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. Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist sich sein eigener Priester!

4.

Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei ...

Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt, einen neuen Rundblick gewonnen ...

Schmerzlich genug war er erkauft ... Aber er hielt ihn fest mit dem leuchtenden Aufblick der inneren Verklärung und des Gefühls, sich eins zu wissen mit dem unerforschlichen Verhängniss ...

An die wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken ... Er stürzte sich in das Allleben der natur, umfasste nicht mehr zagend und bangend bloss das Einzelne ...

Beim Besteigen der grauen Berglehnen, die durch die noch wenig belaubten Weinstöcke noch kahler erschienen, umzog sich vor seinem blick aus der eigenen Brust heraus alles wie schon mit den Früchten des Herbstes ... Mit Gewalt wollte er sich helfen; er grüsste freundlicher, er stand denen Rede, die ihm im feld begegneten, auch denen, die ihm nachschlichen, wieLöb Seligmann, der seit einigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten auf Reps und Taback suchte, auf die er Vorschüsse gab ... Das war die sicherste Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder ...

Und wäre nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger "Egoist" gewesen, dass er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge beurteilt hätte, hätte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende Flimmern der kohlschwarzen Augen Löb's, ein wenig mehr Lesekunst geübt in den so eigentümlich fragwürdig stehen bleibenden Lachmienen desselbener hätte ja selbst zu ihm sprechen müssen: Nicht wahr, Herr Seligmann, seitdem Sie zur Hälfte unser Viergespräch auf Schloss Neuhof belauschten, sagen Sie auch: "Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt"? ...

In der Tat, so kann kein Beichtvater (in verbotener Weise) lächelnd an denen vorübergehen, die ihm gestanden, dass sie keineswegs das sind, was sie vor der Welt erscheinen, als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld, unter blauen Cyanen, im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini'schen Tyrolienne: "Blütenkränze, Lust und Tänze" den hochgestellten jungen Geistlichen nicht bloss grüsste, sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort: Ich weiss alles! anredete ...

Er näherte sich ihm auf Fusszehenweite ...

Sein ganzes Herz war übervoll von dem Frevel des Dechanten, den man noch "leicht auf die Festung bringen" konnte, von den leider nur halb erfahrenen criminalistischen Tatsachen aus dem Leben Leo_Perl's, übervoll um so mehr, als er nur einer einzigen Seele auf Erden, Veilchen Igelsheimer, vollständige, der Hasen-Jette, seiner Schwester, und David Lippschütz nur leise Andeutungen über seine Geheimnisse gegeben hatte ...

Dennoch brachte sein Mund zum tiefgezogenen hut, als Bonaventura stehen blieb und fragte: Wünschen Sie etwas, Herr Seligmann? in äusserster Verlegenheit nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna, nichts von der Herzogin von Amarillas, nichts von Leo_Perl's erster geistlichen Handlung auf Veranlassung des "Alcibiades" drüben in der Dechanei, als das Wort:

Ich wollteum VergebungHerr Domkapipitularwollte nur fragenErlauben Sieist wohl noch Bröder's lateinische Grammatik gut genugzu gebrauchen zum Unterricht für einen hoffnungsvollen Knaben? ...

Zu Gunsten des immer kräftiger auf die Beine gekommenen David Lippschütz, des kleinen Voltaire von Kocher, liess Bonaventura sich auf alle Vorzüge eines wahrscheinlich durch Löb vom Antiquar erstandenen alten "Bröder" ein und nannte berühmte Gelehrte, die auch ohne den "Zumpt" ein classisches Latein geschrieben hätten ...

Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen, denen Löb nur zu zerstreut zuhörte, war ein Rückblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden ... Löb erzählte, was er "nach dem Herrn Domkapipitular" noch erlebt hätte ... Zart und discret deutete er alles nur in leisen Contouren an ... Selbst die Gerüchte über Terschka, dessen plötzliche Abreise ihm manches schöne, bereits angeknüpfte Geschäft zerriss, tauchten in seinem mund wie nicht mehr sicher zu verbürgende Sagen der Vorzeit auf ... Es gab auch dunkle Vermutungen über einen gewissen Jesuitenorden und ein Uebergetretensein zur protestantischen Religion, die aber auch wie Verhältnisse aus der Zeit der Makkabäer aus Löb's discretem mund hervorkamen ... Löb genoss zunächst nur das stille Wandeln mit dem vornehmen Priester, das Grüssen der Vorübergehenden, die gleichsam auch ihn setzt grüssen mussten ... Es war die Begebenheit an sich, die ihn erfüllte, ganz wie jenes schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem Schlossbrande ... Dies wie jenes ein Zustand feinerer Beziehungen ... Nur erst als von den beiden Flüchtlingen nach Rom, von den Eremiten, dem Düsternbrook die Rede kam, deutete er verschämt lächelnd seine Mitverdienste um die Rettung des verunglückten Dieners an ... Bonaventura wünschte mehr zu hören; der Diener war so auffallend verschwunden; ja er fragte, ob es wahr wäre, dass der Bruder Hubertus, der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang verborgen gehalten haben sollte, eine Beziehung zu dem fräulein Schwarz gehabt hätte, das bei Frau von Sicking wohnteman spräche davonLöb, Zeugenaussagen vor Gericht und etwaiges Schwörenmüssen wie den Tod fürchtend, ging nur gerade bis an die äusserste Grenze seines Wissens, erzählte die Fahrt