feierlichen Gelegenheiten trat sie in desto höherer Bedeutung hervor ... Gleich die Osterzeit teilte auch ihm den ganzen Nimbus mit, den gerade in diesen Tagen die katolische Kirche um sich zu verbreiten weiss ... Auf die goldenen Gewänder, die Fahnen und Baldachine fällt gerade in dieser Zeit auch zugleich der Strahl der ersten Frühlingssonne ... Jerusalems Palmen grünen in den noch kalten Kirchen ... über den Garten von Getsemane breitet sich das abendliche Dunkel der Vigilien ... Selbst den Hahn der Verleugnung glaubt man bei all diesen Nachbildungen der heiligen Leidens- und Ostervorgänge in den katolischen Kirchen rufen zu hören – so weiss man das Alte wach zu halten ... Bonaventura bedurfte dieser schönen Phantasmagorieen, um – sein Leiden zu mildern und – sein Denken zu unterbrechen ...
Die Beichten kamen wieder, die Prüfungen in dem kleinen Flüsterwinkelchen, das Bonaventura nicht aufgeben durfte ... Renate bat ihn um Schonung seiner selbst ... Ihr Pflegling kam von Witoborn zurück um Jahre älter geworden ... Mitteilsam sprach er ihr wohl von der Mutter und breitete alles aus, was diese ihm für die alte Dienerin sowohl, wie für ihn selbst mitgegeben ... Aber es drückte ihn Schmerz und Unmut ... Er war umsponnen von wie viel geisterhaften Fäden! ... Vision und Wirklichkeit hielten ihn in einem steten Zauberbann ... Seine alten Zimmer behielt er in dem grossen Gebäude des Domstifts ... Gerade weil er so viel Neues in seinem Herzen trug, hatte er das Bedürfniss, äusserlich es beim Alten zu lassen ...
Bonaventura sah Benno wieder, sah Nück, auch Lucinden ... Wie gewaltige Veränderungen waren vorgegangen! ... Aeusserlich sowohl, wie innerlich ... Benno konnte er nicht sehen ohne die tiefste Rührung ... Immer und immer empfand er den Reiz, dem Freunde die Binde von den Augen zu reissen und ihn ohne Rückhalt über seinen Ursprung aufzuklären ... Noch aber fehlten die vollen Verständigungen darüber mit dem Dechanten und seinem Stiefvater ... Von Stunde zu Stunde mussten sie kommen ...
Nück war und blieb Bonaventura ein Gegenstand des Grauens ... Der Unheimliche umschlich seinem Beichtstuhl und gab nicht undeutlich zu erkennen, dass er von mancher Bürde frei zu werden wünschte ... Bonaventura lenkte die Geständnisse, die bald aus diesem mund an sein Ohr drangen, auf den Brand von Westerhof, auf die Urkunde ... Nück stellte sich da völlig nichtwissend ... Aber bei den Verirrungen seiner Phantasie blieb er stehen und fragte eines Nachmittags geradezu, was die Kirche riete, wenn man sich von allen seinen Sünden und Schwächen aufraffen wolle und es auch könne, jedoch von dem einzigen dazu verhelfenden Mittel eingestehen müsse, dass es nicht minder der göttlichen Verzeihung bedürfe ... Bald kam die fast geflissentliche Hindeutung auf Lucinden ... Das war die ganze Absicht dieses Beichtstuhlbesuchs ... An Wahrheit und Aufrichtigkeit konnte einem Nück nicht gelegen sein ... Warum sprach er von einem Wesen, das er nicht nannte, das ihn frevlerisch bestricke, von einer verzehrenden Glut ihres Atems, von seinem Bedürfniss, sich von einem so starken weiblichen Willen beherrschen zu lassen, ja dass er schon jetzt nichts mehr ohne sie täte? ... Nück sprach von einer Aenderung seines ganzen Lebens, von einer Aufgabe seiner Geschäfte, einem Zurückziehen ins Privatleben, von Ankauf eines Gutes, von Reisen in südliche Gegenden ... An allem ist sie beteiligt! sagte er seufzend und so betonend – als wollte er nur den Priester selbst damit durchbohren ...
Das rauhe, struppige Haar des hochberühmten Rechtsgelehrten neben ihm flösste Bonaventura den tiefsten Abscheu ein ... Er beeilte sich, von dem hässlichen Bild dieser Seele hinwegzukommen ... Abschüttelnd, was vom sogenannten Molinismus oder der Jesuitenmoral in solchen Fällen des Verhältnisses der grösseren zu kleinern Sünden geraten wird: Sei wie die entwöhnende Amme! Verwandle, was du dem Sünder bietest, erst in einen dem Kind die gewohnte Milch vergegenwärtigen den Brei! sprach Bonaventura:
Was sind das für geringere Sünden, mit denen man grössere austreibt! ... Lesen Sie die Schrift und Sie werden David's Leidenschaften und seine Reue finden! ... Ich will Sie an den Knaben David erinnern, wie er den Riesen Goliat erschlug ... Er hielt sich zu seinem Schleuderwurf fünf Steine bereit, obgleich ihm der Riese wohl nicht für die Abschleuderung des zweiten Zeit gelassen hätte ... Ein Uebel rottet sich am besten dadurch aus, dass man ihm die Nahrung nimmt ... Ergreifen Sie noch vier andere Leidenschaften, ich meine edle Leidenschaften ... Sie werden dann an die unedle fünfte nicht mehr denken ... Beten Sie ein Ave auf dem Hügel der letztbegrabenen Angehörigen Ihrer Familie ... Friedhöfe zu besuchen, das wäre eine der Leidenschaften, die ich meine ... Legen Sie sich vier solcher steten Reservebeschäftigungen Ihres Tuns an und Ihre Phantasie hat eine Milderung ...
Hendrika Delring war gemeint ...
Was gibt es Heilenderes, als die Erinnerung an unsere Vergänglichkeit! ... Bonaventura wusste nur nicht, wie wenig Nück's verirrter Seelenzustand am tod ein Grauen empfand ...
Lucinden sah Bonaventura oft genug, nur nicht mehr im Beichtstuhl, den er verboten hatte ...
Er sah sie besonders in der Zeit, wo die Kattendyk'sche Familie sich nach Witoborn zu