den Exercitien der Frau von Sicking begab ...
Statt ihrer hatte sich erst Johannens Verlobter, der Professor a.D. Guido Goldfinger, an diese Uebungen anschliessen wollen ... Da der praktische Mann jedoch angefangen hatte, sich, erst "nur der Zerstreuung wegen", auf Delring's verlassenen Comptoirsessel zu setzen und Pitern im Familieninteresse der Jahresdividenden zu überwachen, so ging mit der Mutter und Schwester die Frau Oberprocurator ...
In dieser Zeit war Lucinde tagelang in den Kirchen, flüchtete auch oft in die Rumpelgasse zu Veilchen Igelsheimer, auch auf den Römerweg zu Treudchen Lei ...
Nück, in übermässiger Freude über das gänzliche Verschollensein des Brandstifters Jan Picard, nicht einmal belästigt von dessen Drohbriefen um Geld, beruhigt sogar über Hubertus, der in der Tat mit Pater Sebastus auf Flucht nach Rom war, lebte nur seinen jetzt doppelt entfesselten Begierden ... Er suchte Lucinden mit allen nur erdenklichen Kundgebungen seiner Gefühle zu umstricken ... Er vernachlässigte seinen Beruf und gab sich Blössen vor allen seinen Arbeitern ... Benno bestätigte, was Bonaventura schon aus dem Beichtstuhl wusste ... Sie wollen mich jetzt verlassen, jetzt?! rief Nück Benno und seine Augen traten in ihre Höhlen zurück und liessen nur einen einzigen weissen Schimmer sehen ... Sie dürfen nicht! Sie müssen bleiben! ... Und ich habe es gut mit Ihnen vor! lenkte er ein. Sie müssen eine glänzende Carrière machen ... Dieser Staat hier bietet Ihnen nichts ... Herr von Asselyn, Sie bleiben? Wenigstens bis zum Herbst? ... Ich wickle dann mein Geschäft ab und gebe meine Praxis auf ... Werden Sie mein Nachfolger oder – ich erfinde noch etwas ganz Anderes für Sie ... On ne marche qu'avec les hommes! sagte Mirabeau, fuhr er fort ... An Menschen hänge dich an ... Die nur tragen dich, wie der heilige Christophorus das Kind übers Meer trug ... Meinungen, Ueberzeugungen, Pflichterfüllung – pah – das ist all nichts ... Ich setze Sie auf die Schultern von Menschen – ja des ersten Mannes in der weltlichen Christenheit und Ihren Cousin, den Domcapitular, auf die Schultern des ersten Mannes in der geistlichen ... Nur durch Menschen kommen wir vorwärts ...
Benno, von Nück oft so auf Kaiser und Papst verwiesen, lachte, hatte aber die tiefste Abneigung gegen ihn ... Da er in der Processfrage der Camphausen arbeitete, hinderte ihn die eigene Teilnahme, von Nück zurückzutreten, wie er am Tage nach dem Auffinden der verdächtigen Urkunde gewollt hatte ... Den Regierungsrat von Enckefuss sah er oft ... Er mochte von seinen Ahnungen nicht selbst beginnen und dieser wollte entweder durch Schweigen seine Massregeln verschleiern oder war zu sehr vom Antreten seiner eignen traurigen Erbschaft in Anspruch genommen ... Dionysius Schneid durch Steckbriefe zu verfolgen, wie Herr von Enckefuss schon auf Schloss Westerhof vorgeschlagen, hatte Levinus von Hülleshoven nicht unterstützen wollen, obgleich die Spur des Verwundeten aufzufinden unmöglich war ... Hubertus, der ihn geborgen, wurde vernommen, aber seine Aussage lautete auf ein freiwilliges Weiterwandern eines Abenteurers, der für Pater Ivo und Löb Seligmann in den Gewölben einer Klosterkirche verschwunden war ... Löb Seligmann hatte sich noch nicht veranlasst gefühlt, in einer so frommen Gegend mit Zeugenaussagen hervorzutreten gegen Klöster und hohe Adelssitze ...
Eines Tages – es war gegen Pfingsten – erhielt Bonaventura folgende Zeilen:
"Hochwürdiger Herr! Eine Novize bei den Karmeliterinnen, Gertrud Lei aus Kocher am Fall, wünscht schon seit lange Ihnen Beicht zu sprechen. Herr Cajetanus Roter verhinderte dies. Jetzt ist er lebensgefährlich erkrankt und bedarf eines Substituten. Es wird Ihnen ein Leichtes sein, von der Curie diese Stellung zu erhalten. Sollten Sie von dem Gerücht, dass Sie Comtesse Paula magnetisirten, Unannehmlichkeiten haben, so wollt' ich Ihnen nur bemerken, dass, wenn auch jeden, der sich auszeichnet, Neid verfolgt, doch in diesem Fall die Intrigue der Frau von Sicking bei Witoborn die Veranlassung etwaiger Verdriesslichkeiten ist ..."
Der überraschende Brief war ohne Namen, konnte aber nur, die Handschrift bewies es, von Lucinde kommen ...
Bonaventura war aufs Aeusserste betroffen ... Von der "Seherin von Westerhof" hatte er überall unbefangen gesprochen ... Die "Intrigue der Frau von Sikking"? ... Diese Dame war von ihm vernachlässigt worden; er hatte gleichgültig von ihren Bussunternehmungen gesprochen ... dafür konnte sie an ihm Rache nehmen? ... "Paula magnetisirt?" ... Die Geistlichen der Michahelles'schen Richtung beklagten allerdings, dass Paula's Ekstase keine rechtgläubig religiöse war ... Die Indifferenten lächelten öfters zweideutig, wenn sie mit Bonaventura von seiner Reise sprachen. Der Weihbischof, ein Greis, hatte ihm manches mitgeteilt, was hinter seinem rücken gesprochen wurde ... Sogar der Onkel Dechant hatte ihn in einem seiner jetzt öfter als sonst geschriebenen Briefe gewarnt vor bösen Gerüchten, auch Hunnius und Roter als seine Gegner genannt ... "Gib Acht", schrieb er ihm, "greift die Intrigue um sich, so verbieten sie Dir trotz Deiner hohen Stellung noch den Beichtstuhl ... Halte Dich nur mit dem Generalvicar, der ein, aufgeklärter Mann ist ..."
Bonaventura hatte sich gelobt, Lucinden zu betrachten, als wäre sie nicht mehr für ihn