die Befreiung des gefangenen Erzbischofs, dem die Kirche zum irdischen Ersatz für seine Märtyrerkrone den Cardinalshut schicken wollte, aufs dringendste ans Herz legen ... Bonaventura war wie Benno ein Gegner der Waffengewalt, die die Regierung angewandt hatte ... Dennoch gingen sie beide so wenig mit dem geist, aus dem Nück alles leitete und einfädelte ...
In dieser zagenden Ungewissheit teilte ihm Kanonikus Taube, der Hausfreund der Kattendyks, im Ton des Bedauerns die Nachricht mit, dass man ihn bis zur Entscheidung der Frage über den Magnetismus durch die Pönitentiarie in Rom ohne Zweifel vom Beichtstuhl entbinden würde ... Er möchte sich, setzte der Weltkluge hinzu, rasch zur wiener Mission entschliessen ... So entginge er allen seinen Neidern und Feinden ... Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umständen anstössig, wie jetzt sämmtliche Priester, die adelige Namen trügen ... Bleiben Sie so lange in einem Donauklöster, bis eine Pfründe offen wird! Ja, es sind die Tage des Exils! sagte er und ging zur Whistpartie bei der Commerzienrätin ...
Auf einzelne hervorragende Häupter legt sich in grossen Krisen die Verantwortung. Es sind oft nur Loose des Zufalls. Irgendein Misverständniss, irgendeine unbegründete Annahme verteilt die Rollen. Vollends kann ein katolischer Priester seine wahren Meinungen und Gesinnungen nicht kund geben. Bonaventura war gegen den damaligen so nüchternen und freiheitsfeindlichen Geist der Bureaukratie tief eingenommen, er war adelig, galt von früherher noch für gespannt mit seinem Stiefvater, dem Präsidenten, war intim mit dem hervorragenden Adel um Witoborn – wegen alles dessen galt er für einen Römling ... Wie konnte er dagegen protestiren! ...
Der alte Weihbischof übersah seine ganze Lage und riet ihm gleichfalls, eine Vacanz zu begehren, um vorläufig in Kocher am Fall den kränkelnden Dechanten zu besuchen ...
Benno riet ebenso ...
Niemand wusste besser, als Benno, wie Bonaventura dazu gekommen war, seine Hand auf Paula zu legen ... Er wurde dazu gezwungen, um Schmerzen zu stillen ... Armgart hatte mit Gewalt seine widerstrebende Hand ergriffen und geführt ... Dann war dafür der Oberst an seine Stelle getreten – schon bei dem Mittagsmahle, wo Paula eine Vision von ihrer Heirat hatte – auch bei seinem Abschied, wo er sie schlafend fand und sie ihn Bischof nannte ... Alles das – er hätte es so gern vergessen – rief man gewaltsam wieder in seinem Gedächtniss wach ... "Nach Witoborn?" Das war unmöglich ... Aber als Benno dann sagte: "Vielleicht übernehme ich selbst es, dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unsere ganze hiesige Lage zu schildern, Nück drängt in mich, dass ich seine Processacten befördere" – als Bennos fortfuhr und sagte, dass es ihn ewig südwärts zöge und er sich vorkäme wie ein Zugvogel, der wider Willen auch den Winter im Norden zubringen müsse, weil ihm die Flügel gebrochen wären; als er sagte, es wäre ihm, als hätte er sonst die Sprache Aegyptens verstanden, nun aber kämen die andern Störche im Frühjahr von der Reise zurück und plauderten Dinge von den Pyramiden, die er nur noch halb verstünde – da entschloss er sich, einige Wochen in der Dechanei des Onkels zuzubringen; denn zu mächtig schlug sein Herz, Benno endlich sagen zu dürfen, wo sein wahrer Dachgiebel zum Nestbauen im Norden und im Süden wäre – auf Schloss Neuhof und in Rom ... Vielleicht gab die Pfingstzeit, wo Benno nach Kocher nachzukommen versprach, die Stunde der Entüllung ...
So reiste denn Bonaventura nach Kocher am Fall ...
Er fand den Onkel erregter denn je ...
Was sich auch seit den Entüllungen über Benno's Ursprung in des Neffen Gemüt gegen den leichtsinnigen "Abbé" aus der Napoleonischen Zeit festgesetzt hatte, bald wich es dem edlen und versöhnenden Eindruck, den des Onkels liebevolle persönliche Erscheinung machte ...
Und nun fand er den Milden, Gütigen in einer fast krankhaften Aufregung und von allen seinen alten Principien der Gleichgültigkeit besorgniserregend verlassen ... Um zehn Jahre war er älter geworden, mutloser, verdriesslicher, die Fliege an der Wand konnte ihn ängstigen ... Leicht drohte auch eine Untersuchung für den alten leichtsinnigen Betrug ...
Frau von Gülpen war eine Mehrung dieser Unzufriedenheit des Greises mit sich selbst und keine Linderung ... Seit dem grauenvollen Erlebniss mit ihrer Schwester, seit der Hinrichtung des Mörders derselben war eine Schreckhaftigkeit über sie gekommen, die in allem Gefahren sah, selbst in dem Alleinwohnen auf der Dechanei ...
Wäre nicht Windhack's gute Laune die alte geblieben, das Leben seiner jetzigen Vereinsamung wäre dem Onkel ganz die Qual geworden, die der römische Priester für seine alten Tage fürchtet ...
Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerörtert geblieben ...
Bonaventura erstaunte, auf wen der Onkel, angstvoll, sein Auge gerichtet hatte ...
Nach den ersten Begrüssungen, nach den ersten Auslassungen des Scherzes, sogar über die Ursache dieser Reise des Neffen, über den magnetischen Rapport desselben mit der schönen Seherin von Westerhof, folgte die Mitteilung, dass der Briefwechsel zwischen ihm und dem Präsidenten von Wittekind aufs lebhafteste andauere. Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt, aber man müsse alles höchst vorsichtig "applaniren", auch mit der Schwester Benno's – Angiolina Pötzl in Wien ...
Auf diese hatte er für seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der Erkennungen sein Auge