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.. Er hasste das Betonen kirchlicher Streitigkeiten und lehnte deshalb auch die Ansprüche ab, die der Protestantismus auf grössere Vorzüglichkeit machte ...

Wenn man den katolischen Glauben, sagte er, von dem Zwang, innerhalb kirchlicher Gemeinschaft leben zu müssen, befreien und die Verbindlichkeit der Autorität für die Freiheit des Gewissens aufheben könnte, so liegt eine freundlichere Lebensauffassung in all unsern Ceremonien, als im Pietismus ... Haben Sie in Gegenwart der Gräfin je eine wahre Freude über die Schönheit des Meeres und den blitzenden Spiegel der Wellen äussern dürfen, als Sie mit ihr die Rückreise machten, oder haben Sie irgendeinen weltlichen Gegenstand unbefangen nennen können? Hedemann hat uns wenigstens in Witoborn auf jede natürliche Aeusserung unserer Empfindungen einen scheinbar frommen, im Grund aber rechtaberischen Dämpfer zu legen gewusst ...

Bonaventura nannte indessen seinerseits die Erscheinung des Protestantismus nur deshalb unvollkommen, weil er n u r durch das Bedürfniss, einen polemischen Gegensatz aufzustellen, hervorgerufen wäre ... Der Pietismus, sagte er, das ist ein Versuch, aus dem Protestantismus wieder zur Religion zurückzukommen; denn Protestant sein, heisst nicht: Christ sein, sondern nur: Nicht-Katolik sein ...

Und man müsse sich allerdings, fuhr er fort, eine Zeit denken können, wo auch der Katolicismus in seiner jetzigen Gestalt aufhörte ... Die Verbreitung der Philosophie würde dann bis in die kleinsten Hirtentäler Spaniens und Siciliens gedrungen sein ... Ich verstehe, sagte er, unter Philosophie eine Aufklärung, die ihre Resultate mit verständlichen Allgemeinbegriffen in die Welt hinausgehen lassen kann ... Dann wird die Frage nur noch lauten: Was ist rein christlich? ... Dann werden sich Protestanten und Katoliken begegnen müssen im apostolischen Gemeindeleben ... Auf welchem andern grund soll man sich zuletzt wieder die hände reichen, als auf dem der Bibel? ...

Mit Tiebold's schüchterner, aber fast mit latentem Fanatismus hingeworfener Bemerkung zu Benno: "Vorausgesetzt dass man überhaupt kein Heide ist, wie denn doch wohl mehr oder weniger Ihr Fall, mein bester Freund!" schloss die Debatte im Scherz ...

Ohne zu auffallende Erlebnisse, ohne ein Lebenszeichen von Westerhof, ohne die Ankunft der Gräfin Erdmute, nahte sich schon der Spätsommer ... Benno wurde indess erkoren, der Ueberbringer der Pacten zu sein, die bereits die Agnaten der Familie Paula's, die Landschaft und die Curie von Witoborn dem Grafen Hugo zur Unterschrift vorlegen wollten ... Der Präsident von Wittekind, Bonaventura selbst waren an diesen Pacten beteiligt und jener erschien dann auch plötzlich in der Residenz des Kirchenfürsten ...

Benno und Bonaventura wurden durch seinen Besuch in jeder Beziehung überrascht ...

Kein stürmischer, aber auch kein kalter Gruss war es, mit dem er Benno in der Tat seinenBruder nannte ... In der darauf folgenden kurzen Umarmung lag ein ganzes Leben ...

Die sehnsucht Benno's, Mutter und Schwester kennen zu lernen, fand der sonst dem Abenteuerlichen wenig geneigte Mann natürlich ... Die Mittel, eine Reise nach Wien und Italien zu unternehmen, wurden reichlich von ihm dargeboten ...

Das Band des Blutes zwischen beiden Männern war so eigentümlich bedingt, dass sie sich anfangs ohne Wallung des Errötens nicht ansehen konnten ... Die in solchen Lagen so oft vom Gemüt vorausgesetzte Gegenwart eines unsichtbaren Geistes, der vom Land der Seligen herüber die hände zweier so widerstrebender Interessen ineinander legt mit dem Friedenswort: Seid einig! konnte hier nicht vorausgesetzt werden ... Was sie umrauschte war der mitternächtige Flügelschlag der Eule ...

Der Hinblick auf Wienauf die gemeinsameSchwester mehrte den unheimlichen, erschütternden Eindruck ...

Der Präsident kam als Vertreter der Agnatenansprüche und als nächster Verwandter Paula's, er dachte über die notwendigkeit dieser Ehe ganz wie Monika ... Eine Schonung Bonaventura's, wenn sie ihm auch vielleicht als zu üben bewusst war, forderte nicht die Stellung eines Priesters und überhaupt eines solchen, wie sein Sohn ... Eher war die Erwähnung des Grafen Hugo um Benno's willen mislich ... Er erzählte von Angiolina, von der Herzogin von Amarillas, was er mit Vorbedacht erkundschaftet hatte. Sie werden vorziehen, den Namen der Asselyns für immer zu behalten und fortzupflanzen, da er ohne Sie aussterben würde! sagte er zum Bruder, den ernicht Du nannte ... Die Gültigkeit der betrügerisch geschlossenen Ehe des Kronsyndikus musste wiederholt zur Sprache kommen ... Geld würde es auf alle Fälle reichlich kosten, sagte er, bis die Sacra-Dataria in Rom, natürlich erst nach dem Tod des Dechanten, zu Ihren und Angiolinens Gunsten Ihre Deutungen des kanonischen Rechts geltend machte ... Auch in unserm Land würde dann die Anerkennung nur ein Gnadenact der Krone sein können, der sich kaum verbürgen liesse, da die Herzogin von Amarillas nicht einmal die Klägerin ist ... Sie wird sich hüten, das Verbrechen der Bigamie auf sich zu laden ... Sie wird immer sagen, dass sie zuletzt den Betrug durchschaut hätte ... Ich bin begierig auf Ihre Begegnung mit ihr ...

Die Auffassungen des Präsidenten widerstrebten zwar einer Verbindlichkeit derjenigen Ergebnisse nicht, die etwa Benno von einer Begegnung mit seiner Mutter heimbringen würde, nannten aber die katolische Lehre von der Ehe gefahrvoll und den bekannten Ehen des Schmieds von Gretna-Green nicht im mindesten unähnlich ... Julius Cäsar von Montalto war ein von