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.. Damit drückte ich den jungen Mann, so vornehm und stark er war, wieder in den Korb hinunter, zwang ihm den Deckel über den Kopf und die beiden Damen mussten ihn selbst wieder an beiden Henkeln zum Sprachgitter hinausschleppen, wo sie sich bald damit verhoben hätten, um ihn nur an die Oeffnung hinaufzubringen ... Da waren denn zwei Kerle, die schon auf alle Fälle bereit standen, nahmen die Last wieder an sich und trugen sie zur Strasse hinaus wieder auf die Karre ...

Bonaventura konnte bei diesem auf Treudchen berechneten Besuch nur an Piter Kattendyk denken ...

Und Ihre Sünde? ... fragte er nach einer Weile, ohne sich das Bild: Piter im Waschkorb, in seinem komischen Effectzu lange auszumalen ... Er fühlte sogar Anteil der Freude über einen Beweis so grosser Liebe, die Treudchen hatte gewinnen können ...

Sünde? Dass ich den Vorfallverschwiegsagte die erschöpfte Wäschmeisterin ...

Verschwieg? Einer pflichtgetreuen Tat soll man sich gegen niemanden rühmen ...

Muss das Kloster nicht gesühnt werden? ...

Nein ...

Die beiden ruchlosen Frauen kommen noch immer und ich lass' es zu ...

Sie werden sich bessern ...

Als der Korb und die Frauen hinaus waren, rannt' ich umher wie sinnlos und

Mussten es los werden? ... Erzählten es also doch? ...

Die Beichtende schwieg ...

Sie waren mir also jetzt eben unwahr! ... Das ist ein Frevelich will ihn verzeihen ... Die natürlichste Mitteilung, die Sie jedoch machen konnten, war die bei dem armen Kind, dessen Ruf durch diesen Vorfall so heillos bedroht wurde ... Taten Sie das?

Der Pfarrer hat

Die stimme stockte ...

Dann ergänzte sie zagend:

Hat befohlen, ihr davon nichts zu sagen undohnehinmit ihr kein Wort zu sprechen, das nichtheilig ist ...

Bonaventura konnte nicht die Befehle seines Vorgängers brechen ... Er konnte ohne Gefahr für die geistliche Würde nicht fragen: Warum nur Geistliches mit Treudchen Lei? ... Er half sich wie öfter in diesem teil seiner römischen Zauberkunst und hielt sich an die Gesinnung, die sich e b e n , im B e k e n n e n , offenbarte, nicht an den schwierigen Fall selbst ... Er hatte die Nonne auf Lügen ertappt ... So sprach er denn von dem bedenklichen Vorfall selbst nicht mehr, sondern von der Wahrheit, deren Umgehung schon Adam mit Nachteil sich hätte zu Schulden kommen lassen, als er den Genuss der verbotenen Frucht auf Eva schob, und schon Eva, als sie die Schuld wieder der Schlange zuschrieb ... Die Lüge der Lügen nannte er es aber, wenn man mit dem ausdrücklichen Schein, wahr sein zu wollen, dennoch lüge ... Er legte der Wäschmeisterin eine Busse auf, die seiner immer mehr zunehmenden Reizbarkeit und dem Verdruss, dass hier Alle etwas ausgeplaudert bekamen und nur Die nicht, der dadurch ein Beweis entging, wie sehr sie geliebt wurde, entsprach ... Er befahl ihr, sich der nächsten beichte derKinder im Waisenhause anzuschliessen, und sagte:

Mein Kind! Als Erwachsene lerne etwas bei dir behalten! ...

Die Wäschmeisterin entfernte sich mismutig ...

Das Läuten einer Glocke, die eine Nonne mit der schon geschilderten Hast zog, zeigte Bonaventura an, dass er schon drei Stunden im "Holz der Busse" gesessen hatte ... Nur die Spannung, ob denn nicht endlich auch Treudchen Lei erscheinen würde, gab ihm Kraft, noch auszuharren ...

Da sah er denn endlich den gang daher kommen eine kleine Gestalt im braunen Kleideunverschleiert ... Ein Häubchen bedeckte den Kopf, der ihm aus dem Dunkel des Ganges allmählich erkennbar wurde ... Ein halbes Jahr hatte die lieblichen Züge des jungen Kindes, das schon so viel des Trüben erfahren hatte, mit melancholischer Verhärmung angehaucht ... Die blonden Haare, die bald unter der Schere der Klosterregel fallen sollten, waren in der unkleidsamen Haube versteckt ... Um so edler traten die Formen des blassen Antlitzes selbst hervor ... Die Melancholie hatte ihnen nichts von der angebornen Schönheit nehmen können ...

Treudchen näherte sich mit gefalteten Händen ...

Sie schien von einem Gebet zu kommen und leuchtete wie eine Verklärte ...

Hoffnungstrahlend und doch zaghaft schritt sie näher und legte jetzt, wie Bonaventura sah, mit ausbrechenden Tränen ihr Haupt auf das Holz, einer Verbrecherin ähnlich, die den Todesstreich erwartet ...

Was geht nur in dieser kindlichen Seele vor? dachte sich Bonaventura ... Welche Verwüstungen hat ein ruchloser, langsam, aber sicher wühlender Priester, der sie ohne Zweifel in diesem Kloster festalten will, in ihr angerichtet? ...

Schon hatte Bonaventura, da Treudchen noch schluchzte, angefangen aus ihrer Seele zu beten und, wie sie für die beichte gelehrt war, den Heiligen Geist anzurufen, der dem Menschen erleichtere, sich selbst zu erkennenda vernahm er hinter sich in der kleinen Kirche ein auffallendes Geräusch ...

So wenig ihn sonst beim Spenden des Busssakraments Reden, Singen, Wandeln in der Kirche zu stören pflegte, jetzt musste er sein Haupt von der zusammengeschlagenen Stola erheben ... Er hörte einen lebhaften und unziemlichen Wortwechsel zweier Männerstimmen