1858_Gutzkow_031_625.txt

" ... Oder der Briefwechsel würde zwar ausgeliefert werden, aber "Abschriften würde man auf alle Fälle davon zurückbehalten" u.s.w. ...

Der Onkel riet ernstlich mit Lucinden Frieden zu schliessen ...

Das Leben ist so arm an Liebe, sagte er, dass man nie eine dargereichte Hand ablehnen soll ...

Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte, die fortwährend in Hass und Rache überzuschlagen drohte, entgegnete der Onkel:

So sind sie ja alle! ... Meine eigene Petronella würde mich mit kaltem Blut an einer Pastete sterben sehen, wenn ich "mit ihr bräche"! ... Selbst die Buschbeck, deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdankeletztere war jünger; Benno's Vater trat sie mir abaus Geizab, um nicht "zwei von dieser Bande" ernähren zu müssenselbst Brigitte von Gülpen, die älteste Tochter der Bischofsköchin und fürstabtlichen Blutes nicht unverdächtig, wäre besser geworden durch gewährte Liebe ... Die idee, für einen treulosen Geliebten, der ins Kloster ging, die Menschheit zu tyrannisiren, Kindern und Mägden das Leben zu vergiften, sich selbst das Brot abzuhungern, vergegenwärtigt dir jene tiefe Bedürftigkeit des Weibes, unter allen Umständen ein Wesen sein zu nennen und wär's zuletzt nichts als ein alter, mit einer Flanelljacke bekleideter Mops, der am Astma in den Armen seiner weinenden Gebieterin stirbt ... Deine Renatewie alt ist sie? ... Nahe den Siebzigen ... Du wirst an einen Ersatz denken müssen ... Und wehe dir auch da, wenn sie deine Absicht merkt ... Schlage die Concilien nach ... Sie liessen lange zweifelhaft, ob die Frauen überhaupt Menschen sind ...

Bonaventura liess, wenn auch zögernd, diese Auffassung der Drohungen Lucindens gelten ...

In fernern Gesprächen zeigte sich auch noch zuletzt, warum der Onkel regelmässig bei Erwähnung des Schlosses von Castellungo in Nachdenken verfiel ... Das zufällige Aussprechen der Worte: Fiat lux in perpetuis! brachte zwischen beiden das geheimnis des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache ... Der Onkel öffnete kopfschüttelnd sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm gewordene anonyme Aufforderung ... Sie war gleichlautend mit der, die auch Bonaventura empfangen hatte ...

Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huss und Savonarola nicht mehr gewinnen, sagte der Onkel, und hüte auch du dich vor ihnen ... Welche Mystificationen das! ...

Bonaventura versicherte, dass sein Glaube feststünde, der Eremit von Castellungo wäre sein Vater ... Er wäre in Italien Waldenser geworden und hätte, ein Opfer der römischen Scheidungsgesetze, den Gedanken einer Kirchenverbesserung gefasst ... Würde er auch an jenem 20. August der Versammlung, zu der er einlud, achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben, so würde man doch seine Gemeinde finden ... Nach allem, was ich höre, schloss er, ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden, die bis dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann ...

Wenn sie nicht die Jesuiten zerstören! unterbrach der Dechant ... Lieber Sohn! Welche Träume! Sehen sie meinem Bruder Friedrich ähnlich? ... Nein, neinMystifikationen! ...

Doch die Eichen von Castellungo grünen! entgegnete Bonaventura ... Castellungo gehört dem Grafen Hugo ... Frâ Federigo, ein Deutscher, lebt unter dem Schutz der Gräfin Erdmute ... Paula sah ihn deutlich und sagte in einer ihrer Visionen, er gliche mir ...

Der Onkel staunte, lächelte dann aber ...

Weil sie auch dich an einer Himmelsreligion beteiligt glaubt, die den Priestern erlaubt zu heiraten! ... Nein, nein ... Das alles ist nur Spuk und hängt mit den Umtrieben zusammen, die plötzlich jenen Terschka entüllten ... Coni oder Cuneo steht in der anonymen Aufforderung? ... Fefelotti, Ceccone's Gegner im Conclave, ist soeben aus Rom verbannt und Erzbischof in Cuneo geworden ... Ihr armen Waldenser jetzt! Eure Bibeln werden bald confiscirt sein! ...

Den Anklagen, die der Onkel auf Ceccone, auf Fefelotti, auf alle, die mit Roms Intriguen zusammenhingen, schleuderte, lieh Bonaventura um so bereitwilliger sein Ohr, als jetzt auch durch Benno's Lebensschicksale sich ein Netz um sie alle her zu spinnen schien, dessen Fäden immer enger und enger wurden und ganz auf Rom führten ...

Zum Glück hab' ich euch beideUltramontanen bei zeiten angehalten, italienisch zu lernen! scherzte der Onkel, ohnedarum doch den Beängstigungen, die in den beteiligten Gemütern diese Dunkelheiten zurücklassen durften, sich ganz zu entziehen ...

Inzwischen kamen aus der Residenz des Kirchenfürsten Briefe vom Generalvicariat, die bis auf weitere Entscheidung Roms über den Magnetismus jede Beeinträchtigung des Domkapitulars in seinen Würden niederschlugen ... Roter's Anklage wurde als ungebührlich abgewiesen ...

Die Genugtuung war demnach vollständig ... Dennoch reiste Bonaventura voll Bangen ... Er sah das Alter und den Kummer des Onkels ... Er fürchtete sich vor einer Stadt, die er auch sonst schon gemieden ... Sein Ehrgefühl war doch verletzt worden ... Feinde wirkten gegen ihn und zu der Kraft sich zu erheben, die Hass oder Verachtung verleihen, vermochte sein Gemüt nicht ... Auch wo Lucinde weilte,