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der Mutter hergenommener Name, die sich Maldachini nur als Sängerin nannte ...

Bonaventura verteidigte die Einfachheit der katolischen Ehe ...

Sie ist ein letzter Rest der apostolischen Zeit ... sagte er ... Die bürgerliche Gemeinde war damals die Kirche und die Kirche war die bürgerliche Gemeinde ... Zwei Liebende sagten vor dem gemeinschaftlichen Genuss des Abendmahls: Wir sind Eins! und keine Macht der Erde konnte sie trennen ...

Leider auch die Kirche nicht mehr! ... setzte der Präsident seufzend hinzu ... Gewiss sollte dann auch hier der eigene Wille höher stehen als ein Mysterium, das ein Mysterium zu sein aufhört, wenn sein Duft verflogen ist, die Liebe ...

Die eignen Familienbeziehungen wurden für die Fortsetzung des Gesprächs zu schmerzlich ...

Den heftigen Anklagen des Präsidenten gegen Terschka, Rom, die Jesuiten, Nück konnten die Freunde nicht widersprechen ... Auch hier hatte Friedrich von Wittekind Zusammenhänge, deren Kenntniss ihm nur aus amtlichen Quellen gekommen sein konnte ... Dennoch riet er Benno, Nück nicht ganz aufzugeben und jedenfalls die Reise nach Wien im Auftrag der Dorste'schen Agnaten zum äussern Anlass seiner weitern südlichen "Entdeckungsfahrt" zu machen ... Nur lassen Sie sich kein rotes Kreuz aufheften, um in päpstliche Dienste zu treten! fügte er hinzu ... Wenn Sie indess von Nück an den Staatskanzler empfohlen werden, das nehmen Sie als interessante Reiseerinnerung! ...

Ich würde wie Posa reden! ... scherzte Benno ...

Tun Sie das ja nicht! Dann gibt er Ihnen eine Anstellung! entgegnete der Präsident ...

Man stritt über diesen Scherz ... Der Präsident sagte: Glauben Sie mir, der Staatskanzler stellt jeden noch so freisinnigen Posa an, der von guter Familie und katolisch ist ... Es hat aber gute Wege damit ... Sprächen Sie ihn, Sie würden den klugen Mann so liebenswürdig finden, dass Sie nicht ein einziges freisinniges Wort gegen ihn aufbrächten ... Er wird sogar liberaler sein als Siewenigstens fürchtet er mehr als wir die Jesuiten ... Wenn er jetzt den Schein annimmt, Rom beizustehen, so ist es nur, um unsern Staat zu schwächen ... Aber auch das wird er in Abrede stellen und dem jugendlichen Sinn jede Zustimmung abschmicheln ...

Bonaventura und Benno blieben Welfennicht im hierarchischen Sinn, sondern so wie Bonaventura einst zu Klingsohr hatte sagen können: "Nichts will im grund die Freiheit der Völker und des Menschen mehr, als die katolische Kirche!" ...

Der Präsident besuchte, zur Beruhigung des Dechanten, noch Kocher am Fall ... Er hatte sich als Beamter zur Disposition stellen lassen, weil seine Erbschaft ihn zu sehr in Anspruch nahm ...

Einige Wochen später war Benno zur Abreise bereit ... Bonaventura hatte kein Wort von Paula gehört ... Ihre ekstatischen Zustände dauerten fort, aber ihn selbst schien sie aus ihrem Leben gestrichen zu haben ... Es lag eine seltsame Strenge, eine Strafe in diesem Schweigen ... Er litt unsäglich ...

Benno erhielt von Nück die Papiere, die dem Grafen Hugo vorzulegen waren. So sehr er sich dagegen sträubte, musste er dennoch Depeschen an Ceccone und den Staatskanzler mitnehmen ... Er konnte dies in der Fülle der ihm übergebenen Aufträge nicht ablehnen ... Der Dechant empfahl ihn an alle seine alten wiener Freunde und besonders Einen, bei dem er wohnen sollte ... Benno nahm dies an, obgleich er einsah, dass es ihn sofort nach Rom ziehen würde ... An die Möglichkeit, dass und in welcher Form Ceccone wagen könnte, die Herzogin von Amarillas sich nachkommen zu lassen, konnte niemand von den enger Verbundenen glauben ...

Tiebold blieb ausserhalb aller dieser Geheimnisse und litt unter der Trennung von Benno wie ein Liebender unter der Trennung von seiner Geliebten ... Sein "Halt", seine "Führung" war dahin ... Doch zerfloss er nur in jene bekannte Sentimentalität, die sich vor dem Uebermass der Selbstrührung durch Poltern zu bewahren sucht ... Er packte Benno's Koffer, revidirte seine Garderobe und zerstörte ihm seine alten Brieftaschen, Haar- und Nagelbürsten, um ihm nur ein prachtvolles englisches Reisenecessaire zum Andenken mitgeben zu dürfen ...

Nicht ebenso "unausstehlich" aufmerksam, aber teilnehmend waren auch alle andern Bekannte Benno's ... Nur Piter hatte sich seit einiger Zeit zurückgezogen ...

Noch am Abend vor Benno's Reise kam Tiebold zu Bonaventura ins Domkapitel, wo er hoffen konnte Benno zu finden, und erzählte atemlos einen "schönen Skandal" ... Piter hatte Treudchen Lei gewaltsam aus dem Kloster entführt ...

Denken Sie sich, erzählte er, Piter soll bereits schon einmal im Kloster gewesen sein und zwar auf welchem hoffentlich "nicht mehr ungewöhnlichen" Wege? ... In einem Waschkorb! ... Ich versichere Sie auf Ehre! Eingepackt als Leinzeug, das von einer im Kloster gehaltenen Nähschule gesäumt, gesteppt, gezeichnet, gewaschen und gebügelt werden sollte ...

Bonaventura schlug die Augen nieder ...

Dieser Ueberfall, fuhr Tiebold fort, misglückte damals ... AberSie wissen ohne Zweifel, Herr Domkapitular, die kleine allerliebste Blondine, die bei seiner verstorbenen Schwester dientediese für ihn unbegreiflicherweisenein, um es aufrichtig zu gestehen