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der Breterwand rechts lief eine grüne Wand von spanischem Flieder hin, einigen Weidenstumpfen mit keck ausschiessenden Zweigen und vorn am Eingang zwei duftenden, weil noch in der Nachblüte befindlichen kleinen Akazienbäumen.

Mangelte es an Schatten, so liess sich von zwei Drittel Höhe des Häuschens eine grossartige Markise von rot- und weissgestreiftem Segeltuche niederlassen, die auch über die allzu jugendliche entwicklung der Laube den Mantel der Liebe breitete.

Im Erdgeschoss gab es drei Zimmer: eins zum speisen, eins zum Wohnen, eins zum Schlafen. Dazu eine Küche. Oben wohnte Herr Carstens. Seine Statur war glücklicherweise nicht zu hoch. Er konnte in der zweiten Etage vollkommen sicher sein, die Decke so unbeschädigt zu lassen, wie §. 7 des Mietcontracts es bedingte.

Die Hauptsache an einer solchen Hamburger Sommerwohnung ist nur, dass ein Raum vorhanden ist, wo der Kohlencomfort stehen und der Teetopf sieden kann. Die grünen Erbsen und gebackenen "Sweser" mochte man im haus verzehren, Speisegeruch ist überhaupt der Nachbarschaft wegen "nicht genteel"; aber der Teetopf hat sein unbestrittenes Recht. Auch in Nr. 33 stand er um 7 Uhr Abends auf dem eisernen Kohlengerüst; das Tischtuch wird in der Laube ausgebreitet, die Markise in die Höhe gezogen und das altsächsische "Ich bin Herr in meinem haus" in einer Weise geltend gemacht, dass man sich vor den Augen der Welt weder im Nähen, noch Stricken, noch Stikken, noch Lesen, noch Schlafen, noch Rauchen, noch Wiegen m einem amerikanischen Wiegestuhl, noch erscheinen in einer glänzenden Hausjacke von Pferdehaartuche irgendwie stören lässt. Den Vorübergehenden fällt nichts auf, weder eine grüne Brille noch eine graue Katze, weder ein schwarzer Hund noch ein roter Papagai, weder ein gelber Strohhut von vier Ellen Umfang noch eine schlangenartig gewundene Cigarrenspitze von schönster hellroter genueser Korallenarbeit ... Letztere war eine Neigung zur Koketterie des Herrn Carstens, wie jene sogenannten Nizzahüte eine der mehreren, doch erlaubten seiner beiden Schwestern.

Wir finden Lucinden wieder, wie sie sich schon am Millerntor von Angelika Müller, die zu einer hier etablirten reichen Handelsfamilie aus Antwerpen zog, um dort im haus Lesen, Schreiben und Rechnen nach confessionellen Bedingungen zu lehren, getrennt hatte. Die Braut Dr. Püttmeier's, des HegelstuhlAspiranten, wurde von einem eleganten Wagen im Hafen in Empfang genommen. Lucinde aber fuhr in einem Fiaker ins Comptoir des Herrn Nikolaus Carstens am Rödingsmarkt, einer düstern, mit Bäumen besetzten holländischen Gracht. Hier im Lärmen der sich durch den Kanal fluchenden Schiffer, der Krahnenwinder, der Führer von schwerstampfenden, schellenbeladenen Lastrossen wohnen bleiben zu sollen, hätte ihr die Sinne benommen. Sie wurde sofort in die "schöne natur" vor's Dammtor dirigirt und fuhr dortin, erwartungsvoll, was ihr das Schicksal an neuen Prüfungen und läuternden Vorbereitungen fürs Leben bescheren würde.

Anfangs kam sie sich in ihrer neuen Lage wie eine Gefangene vor.

Man hatte ihr gesagt, ein älterer Herr, Junggesell mit zwei Schwestern, pflegte, obgleich alle drei in sehr "respectablen" Verhältnissen lebten, doch zur Zerstreuung und Belebung des "Hauses" bald eine junge Baronesse vom land, die sich in Sprachen und Musik vervollkommnen sollte, bald eine Engländerin, die an der besten Quelle deutsch zu lernen beabsichtigte, bald eine Binnenländerin, die zu viel Tee und Zwieback und zu wenig Rostbeef genossen und der überdies Wasserluft, Milch und Wiesengeruch gut tun sollte, liebevoll in die Gemeinschaft einer stillen Familie aufzunehmen.

Mit jenem hamburger Schein der urweltlich angeborenen Solidität und einer Gemütlichkeit, die selbst in Geldsachen nicht aufhört, mit jenem kindlichen sich wie von selbst verstehenden Fallenlassen des Tons, werden dabei auch einige hunderttausend Mark Banco genannt, mit jenem gewissermassen weiter nicht zur Sprache kommenden zufälligen Schlussschnörkel eines gleichfalls nur der Form wegen aufgesetzten Contracts war eine Pension von 1500 Mark Courant für sie bewilligt worden. Diese leichte und graciöse Behandlung des Geldes, das nur vor dem Wechselgericht oder bei der ersten und zweiten Prätur eine ernste und dann zuweilen recht grobe Bedeutung annehmen kann, imponirte Lucinden ebenso sehr, wie die schnell eroberte Freundschaft, die ihr zwei Damen entgegentrugen, die das "süsse Mädchen" behandelten, als hätten sie sie schon aus Langen-Nauenheim gekannt, wie sie noch barfuss unter den Enten in den Bächen herumkrebste, an welchen gerade auch solche Weiden standen, wie sich zwei hier hinter das Staket her verirrt hatten, zum Beweise, wie feucht die Luft und der Boden war. Ja, es war im Verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer Art und unendlich imponirend. Selbst die grossen Nizzahüte, die einem Schattengeber, den auf Schloss Neuhof auch die Lisabet trug, fast gleichkamen, machten Lucinden eine Weile sprachlos. Doch ängstigte sie es bald, dass beide Schwestern, Sophia sowohl wie Meta, mit ihren Hutkrempen fast die ganze Sommerwohnung unter Schatten setzen konnten.

Lucinde wusste einige Tage lang im wörtlichen Sinne weder aus noch ein. Schon gleich, als sie den Winkel sah, in dem sie schlafen sollte, kamen ihr die Tage bei der alten Buschbeck in Erinnerung. Das Erwachen, Ankleiden hinter Bettschirmen, die erste Anlage und spätere Vollendung der Toilette zu dreien in demselben Zimmer, und das alles verbunden mit dem im ländlichen Negligé eingenommenen ersten Frühstück nebst Fleisch und Eiern, dazu Herr Carstens im Sommerrock, mit der gewundenen Korallenspitze im mund, dann das Rühmen des rings von den allerdings vorhandenen Wiesen in die