, ich kann mir diese Verirrung seines Geschmacks, "wenn Sie wollen" erklären ... Nicht nur nicht, dass die Kleine wirklich ein Bild von Schönheit, von Sanftmut, von Anmut – ohne Spass – sondern auch – dass sie –
"Mehr Inhalt, weniger Kunst!" unterbrach Benno ...
Tiebold, gewohnt, von Benno'schen Dialog-Hindernissen gereizt zu werden, hörte nicht auf die Mahnung, sondern wandte sich an Bonaventura, der sein Studirzimmer den Freunden bereitwillig zum Rauchen hergab, und fuhr fort:
Sagen Sie selbst, Herr Domkapitular, finden Sie es nicht auch begreiflich? ...
"Nicht nur nicht –" schaltete Benno ungeduldig ein ...
Wer – sich – nur – irgend – auf Piter's – Standpunkt – zu – versetzen weiss – sagte Tiebold, jede Sylbe betonend ...
Ich kenne das junge Mädchen und wünsche jedem Glück, der dessen Liebe gewinnt – schaltete Bonaventura zur Beruhigung ein ...
Vollkommen meine überzeugung! äusserte Tiebold mit einem Mitleidsblick auf Benno ... Nur eine "dergleichen Acquisition" konnte "Piter's Naturell Befriedigung gewähren" ... Eine Liebe darf manche Charaktere nicht "geniren" ...
Kurz, Tiebold erzählte von einer Verkleidung, in der sich Piter ins Kloster geschlichen hätte ... Früher wäre er im Waschkorb gekommen, diesmal aber als Mitglied der weiblichen Nähschule selbst ... Er hätte nicht einen einzigen seiner Sherrypunschfreunde zum "engern Complicen" gehabt. Der Gedanke wäre ganz original aus "seiner Seele allein" entsprungen. Vielleicht höchstens mit Hinzuziehung des Fräuleins Lucinde, die dem Treudchen diese Partie gönnte – "vermutete" Tiebold ... Piter hätte sich in den einfachen Anzug einer Näherin geworfen, hätte seine interessante Erscheinung durch einen Strohhut mit Schleier unkenntlich gemacht und wäre so ins Kloster gekommen ... Das Glück hätte ihn begünstigt und vor einem zu langen Umherirren bewahrt ... Treudchen Lei wäre bald aufgefunden gewesen, er hätte sie in ihrer Zelle überrascht und ihr solange – Tiebold bediente sich des auf Piter anwendbaren Ausdrucks – "zugesetzt", bis das schwache, willenlose Mädchen eingewilligt und mit ihm durch die Gänge, die ins Waisenhaus führten, das Kloster verlassen hätte ... Dort hätte sie noch erst ihre Geschwister unter Tränen geküsst und wäre dann spurlos verschwunden ... Piter hätte ohne Zweifel den Weg nach einer Gegend genommen, die derjenigen völlig au contraire gewesen wäre, aus der er jetzt "mit seinem haus" correspondire ... Sein Schwager, der Professor ausser Diensten, hätte im Sturm der Indignation sofort Procura bekommen, während die Commerzienrätin die "gewöhnliche Farbe ihrer Scheitel aus Anstandsrücksichten ins Kummergraue melirt" hätte ... Ohne Zweifel würde Piter nach einigen Monaten an der Hand seines jungen Weibchens "am Platz" zurückkehren und höchstens nur noch mit den Curatoren des von ihm entweihten Klosters, namentlich mit dem wiederhergestellten Pfarrer vom Berge Karmel, "einen schönen Tanz kriegen" ...
Bonaventura hörte alledem zu, wie ein Arzt seinen Kranken reden lässt und durch kein Lächeln verrät, dass die ihm mitgeteilten Symptome ihm in nichts überraschend, wenn auch auf völlig andere Ursachen hinzuleiten erscheinen, als sie der Kranke ausspricht ...
Die Belustigung seiner Freunde über "Piter als Nähmamsell" konnte Tiebold, trotz des Verdachts der Blasphemie, "nicht umhin" zu teilen und versprach sich davon für den stadt- und landersehnten nächsten Carneval ein "anregendes Motiv" ...
Benno reiste am folgenden Morgen ab und Tiebold gab ihm das Geleite bis auf eine Tagereise, Bonaventura nur bis zur Abfahrt des Dampfboots ... In seinem letzten blick und Handdruck lag ein tiefes Bangen vor den Erfahrungen, denen Benno entgegenreiste ... Die Rührung des Abschieds konnte nicht zum vollen Ausbruch kommen – Tiebold's wegen, der teils mit den Kofferträgern zankte, teils dem Abschied der Freunde und den etwa dabei fallenden "letzten Wünschen" ein aufmerksames Ohr lieh ...
Nach einem jener abwechselungsreichen Tage, wie man sie auch nur auf einem menschenüberfüllten Dampfboot und dann nur mit Tiebold de Jonge, der Seele einer solchen Fahrt, verbringen konnte, nahm Benno auch von diesem Abschied ... Sie hatten noch eine Nacht in einem der schönen Hotels zugebracht, deren sich in der Nähe des Grabes der heiligen Hildegard mehrere erheben ... Wieder brach ein milder, sonniger Herbsttag an, als Tiebold frühmorgens talwärts, Benno bergauf weiter fuhren ... Ihr Abschied war, wie Tiebold versicherte, nur auf kurze Zeit ... Der Landtag, der seinen Vater beschäftigte, trat zwar zusammen, würde aber der von der Ritterschaft und den Städten beabsichtigten Anträge zu Gunsten des Kirchenfürsten wegen sogleich aufgelöst werden ... Er würde dann nicht verfehlen, ihn eines Morgens in "Oesterreich und Umgegend" zu überraschen ...
Im Fremdenbuch ihres Hotels hatten sie den Namen Schnuphase gefunden ... "Stadtrat" Schnuphase ... Der von der Commune wegen seiner kirchlichoppositionellen Richtung durch diesen Titel ausgezeichnete Mann reiste, wie zu lesen stand, gleichfalls nach Wien ... Prächtige "Unterhöltung" das! sagte Tiebold. Ein "Ersötz" für m e i n e "unfreiwillige Kömik" ...
Dieser letzte "Stich" vertrieb die Rührung nicht, mit der sich beide Freunde umarmten ... Auch von Tiebold nahm Benno Abschied in dem seltsam ihn beschleichenden Gefühl, ihn nie wiederzusehen ... Er