musste sich abwenden, um das flatternde Taschentuch nicht mehr zu bemerken, mit dem ihm Tiebold so lange seine Grüsse zuwehte, bis der Dampfer, der ihn trug, hinter dem grünen Vorgebirge des Niederwalds verschwunden war ...
Benno's Schiff ging später und legte in Rüdesheim an, um Güter und Passagiere aufzunehmen ...
In der Tat wurde ihm hier Stadtrat Schnuphase als Mitpassagier zu teil ...
Herr Maria mit der rötesten Nase, sonst wie zu einer Audienz, in weisser Weste, im Frack, weisser Halsbinde, erschien auf der Landungsbrücke und liess eine Menge Koffer, eine Equipage von wenigstens zehn Centnern Uebergewicht aufladen, darunter eine Kiste, der er eine Aufmerksamkeit widmete, als wäre sie ganz mit Monstranzen, Messgewändern oder consecrirten Kerzen gefüllt ...
Anfangs bemerkte er Benno nicht ...
Herr Maria war in einem zärtlichen Abschied begriffen von einer hohen Gestalt, die ihm kräftiglich die Hand schüttelte ...
Benno erkannte den Moppes'schen Küfer, den Richter von der Eiche am Düsternbrook, den Richter seines eigenen Vaters, Stephan Lengenich ...
Wohl war ihm diese Begegnung eine unheimliche ... Er wich Schnuphasen aus, ergriffen wie von einem Omen ...
Doch allmählich, als das Schiff weiter fuhr und Benno, gegen den noch kühlen Morgenwind in einen Mantel sich verhüllend, vom Verdeck aus den Küfer lange auf der brücke harren und mit abgezogenem Hut dann und wann noch den Stadtrat zum Scheiden grüssen sah, löste sich der Druck der Erinnerung, der mit eisigen Krallen sein Herz erfasst hatte ...
Auch der Stadtrat hatte ihn jetzt entdeckt, erkannt und mit Bewillkommnungen überhäuft ...
Wo reisen Sie hin, Herr Stadtrat? ... Auch nach Wien? ... fragte Benno gelassen ...
Herr Maria hätte Benno vor Freude über eine solche Reisebegleitung fast umarmt ...
Eben fuhren sie am Johannisberg vorüber ...
Er schilderte geheimnissvoll, was er oben gestern und heute gesehen auf dem in der Sonne leuchtenden schloss ...
Er schilderte die "Öpörtements", den berühmten Schreibtisch, der ganz mit "S – piegeln" umgeben wäre, sodass der hohe "S – tötsmönn", indem er die Feder führte, immer sehen könnte, ob hinter ihm die "demögögischen Umtriebe" ... –
St! ... unterbrach Benno ... Die Kellerei! ... Erzählen Sie von der! ...
Der vor Begeisterung auch über diese Keller, wie er sagte, "sich noch in einem ungefrühs – tückten Zus–tönde befindliche" Stadtrat machte eine bedeutungsvolle Miene, sah nach Rüdesheim zurück, dann auf sein Gepäck und brach von dieser Frage mit eigentümlicher Pfiffigkeit ab ...
Ich glaube gar, Sie haben geheime Aufträge an den Staatskanzler? fragte Benno ...
Wieder folgte eine mysteriöse und diplomatische Abschwenkung ...
Die Nase glühte in der Sonne ... Das weisse lockige Haar stand dem kleinen haupt ganz staatsmännisch und bedeutungsvoll ...
Benno gab sich der Hoffnung hin, dass ihm seine Reise wenigstens von dieser Seite her Unterhaltung bieten würde.
5.
Stadtrat Schnuphase hatte den Mentor gefunden, den seine in diesem Sommer mannichfach geprüften Töchter mit Verzweiflung vermissten, als sie hörten, Herr Stephan Lengenich würde nur bis zum Schloss Johannisberg mitreisen ...
Sie wussten, wie der Vater bei seiner entusiastischen Gemütsart in der freien Luft, beim Anblick der hohen Dome, Domstifte, Kapellen, Kerzen und Schenken aus sich "herauszugehen" pflegte ... Erst in Wien selbst war Aussicht vorhanden, dass der so leicht angeregte Mann durch seine mitgenommenen Empfehlungen in eine geregelte Ueberwachung kam ...
Schon von Frankfurt am Main aus schrieb Schnuphase seinen Töchtern das Glück, das er gefunden, den Herrn Baron von Asselyn als seinen Begleiter zu haben ...
Es war ein Glück, das Benno teuer bezahlen musste ... Denn Schnuphase heftete sich an ihn an wie eine Klette ... Und einen Auftrag an den grossen Staatsmann hatte Schnuphase auf jeden Fall ... Worin – erriet Benno nicht ... Schnuphase, der ihn sonst bis in das Innerste seines Busens, bis auf alle geheimen Medaillen und Amulete, die er unter dem blossen Hemde trug, sehen liess, vermass sich hoch und teuer, hierin müsse er schweigen – er hatte sich und seinem Schutzpatron drei Eide abgelegt – doch würde er bei dem grossen Staatsmann für Herrn von Asselyn sprechen, falls er die Bekanntschaft wünschte; er würde ihn einführen, ja, wenn er wollte, zu seinem "Mitbevöllmächtigten" machen ...
Ums himmels willen –! ...
Benno wollte erst im Scherz zustimmen, erschrak aber über die Möglichkeit, dass der Stadtrat wirklich in Sachen der Politik reiste ... Er konnte nicht auf den Grund kommen, ob es sich um den Weinkeller oder um die Staatskanzlei handelte ... Schnuphase bat ihn, seinen "Chöröcter" nicht zu compromittiren, indem er ihn reize, seine Geheimnisse zu "öffenbören" ...
Sonst liess sich der kühnste aller Emissäre, wenn er dies war, in seiner ganzen Auffassung der Zeit und der schwebenden fragen ohne alle Rücksicht gehen ...
Schnuphase hatte zwei Brieftaschen, die er bei jedem Stundenschlag zog ... Eine schien mysteriösen Inhalts ... Sie hing, wie Benno allmählich bemerkte, mit den Tageszeiten, Rosenkranzverpflichtungen und den dadurch gewonnenen Ablässen zusammen ...
Von Würzburg hätte