, die den Strom verengten, konnte er nicht sehen, ohne sich nicht auf ihren Spitzen Armgart zu denken ... Welche neue Erscheinungen standen ihm bevor ... Wie sollte er sich ihnen nähern ... Unter welchen Veranlassungen ... Er sah voraus, dass er, wie sein Bruder gesagt hatte, vielleicht vorziehen würde, das zu bleiben, was er war ...

In scharfen Contouren lagen die schon von frischgefallenem Schnee glänzenden steirischen Alpen vor seinem wehmutumflorten Auge ... Die an den Ufern des buchten- und windungsreichen Stromes liegenden Städte schimmerten in heller Pracht mit ihren über und über weissgetünchten Häusern und Kirchen ...

Linz war erreicht ... Ein kurzes Nachtlager ... Dann die "Wirbel und Strudel", die mehr zu reden als zu fürchten gaben ... Mitten in der Strömung auftauchende "Auen" und Inseln erinnerten an die "Weerte" des andern geliebten Stromesan "Lindenwert" ... Mit schmerzlichem Sinnen gedachte Benno des vorjährigen Herbstes und seiner verklungenen Hoffnungen ... Eine verlorene Liebe ist wie die zerstossene Perle, die den Becher eines ganzen Lebens würztwie der Tropfe zerflossenen Goldes, mit dem auf der Palette ein Maler alle seine Farben mischt ...

Benno sah jetzt, je näher er Wien kam, alles feierlich und geheimnissvoll ... Mit einem Herzen voll Gluck hätte sich ihm manches zugänglicher und verständlicher gemacht ... Das Schöne weckt vielen Gemütern ohnehin nur Trauer ... Und schön war hier alles ... Auch hier ragten die hohen Bergkanten schroff empor wie der Geierfels und das Hüneneck ... Auch hier blinkten im wilden Gestrüpp der Büsche, im Geröll zerbröckelnder Burgmauern die Edelsteine der Sagen aus alten zeiten ... Auch hier konnte auf so mancher Altane das Auge einen im Wind wehenden Schleier und das Winken der Gefangenen mit ihres Geliebten bunter Schärpe sehen ... Hohe Schlösser ragten wie Schloss Neuhof, seines Vaters stolzer, erinnerungsdüsterer Stammsitz ... Diese hier bargen Chorherren und Mönche ... Bonaventura hatte grosse Verehrung vor ihnen, weil ihre Bewohner, Benedictiner, den Wissenschaften oblägen ... Oft im Frühjahr, nach dem Kampf mit Roter, äusserte er die Meinung, sich hieher oder in die alten Biblioteken der Schweiz flüchten zu können ... In einzelnen Booten und auf Flössen sah man Processionen, die zu Maria-Taferl wallfahrteten ...

Viele von den Pavillon-Passagieren kamen jetzt erst aus den Bädern zurück ... Es fanden Erkennungen und Begrüssungen statt, auch Misverständnisse und Entschuldigungen ... dicht an vier in Linz aufgefahrenen kleinen Wägen mit dem überraschenden Inhalt von Löwen und Tigern, die als Nachzügler zu einer in Wien schon befindlichen Menagerie gehörten, erklärte ein Witzbold die Gefangennahme Richard Löwenherzens auf dem gegenüberliegenden Dürrenstein dahin: "Aber erlaubens, wann so ein Engländer auch mit einem Löwen statt 'nem Pudel reist, hat der Herzog von Oesterreich dazumal ursache' gehabt, den Mann einstecken zu lassen!" ...

Schnuphase war wie im Vorhof des Paradieses ... In Linz war ihm schon der Geschäftsfreund entgegengekommen, an den er empfohlen war, der Mitbesitzer der Paramentenhandlung Pelikan & Tuckmandl auf der Currentgasse ...

Herr Calasantius Pelikan war eine kleine, dicke und sehr entschieden auftretende natur, mit pechschwarzen, fast zottigen Augenbrauen, Ringen an den Fingern, in grünem Frack, rotem Halstuch, gelber Weste, dem lustigsten Farbencontrast, ganz als wäre das Erdenleben ein ewiger Fasching ...

Schnuphase schwamm in Entzücken über diese Aufmerksamkeit, ihm so auf Meilen entgegenzureisen ... Er zog Benno in die Besiegelungen ewiger Freundschaft hinein, die den Mittelpunkt der ganzen Schiffsconversation zu bilden anfingen ... Ja, im Bewusstsein seiner vertraulichen Beziehung zu dem zweitersten mann dieses grossen Staates ergab sich Schnuphase der sorglosesten Sicherheit, die auch bereits mit allen feineren Nuancen der von ihm erprobten Weine des Schiffskellers übervertraut war ... Er sah im Geist den Stephansturm umringelt