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Sein eigener Akolut war es, der ihn begleitet hatte, und der Messner vom Berge Karmel drüben, die miteinander stritten ...

Kaum hatte Bonaventura einige Worte unterscheiden können, ohne ganz die Ursache des Streits zu verstehen, als sich beim Umwenden seinem Auge der schreckhafte Anblick eines im Messornat daherkommenden Priesters darbot, der, kaum sich aufrecht erhaltend, an den Chorstühlen mit den Händen entlang tastete und sich aus ihn zuschleppte ... Ein langes Scapulier hing ihm wie einem Mönch von den Schultern herab bis an die Knie ... Es war ein Abbild des bekannten Scapuliers, das die allerseligste Jungfrau im 13. Jahrhundert einem General der Karmeliter verehrte und mit dessen Nachahmung behangen jeder Sterbende den seligen Tod gewinnt ... Der Pfarrer vom Berge Karmel war es selbst, Cajetan Roter ...

Sonst eine hohe, wohlgenährte, mit glühenden Augen ein Bild des Lebens darstellende Persönlichkeit ... Heute dahinschleichend, gelb, von Fieberflekken entstellt und offenbar eben aus dem Krankenbett gekommen ... gerufen vielleicht durch die beiden intriguanten Nonnen ... Er taumelte unsicher und in jeder Bewegung wie zum Zusammenbrechen ...

Bonaventura übersah sofort, dass auch diese üble Nachrede seines Glaubens, dass die Beichtväter der Nonnen von heftigster E i f e r s u c h t gegeneinander entbrannt sein könnten, keine Fabel war ...

Der Zorn, die Ungeduld, vielleicht auch die Furcht, vielleicht eine Anzeige der Nonnen, hatten den Mann vom Lager getrieben ... Ein fremder Wolf bricht in deine Hürde! stand auf seinem verzerrten Antlitz ... Er erschien begleitet von seinem Messner, der gegen Bonaventura's Akoluten schon seinen frechsten Einspruch erhoben hatte, und redete, erst noch mit gezwungener Freundlichkeit, heiser, vom dumpfhohlen Husten unterbrochen, auf drei Schritte den sich erstaunt erhebenden Bonaventura an:

Mein Herr Bruder! Ei danke! Danke! ... Ich bin ja gesund und wieder wohlauf ... Bitte! ... Sie sindjasehr rasch undauch hier wieder mein Nachfolger gewordenIch erfahre dassoeben erstBitteErlauben Sie – ...

Bonaventura ging ihm entgegen und ergriff seine Hand, die sich eiskalt anfühlte ... Sie sind kranksprach er ... Ich beschwöre SieGehen Sie nach haus – ...

Mit künstlicher Kraftäusserung schlug der Pfarrer an seine Brust und sprach so laut, dass es in der Kirche weitin schallte:

Gesund bin ich! ... Danke, Herr Bruder! ... Mit Gott! ... Mit Gott! ... Adieu! ...

Schon drängte er zu dem Gitter, in welchem Treudchen's Haupt unbeweglich lag und nicht aufblickte ...

In Bonaventura's Innerm wühlten alle Schwerter des Schmerzes ... Auch das, auch das ist möglichbei unserm Priestertum! ... Dein heiligster Name, Jesus von Nazaret, wird in solchem Mund zur Lästerung! ...

Bei dem Gedanken, dass dieser ruchlose Priester nur verzweifelte, Treudchen Lei könnte einem andern vertrauen, was ihre Seele belastete, ergriff es ihn mit solcher Wallung des äussersten Zornes, dass er, nichts mehr achtend von dem, was er sonst, selbst mit Bekämpfung seiner Ueberzeugungen, zu schonen pflegte, rief:

Sie unterbrechen eine heilige Handlung, die ich bereits begonnen habe ... Nach einer Stunde überlass' ich Ihnen den Sitz in diesem stuhl ... Jetzt aber gehen Sie! ...

Die hände des Pfarrers griffen krampfhaft am Scapulier hin und her und wickelten sich bald in das lange Tuch hinein, bald aus ihm heraus ... Der Fiebernde konnte kein Wort gewinnen ... Die beiden Diener standen wie auf der Flucht in einiger Entfernung ... Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung, am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwürdigen Scene zu trennen ...

Herr Domkapitular! ... sprach Roter mit hämicher Betonung der ihm vorgesetztem Würde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau ... Es war eine Scene, die Bonaventura an sein Erlebniss mit dem Habicht erinnerte, dessen Fänge sich, wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln Kapelle beim Kreuzgang der Katedrale ergreifen wollte, ebenso an die Altarsäulen festgeklammert hatten, während der Raubvogel mit umgewandtem Kopf dämonisch seinen Angreifer anstarrte ...

Sich sammelnd, hauchte er jetzt leise:

Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde! ... Ich befehle Ihnenmir die Functionen zu lassen, die mir die Curie übertrug ...

Nun aber lachte Roter hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief hervor, rief seinem Messner, hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit heiserer stimme:

Da, Fangohr! ... Tragen Sieden Brief sofort indie Curie ... Die Kirche muss neu geweiht werdendas heilige Holzexorcisirt –! ... Diese reinen Seelen meiner Himmelsbräuteverführt mir ein – M a g n e t i s e u r –! ...

Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert. Ein Wurfspiess konnte nicht drohender fallen. Der Brief war ein Protest des Pfarrers, den er schriftlich aufgesetzt hatte, und Fangohr, sein Messner, ergriff ihn, um ihn zum Generalvicar zu tragen ...

Bonaventura stand starr ... Nichts mehr hörte er