, als Anhalt deines gläubigen Sinnes entzogen würde? ...
Zum Nachdenken über solche Zweifel blieb indessen keine Zeit ... Neue Stimmen murmelten schon ... Kleinigkeiten und Kleinigkeiten ... Roter gehörte zu denen, die da lehrten: Die Kirche will alles, auch das Kleinste wissen! "Was ist kleiner", predigte Beda Hunnius über die beichte, "als Regentropfen! Und dennoch entstehen daraus Ströme, die Häuser niederreissen! Was ist kleiner, als ein Sandkorn! Aber überladest du ein Schiff damit, so wird es in den Abgrund fahren!" Und darauf hin verlangte er in der beichte jeden Regentropfen und jedes Sandkorn aus dem Privatleben seiner Gemeinde zu wissen ...
Wie sprach da wieder Eine mit der Geschwindigkeit einer Flattermühle, die im Korn die Spatzen verscheuchen soll ... Welche Fülle von Sünden gab es auch noch unter den Heiligen ... Die ganze Stufenfolge der "sieben Todsünden", der "sechs Sünden in den Heiligen Geist", der vier "himmelschreienden" Sünden und der neun "fremden Sünden" ... Und als kannte die Schwester Küchenmeisterin vollkommen die Unterscheidung dieser neun "fremden Sünden", in welchen der Mensch erstens zur Sünde raten, zweitens die Sünde befehlen, drittens in die Sünde einwilligen, viertens nur passiv zu ihr reizen, fünftens die Sünde loben, sechstens zu ihr stillschweigen, siebentens dieselbe übersehen, achtens selbst daran teilnehmen und neuntens sie bei etwaigem Anlass bloss verteidigen kann – so blitzten alle diese Facettirungen der Jesuitendialektik auf in der Klage über die Verhältnisse des Marktes, der Speisekammer, des Backens, des dabei vorgekommenen Naschens und aller möglichen Sorglosigkeiten ... Hier tauchten jetzt auch zwei halb- und drei ganze Novizen auf und im sprudelnden Mitteilungsdrang zum ersten male mit Namennennung Treudchen Lei, die nach Bonaventura's Warnung, Niemand zu nennen, dann als die Kostgängerin bezeichnet wurde ...
Manches Wort aus dem lebensklugen Jesus Sirach, dem Montaigne und Knigge der Bibel, war eigene wie für die Schwester Küchenmeisterin geschrieben ... In ihren Bekenntnissen liefen ganz harmlos auch die Schüsseln mit unter, die im Kloster für Cajetan Roter zubereitet und in seine wohnung geschickt wurden ... Am Sprachgitter der Eingangspforte mussten Schachteln und Körbe immer unterwegs sein, denn selbst seine Wäsche liess der Pfarrer im Kloster waschen – sodass es Bonaventura nicht Wunder nehmen konnte, von der folgenden Nonne, die die Schwester Wäschmeisterin war unter den heissesten Tränen ein Bekenntniss zu erhalten wo plötzlich wieder Namen fielen wie Eva und Apollonia Schnuphase ...
Die Wäschmeisterin beichtete:
Vor vierzehn Tagen kam ein Korb auf einer Kare vor der Tür des Klosters und so schwer stand am Gitter, dass die Damen Schnup –
Keine Namen! sagte Bonaventura ...
– die gerade im Kloster waren, selbst, sie vor dem Gitter zu heben, angreifen mussten ... Sie sagten, es wären lauter neue Servietten für die Wirtin "Zum goldnen Lamm" ... Sie wollten den Korb zum Zeichnen in die Zelle der Gertrud Lei tragen ...
Keine Namen! wiederholte Bonaventura aufs strengste ...
Ich sehe den grossen Waschkorb und sage: Die Zelle der Kostgängerin ist dafür nicht gross genug ... Der Korb muss in die Nähstube ... Die beiden fräulein widersprachen ... Ich werde darüber zornig und sage: Ich denke, ich bin hier die Wäschmeisterin! Nun ergaben sich die Damen – Sonst so hochmütig und vornehm – heute trugen sie mit ihren feinen Händen und Handschuhen den Korb selbst und das fiel mir auf ... Durchaus wollten sie damit zur Kostgängerin ... Diese war im Chor ... Sie lernte singen ... Wie die beiden fräulein so durchaus den schweren Korb, statt in die Wäschstube, an der wir schon standen, in die Zelle bringen wollten und niemand auf dem Gange war – die Schwestern waren alle im Chor – sagte ich und schon mit Furcht und Ahnung zu dem fräulein Eva, der Aeltesten: – Was ist das heute mit dem Korb? Gleich machen Sie auf! ... Da wurden die Mädchen blass wie die Wand und nun ich das sah, da riss ich selbst den Korb auf und – heiliger Joseph! – statt Wäsche stak – eine Mannsperson unter dem Deckel ...
Bonaventura musste der Bekennerin Kraft zur Sammlung lassen ...
Ich weiss nicht, hochwürdiger Vater, fuhr sie fort, wo ich es hergenommen habe, dass ich nicht sofort in Ohnmacht fiel ... Ich schrie: Herr! Verlassen Sie jetzt nicht sogleich auf demselben Wege, wie Sie hereingekommen sind, so auch wieder hinaus dies Heiligtum unsrer allerseligsten Jungfrau und des gekreuzigten Jesus, so zieh' ich hier an der Glocke und rufe das ganze Kloster zusammen ... wehe dann Ihnen und Ihren Helfershelferinnen – Und Sie, meine fräulein, wandte ich mich zu diesen – Aber nun konnte ich nicht weiter ... Die beiden Nichtswürdigen fielen in die Kniee und baten um alle Wunden Jesu, sie nicht zu verraten ... Ein Glück für sie, dass die Orgel so laut ging ... Der junge Mann stand noch im Korb und wollte herausspringen, zog auch eine volle Börse, die er mir in die hände drücken wollte ... Nein, schrie ich, danken Sie allen heiligen Märtyrern und Bekennern, dass die Schwestern im Chor singen und die Nähstunde schon geschlossen ist ... Entfernen Sie sich augenblicklich! .