von alledem, was in fieberhafter Hast, mit frostklappernden Zähnen der selbst in Todeskrankheit noch unbändige Mensch an Verwünschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte ... Ein dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung ... Alles um ihn her schwankte ... Seine edelsten Empfindungen waren entweiht, seine heiligsten Gefühle auf die Strasse geworfen ... Einen Augenblick zuckte seine Hand, dem Messner die Schrift zu entreissen ... Dann beherrschte er sich, ordnete seine in Verwirrung geratenen Gewänder und verliess, ohne ein Wort der Erwiderung, vom tiefsten Entsetzen durchrieselt, eine Stätte, auf die das Wort des Heilands gepasst haben würde: "Ihr macht mein Haus zur Mördergrube!" ...
3.
Schon nach einigen Tagen zeigte sich die wirkung der nunmehr offen ausgesprochenen Anklage ...
Die geheimen Mächte, die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwühlen, hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden ...
Wer die Anklage zuerst formulirt, sie verbreitet hatte, war nicht zu sagen ... War es Frau von Sikking? ... In solchen Dingen macht sich alles von selbst und namenlos, bis dann einer hervortritt und für alle redet ...
Die Nachricht über den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell ... Die Mehrzahl sprach über den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch – das Mitleid ist ein Zoll, der, wenn auch mit noch so voller Hand gereicht, keine Zinsen trägt ... Ein Gefühl des Beistandes muss fruchtbar, muss die Liebe mehrend sein ... Hier stockte alles und im negativen Bedauern – verlor der junge Priester ...
Bonaventura, dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt, war nun selbst ein Magier geworden ... Man teilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Karmel im Original mit ... Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde Handschrift Beschwerde über die Wahl dieses Stellvertreters, der ihm "seine Beichtseelen beschädige" ... Der Domkapitular von Asselyn hätte in Witoborn die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt, hätte dadurch Visionen veranlasst und da man den Geist, aus dem diese Tätigkeit der menschlichen Hand sich offenbare, noch nicht zu erkennen vermöge, da die Kirche trotz einzelner Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch über alles, was an Zauberei erinnere, den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und Aberglauben verwerfe, so müsse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und wünschen, dass die Seelen der Nonnen am Römerweg vor der Berührung mit einer so gefährlichen natur, wie die des Domkapitulars, behütet würden ...
Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes, der ein Scapulier trug, das den Sterbenden den Tod erleichtern soll! ... Aus dem Mund eines Mannes, den Bonaventura vernichten konnte, wenn die gesetz Roms die Mitteilung dessen gestatteten, was ein Priester aus der beichte weiss! ... Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von ihm nicht angezeigt werden ... Und hätte Trendchen Lei gestanden, was sie, sie vollends drückte – musste er nicht auch da schweigen? ... Das sah Bonaventura deutlich, was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen ... Unter dem Schein der Religiosität hatte der Seelenmörder das zur Schwärmerei geneigte Kind mit geistlichsinnlichen Vorstellungen erfüllen wollen ... Er hatte ihr Beten, Fasten, Kasteien in Formen vorgeschrieben, die unsicher auf der Grenzlinie zwischen Demut und Schamlosigkeit hingingen ... Die furchtbarsten Strafen des himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht, wenn sie verriete, was er sie lehrte, um dem Erlöser mit seinen blutenden Wunden auch körperlich ähnlich zu werden ... Angst um ihre Geschwister im Waisenhause, Verehrung vor Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit überhaupt hatte das ungebildete Kind mit widerstrebenden Gefühlen zur Sklavin seiner Autorität gemacht ... Das alles, Bonaventura wusste es, war bei einem Cajetan Roter möglich und Treudchen Lei litt unter nichts anderm ... Der alte Pater Sylvester, von dem Serlo's Denkwürdigkeiten erzählten, hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten Metoden, Heilige zu machen, mit kindisch raffinirter Naivetät erzählt ...
Nück, der geistige Bundesgenosse solcher Frevel, und Lucinde umflatterten ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen ... Wieder erhielt er anonym folgende Zeilen:
"Sie werden von der beichte suspendirt werden ... Um dies zu vermeiden, rät man Ihnen, selbst Vacanz zu begehren, um eine Reise zu machen ... Nur gehen Sie nicht nach Witoborn, wodurch Sie das Uebel vermehren würden, gehen Sie nach Kocher am Fall ... Uebernehmen Sie die Aufträge nach Wien, so gilt dies für einen Bruch mit der Regierung ... Doch wie Sie wollen; nur folgen Sie mit Vorsicht den Ratschlägen Nück's ..."
Der Atem stockte dem Priester beim Lesen ...
Nück begegnete ihm auf der Strasse und riet ihm, für immer mit diesem Staat zu brechen ... Wir müssen alle an Oesterreich halten! sagte er ... Fort! fort! ...
Was sollte Bonaventura tun! ... Der Rat Lucindens war klug, beachtenswert ... Aber ein Rat aus diesem mund! ... Nück's Absicht, ihn für immer zu entfernen, war unverkennbar ... Man kam ihm wieder mit dem Auftrag, nach Wien zu gehen ... Er sollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler die Vermittelung mit Rom und dem Landesfürsten,