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"Gärten" hereinwachsenden grünen Gras-Gottessegens, das unleugbare Klingeln wirklich vorhandener Kühe und die allgemeine Bewunderung dann beim "gebildeten Gespräch", das überhaupt in Aussicht gestellt wurde, vor drei alten hamburger Kupfermünzen, die Herr Carstens als Perspective künftiger geistiger Genüsse gestern mitgebracht hatte, dann der umständliche, zärtliche Abschied des Bruders, wenn er ins Geschäft ging, und alle diese täglichen Vorgänge in einer sich immer gleichbleibenden Cadenz des Gemütlichen, des Sichvonselbstverstehenden und gleichsam Uraltewigen und auch noch nach Jahrtausenden Sosichgleichbleibenden ... das machte ihr einen Eindruck, als hätte sie müssen in die eingehegten Wiesen hinüberspringen und zunächst gleich bei den Melkerinnen drüben, die vor den grossen rotangestrichenen Kübeln sassen, hülfe und Unterhaltung suchen.

allmählich aber fand sie sich dann, besonders als die jüngere Schwestermit welcher Bezeichnung indessen ihr Alter nicht etwa aus dem Beginn der Vierziger zurückverlegt werden sollihre Hauptforce entwickelte, das Spiel am Piano.

Das stand im Wohnzimmer, dicht in der Nähe der in der entwicklung begriffenen Laube.

Man konnte die "Sonate patétique" nicht schmelzender, die "Eroica" nicht feierlicher vortragen als dies Meta Carstens tat. Lucinde fühlte, was sie hier lernen konnte. Sophie handelte wohl unterdessen mit einem jungen bäuerlich gekleideten und an einem Schulterquerbalken ein Dutzend Gemüsekörbe tragenden Burschen um junge Erbsen und ein fliegender Metzger brachte die vielbesprochenen "Sweser". Das Plattdeutsche, dem Lucinde auf Schloss Neuhof kaum entronnen zu sein glaubte, tauchte dabei aufs entschiedenste wieder auf. Es stand indessen den Schwestern, besonders wenn sie mit den Vierländern verkehrten, ganz zierlich und erhöhte den Eindruck des Gelassenen, Soliden, Leidenschaftslosen und "Respectabeln", welches letztere Wort immer das dritte war. Die kalte Ruhe aber wieder, mit der die SchwesternMeta stand dann zur Unterstützung der Debatte mitten aus dem dritten Satz der "Eroica" aufdie grünen Erbsen auf die Hälfte hinunterbieten und mit einem: "Ne, Ne, Ne, min Jong! Hol di jo nich op, min Jong!" den Handel abbrechen konnten, stand in so seltsamem Widerspruch mit der Süsse des Tons, dass sie immer nur schwieg und horchte und über so seltsamer Gegenwart fast die Vergangenheit vergass.

Klingsohr kam dann endlich auch aus Göttingen an. Dass sie die Verlobte eines Doctors der Rechte war und dieser selbst ein mit der Durchführung wichtiger adeliger Processe betrauter advokat, der eine Zeit lang in hiesiger Stadt wohnen wollte, wurde schon in der Correspondenz über die Marschen und Geeste hinweg von Schloss Neuhof aus nach dem Rödingsmarkt berichtet.

Klingsohr besass selbst etwas von der eigentümlichen Art der Studirten, die in hanseatischen Städten den Ton angeben. Er hatte meist seine Ferien bei hamburger Freunden verlebt und verkehrte in Göttingen überhaupt nur mit Studenten, die unter ich plattdeutsch sprachen. "Selbst ist der Mann!" scheint die Devise aller dieser jungen hamburger ärzte und Advocaten zu sein. Klingsohr fand hier die liebsten Genossen seiner Studienzeit wieder. Gleich den ersten Abend, wo er zum Tee in der hoffnungsvollen Laube blieb, fand er auch bei den Damen und Herrn Carstens einen ausserordentlichen Anklang. Bei Herrn Carstens besonders, seitdem er mit ihm über den alten Seeräuber, den Störtebeker, gesprochen. Als die Hinrichtung desselben erzählt werden sollte, brach zwar Klingsohr ab, versprach aber Herrn Carstens einige Münzen über die Einführung des soester Stadtrechts in Hamburg zu bringen, die er noch von seinem Vater aus der Deichgrafenzeit her besass. Eben schwamm Herr Carstens darüber in Entzücken und notirte sich den Gegenstand zum Nachschlagen in den reichen Bücherschätzen der Börsenhalle, und schon hatte er auch Meta gewonnen durch eine Parallele zwischen Mozart und Beetoven, indem er jenen mit Rafael, diesen mit Correggio verglich und dadurch bei den Schwestern die Schleusen wegzog von verhaltenen seligsten Erinnerungen an die dresdener Galerie, Terrasse und Sächsische Schweiz ... Ein Wort gibt dann eben das andere. Sophia Carstens bewunderte des Doctors Kunst, sich plattdeutsch auszudrücken. Man merkte dies bei der Plage der Sommerwohnungen, den Bettlern, die er plattdeutsch über ihre Herkunft und sonstige "Poesie des Zigeunertums" examinirte. Sophie fand, indem sie trotz dieser Poesie doch lieber die Tür des "Gartens" abschloss und mit wenigen Schritten wieder hinterm Teetopf sass, eine Bürgschaft seines Gemüts darin, dass er die lieblichste und sanfteste Sprache von der Welt über seinen Reisen und gelehrten Studien nicht vergessen hätte.

Mein guter Vater, sagte der Doctor mit melancholischem Ausdruck der Mienen und eine Weile die Cigarre aus dem mund nehmend, mein Vater hasste die plattdeutsche Sprache. Er duldete schon nicht, dass sie drüben in Stade, wo er wohnte und meine Mutter geheiratet hatte, in seinem haus gesprochen wurde. Auch auf der Buschmühle, wo alles plattdeutsch spricht, mochte er sie nicht hören. Er nannte sie eine faule und bequeme Bauernsprache, nur gemacht für das Ideal des zufriedenen feudalen Schlaraffentums. Wenn er über irgendeine Trägheit in seiner Nähe in Zorn geraten konnte, über ein Gehenlassen wichtiger Dinge, über Gesinnungslosigkeit in grossen patriotischen fragen, so rief er: "Sitt ick in gooder Roh', rook min Piep Toback datô!" Er glaubte damit das ganze Wesen des Plattdeutschen getroffen zu haben.

Die drei Geschwister Carstens kannten das unglückliche Ende des berühmten Mannes und verrieten nur durch Achselzucken ihr Bedauern über diesen Mangel bei soviel anderweitigen Vorzügen.

Lucinde aber konnte nicht umhin, die gleiche Abneigung auszusprechen.

Das ist ja eine Sprache, sagte sie, die eines Mannes gar nicht würdig ist! Man glaubt sie nur im Winter