geführt hätte, einen Artikel, dessen grosse Erfolge schon andere voraus hatten, diejenigen nämlich, von welchen bereits einige in zierlichen Cabriolets zu ihren Villen am schönen Ufer der Elbe dies- und jenseits Teufelsbrück gefahren sind.
Indessen eine Sommerwohnung zu besitzen, erlaubte Herrn Carstens doch sein jährlicher Umschlag. Sogar sich an Tagen, die, wie der heutige, sich auch gar zu heisser Strahlen des Sonnengotts zu erfreuen haben, einer Droschke zu bedienen, um wenigstens durch die schwülen Strassen bis zum Dammtor zu kommen, gestatteten ihm seine Verhältnisse, die gar nicht so ganz "unrespectabel" sind. Herr Carstens hat nur die unglückliche Manie, alle zwei Jahre, wenn die Kleesaaten ringsum im vaterland in schönster Blüte stehen, sich und seinen beiden Schwestern, die ihn in Ermangelung einer Gattin die Wirtschaft führten und "dass Leben versüssten", eine Erholungsreise von sechs Wochen zu gönnen, bei welcher er, wie weiland die im December mit ihren Herren wechselnden römischen Sklaven Saturnalien feierten, so die ersten Gastöfe besuchte und sogar täglich Cliquot nicht verschmähte, den er an den Ufern der Elbe des nebeligen Klimas wegen dem Portwein entschieden unterordnete. Ausserdem sparten seine liebevollen Schwestern an einer Mitgift, die sonderbarerweise mit den Jahren zwar zunahm, aber an Wert und Reiz für Männer, die etwa danach heiraten wollten, zu verlieren schien; es scheint leichter, 18 Jahre mit 20000 Mark an den Mann zu bringen, als 45 mit 50000.
Herrn Carstens unendliche Liebe für seine Schwestern, welche ihm diese jährlich in der Jahreszeit, in der wir uns befinden, mit Erdbeerkaltschale oder seinem täglich aufgesetzten Leibgerichte, jungen Erbsen mit "Swesern", ein für allemal vergolten haben wollten, unterliess nicht, diese Mitgift seiner Schwestern – er hatte ja nur diese beiden – bis auf eine Höhe zu steigern, die ihnen allenfalls auch nach seinem tod erlaubt hätte, die Erträgnisse des Kleesaatexports entbehren zu können. Es war immerhin ein ganz "respectabler" Mann von 100000 Mark Banco jährlichen Umschwungs, von welchem schon ca. 6–7000 Nettoniederschlag übrig blieben.
Dennoch musste er vorziehen, interessante Broschüren lieber auf der Börsenhalle zu lesen, als sich deren zu haus aufzuschneiden. Er musste vorziehen, nur alle zwei Jahre von Celle bis Wien und von Wien zurück, vielleicht der Abwechselung wegen, diesmal bis Lüneburg, für einen "hamburger Kaufmann" zu gelten, sich in seiner Privatliebhaberei, dem Sammeln alter, auf die hamburgische geschichte bezüglicher Münzen, zu mässigen, ja er musste sich sogar die Unbequemlichkeit aufbürden, seinen Schwestern eine Gesellschafterin zu halten, die jedoch für Kost und Logis und den von Meta Carstens erteilten classischen Pianoforteunterricht ein Supplement hinzu zahlte ... Alles das, um nur zwei geliebte Wesen nicht mit Sorgen und schrecklichen Aussichten auf Entbehrungen, z.B. eines Sommerlogis und der winterlichen Anwesenheit bei jeder zehnten oder elften Vorstellung eines neuen Stücks im Stadtteater (das Stück musste sich "erst bewährt" haben) zu hinterlassen, sintemalen sein Unterleib von früherer leichter Auffassung des Lebens geschwächt war und sein Muskel- und Knochenbau – eine natürliche Folge des hamburger Winterklimas – an Rheumatismus litt, zwei Krankheitsbedingungen, die, wenn sie sich begegneten und den Rheumatismus auf einen der edlern Teile des Herrn Carstens – und die edelsten waren sein Herz und sein Magen – werfen sollten, allerdings seinem Leben plötzlich ein Ende machen konnten.
Hier nun, in der vor dem Dammtore in Hamburg gelegenen Sommerwohnung des Herrn Nikolaus Carstens treffen wir "fräulein Lucinde Schwarz" wieder, herausgenommen aus Lebensverhältnissen völlig anderer Art, in neuen Umgebungen, neuen Anschauungen, neuen Empfindungsweisen.
Lucinde verdankte diese Uebereinkunft jenen Gütern des Kronsyndikus, von denen das eine in Holstein, das andere in Mecklenburg verpachtet war. Die Kleesaat war auch hier die grüne Spur, die von dem Teutoburger Wald, über den Haarrauch und die Heidschnucken hinweg, mit einem Umwege über die Marschen und Geeste des rechten Elbufers, nach einem noch volle zwanzig Minuten vom Dammtor gelegenen Landsitze führte, der unter ähnlichen Landsitzen mit Nr. 33 kenntlich gemacht war und aus einem Vorgarten von etwa auch dreiunddreissig Schritten, jedoch keineswegs in quadrater Potenz, sondern nur etwa zwanzig Schritten der Breite nach, einem haus von andertalb Stockwerken ohne Keller und einem Hinterhofe und Hintergarten bestand, der seinerseits nur zehn Fuss lang und fünf Fuss breit war, einen Holzschuppen entielt mit einer Hundehütte und die Grube zur Inempfangnahme alles überflüssigen Niederschlags irdischen Daseins. Nach hinten war alles das von einem schon abgeblühten Hollunderbusch umzäunt und trennte auch dies Gebüsch diesen Tummelplatz ländlicher Erholung von einem ditto, der mit gleichen luxuriösen Bequemlichkeiten seine Fronte in einer andern Strasse hatte und vielleicht dort an einer Nr. 76 oder 77 bemerklich war, wo wiederum in gleicher Weise auch nach vorn dreiunddreissig Schritte bis zum Strassenstaket Raum geboten wurde dem "Flügelschlage einer freien Seele".
Der Vorgarten in Nr. 33 war zum grössten Teile grüner Rasen, an dessen Frische und Ueppigkeit es bei einem landwirtschaftlichen Samenhändler nicht fehlen konnte.
dicht an dem haus, dessen Fenster so niedrig gingen, dass man sich bequem auf ihrem Simse hätte niederlassen können, wenn nicht die hanseatische Gewohnheit die Fenster statt nach innen nach aussen öffenbar angebracht hätte, war eine, wie sich von selbst versteht, grünlackirte hölzerne Laube befindlich, durchzogen von einer einzigen, bereits von unten her in emporschlängelnder entwicklung begriffenen Weinranke, deren bisjetzt noch mangelnde Ausdehnung und Blätterfülle einstweilen ein in der Höhe von andertalb Fuss üppig wuchernder Wald von türkischen Bohnen und Kresse ersetzte.
Vorn und am rand der Breterwand links und