auf der Welt ... Er hatte zu Renaten, als ihm diese mitteilte, jeden Abend ginge eine verschleierte Dame an einem auf eine kleine Gasse hinausgehenden Fenster seiner Zimmer vorüber und sähe minutenlang hinauf – bittend gesprochen: Reden Sie doch nicht mehr davon! ... Er wollte Lucinden vergessen ... Er wollte den Mut zeigen, sich nicht zu fürchten vor ihren Drohungen ... Bei jeder Leiche, die er segnete, sah er im Geist den Sarg von St.-Wolfgang offen und Lucinde mit dem "geheimnis über sein Leben" ihn anstarren wie die Sphinx ... Er wollte auch jetzt von diesen Zeilen sich nicht erschüttern lassen, wollte nicht durch zu langes Verweilen bei ihrem Inhalt Lucindens wahrscheinliche Absicht unterstützen, mit Gewalt wieder Posten in seinem inneren zu nehmen ... Der Abschied von Paula lag zu schmerzhaft noch auf seinem Gemüt ... Er sah immer näher kommen, was ihm und Paula der Tod war, die von den Standesrücksichten gebotene Ehe derselben mit dem Grafen Hugo – mit dem Geliebten der leichtsinnigen und verlorenen Schwester Benno's! ... Das waren Fernsichten, gegen deren Düster das nächste Leid verschwand ... Da kam in der Tat ein Brief von der Curie, worin ihm die Inspection der Klöster anzeigte, dass die Damen auf dem Römerwege wünschten, ihn für die andauernde Krankheit ihres Beichtvaters bei sich in Stellvertretung zu sehen ... An der kurzen Dauer, in der sich die Curie für die Genehmigung dieser Bitte entschied, sah er doch nur einen geringen Widerstand, der sich gegen ihn zu regen wagte ... Freilich bürdete man ihm nur zu schnell jede neue Last auf ... So ging denn Bonaventura eines Tages in erster Morgenfrühe auf den Römerweg ... Er gedachte der ihm so werten Gertrud Lei, gedachte, wie wohl Paula von diesem Kloster zu sprechen pflegte, wenn die Rede ging, dass sie möglicherweise den Schleier nähme ... Hier betete Schwester Terese, die ehemalige Verlobte des Pater Ivo, für das Heil der umnachteten Seele ihres Freundes, dem sogar noch ein Gelübde seiner entferntesten Ahnen zu einer Gewissensfrage hatte werden können ... Immer lehnte er die Wahl gerade dieses Klosters ab; denn sich Frauen denken zu müssen unter einem geistlichen Führer, wie Cajetan Roter, musste ihm der Anblick des – von Würmern zernagten heiligen Brotes sein ... Er gedachte: Ist dies Haus, das so ganz versteckt und verbaut, äusserlich kaum neben einem kleinen Kirchturm erkennbar, zwischen dem Waisen- und Jesuitenprofesshause liegt, der Himmel auf Erden oder die Hölle? ... Wer ergründet das? ... Die Bischöfe dürfen wohl zuweilen diese nur den Frauen gewidmeten Räume betreten; sie dürfen in die Zellen blicken ... Auch die Wahl eines fremden Beichtvaters, statt des gewöhnlichen, steht den Nonnen frei ... Aber wie viel Dinge sind erlaubt und man versagt sie sich doch ... Wie viel Klagen ersterben in Rücksichten ... Wehe denen, die in einem Gemeinwesen etwas wagen, das dem allgemeinen Esprit de corps widerspricht ... Bei den Nonnen macht sich vor allem die weibliche natur selbst geltend, die rätselhafte Gattungsstimmung, für die die Männer selten richtiges Verständniss haben ... Die weibliche natur wird an die gesetz des Lebens, an Hinfälligkeit und Schwäche mehr erinnert als wir ... Die Männer bindet dann der Geist; ihre irdische natur können sie zuweilen abstreifen ... Frauen aber stehen immer im Zwang eines gleichen Naturlooses und entbehren der völlig freien Selbstbestimmung ... Daher denn in einem Nonnenkloster der doppelt und dreifach gebundene Wille ... Ein einziges Gefühl bemächtigt sich aller; der Instinct leitet sie; selbst die Freisten werden hinübergezogen in ein allgemeines Sklaventum ...
Das alles wusste schon Bonaventura ... Dennoch hoffte er auf Ausnahmen ... Verliess ihn selbst doch nicht die Vorstellung: Wer weiss, ob nicht eines der grossen Benedictinerklöster in Oesterreich dir die Weltentsagung in anderem Lichte zeigen würde, als das Kloster Himmelpfort mit Klingsohr und Pater Maurus! ...
Die äbtissin, die er fand, war eine Greisin ... Am Stabe daherwankend empfing sie den Domkapitular, der mit der ganzen männlichen Würde seiner äussern Erscheinung und in seinem Ornate kam ... Sie geleitete ihn in die Kapelle, wo sich die Vorrichtungen des Beichtörens befinden ... Das Kloster war von keiner zu strengen Regel ... Einige der Schwestern widmeten sich der Erziehung im Waisenhause, wohin sie durch ein Gewirr von Gängen gelangen konnten ... Die Annäherung des hochgefeierten Priesters schien Himmelsmanna für die verhungerten Seelen ... Da und dort tauchten eilende Gestalten auf hinter den Gittern der kleinen Kirche ... Leben und Bewegung, wenn auch geisterhaft und leise, regte sich ringsum ... dicht am Tabernakel befand sich ein Zimmer ... Hier konnte sich Bonaventura ungestört allein angehören ... Ein Zugfenster zurückschiebend, sah er in einen düstern gang, von dem ihn ein einfaches, nicht wie am allgemeinen Sprachgitter übliches doppeltes Gitter trennte ... Die Nonnen treten nicht frei in die Kirche. Sie wohnen selbst der Messe nur durch die vergitterten grösseren und kleineren Mündungen ihres Klostergebäudes bei ... Hier und da diente ein kleiner Ausbau aus der Kirche ins Kloster zu Beichten, wenn deren mehrere zu gleicher Zeit zu nehmen waren bei etwaiger Ueberfüllung an Bewohnern ...
Bonaventura nahm in einem dieser kleinen Glaskästen