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man allenfalls lüften könnte ... Besser, wir schweigen auch gegen ihn ...

Je lichter somit von der Dechanei aus der blick auf das sonnige, waldumkränzte, solange geheimnissvoll verschleiert gewesene Schloss Neuhof wurde, desto düsterer blieb der auf Witoborn und Westerhof ...

Bonaventura hatte seit einem Vierteljahr sich nur im Entsagen geübt, auch nichts mehr von dorter vernommen, was ihn besonders wieder hätte aufregen können ...

Der Oberst, das erfuhr er erst hier, leitete die Vorbereitungen zu seinem Papierbetrieb ... Der mutige Mann fand die grössten Schwierigkeiten ... Sie gingen bis zu mutwilligen nächtlichen Zerstörungen seiner Bauten ... Armgart und Monika mussten sich in ihrer ganzen Kraft zeigen ... Sie hatten ein kleines Hans in Witoborn gemietet und es geschmackvoll, wenn auch einfach eingerichtet ... Hedemann schrieb an den Dechanten von einer Heirat mit Porzia Biancchi, der Tochter des Gipsfigurenhändlers ... Seine älteren waren schnell hintereinander gestorben ... Ein so schönes Familienverhältniss hätte sich jetzt begründen können, aber die Beunruhigung durch die lichtscheue Bevölkerung der Gegend war zu gross ... Armgart verlöre, hiess es, allen Halt in ihren Anschauungen ... Wo sie hinginge, müsste sie – "sie"! – Reden halten zur Verteidigungdes Papiers und der Aufklärung! ...

Ulrich von Hülleshoven überflügelte bald die herrschaft seines Bruders Levinus auf Schloss Westerhof ... Musste ihm das gelingen schon durch seinen männlich festen Sinn, seine Lebenserfahrung, so kam der wohltuende Eindruck hinzu, den er auf die Frauen machte ... Er war in der Lage, Monika's schroffe Entschiedenheit, die indessen den Dechanten noch immer in ihrer Correspondenz entzückte, zu mildern ... Während Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde hatte, während sie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufentalts bewog und in diesen Kämpfen von Armgart's wie aus einem Traumleben erwachendem gesunden und frischen Sinn unterstützt wurde, schlösse man sich, erzählte der Onkel aus Monika's Briefen, dem Obersten an, der zu begütigen und auszugleichen wisse ... Paula gewann ihn, das wusste Bonaventura, besonders lieb und erlag seiner magnetischen Einwirkung ... Der Oberst durfte sie nur berühren und sie versank in jenen Schlummer, der ihr einziges Labsal war im Schmerz des Nerven- und Seelenlebens ... Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag vor Terschka's Flucht, wo Paula bei Tisch mit der abwesenden Armgart zu sprechen angefangen ... Der Oberst führte sie damals in ihr Zimmer und sie antwortete auf jede seiner fragen ...

Bonaventura erzählte davon dem Onkel ...

Paula, berichtete er, ohne Zweifel übermannt von der seit dem Fund der Urkunde sie folternden Angst um den Grafen Hugo, hatte die bei Tisch fehlende Armgart gefragt, was sie am Schranke suche? ... "Am Schranke?" ... fragte man ... "Ein Kleid?" ... Nimm ein weisses, sprach sie, es steht dir besser! Auch die Myrte nimm! setzte sie hinzu ... Die Myrte? fragte der Oberst. Macht denn Armgart Hochzeit? ... Darauf stockte Paula und erwiderte: Armgart sucht ein Kleid für sie aus ... Sie meinte: für sich selbst ... Niemand hatte den Mut, zu fragen: Heiratest du denn? ... Ihr Kleid ist aber noch nicht fertig! sagte sie dann wie aus sich selbst und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten: Sieh, sieh, die vielen Körbe! ... Fast so heiter sprach sie das, dass die Umstehenden an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten ... Aber Paula setzte hinzu: Korb an Korb! ... Am Altar der "besten Maria" stehen sie! ... Jetzt hätte leise die Tante erklärt: Terschka erzählte vom Schloss Castellungo, dass die nächstliegende Kapelle der "besten Maria" gewidmet wäre und die malerisch schönen Seidencocons oft in hunderten von Körben unter Blumen dort niedergestellt würden zur Segnung durch Priesterhand ... Paula entschlummerte dann ... Jeder sagte: Sie hat in den Körben die Anfänge ihres Brautgewandes gesehen ...

Der Onkel schüttelte den Kopf, versank aber über die Nennung des Namens Castellungo in ein staunendes Nachdenken ...

Bonaventura führte sich selbst noch oft seine letzten westerhofer Tage vor ... Er riss sich an jenem Mittag voll Verzweiflung los ... Er glaubte überhaupt keinen Abschied von Paula nehmen zu können und griff zur Feder, um seine Empfindungen niederzuschreiben ... Zwei Briefe entwarf er ... Einen in der stürmischsten Liebesbeteuerung mit dem Bekenntniss aller Gefühle, die auf dem geheimsten Grund seines Herzens lebten ... Es war ein trunkener Rausch der Herausforderung an sein Geschick und docher warf ihn in die Flammen ... Einen zweiten schrieb er milder, ersichtlich zum ewigen Abschied ... Auch diesen vernichtete er ... So stand er ratlos ... Da hörte er neben seinem Zimmer das Aechzen seines Wirts Norbert Müllenhoff, der im ersten Stockwerk schlief ... Das an der Pfarrhaustüre ausgesetzte Kind gehörte ohne Zweifel nur dem wunderlichen Zeloten ... Die Zukunft des Unglücklichen war zerstört, wenn die Rache der Hebamme, im Bund mit dem bukkeligen Geiger, die finkenhofer Lene zum geständnis vor Gericht brachte ... Einmal hörte er den Pfarrer in seiner kammer laut ausrufen: