Herr von Pötzl hocherstaunt und schaute sich überall um und fixirte endlich den Fremden neben sich, seinen Protégé ...
Dieser stand keiner Besinnung fähig ... todtenbleich ... Eben streckte Benno die Hand vor, um das ihm dargereichte Perspectiv zu ergreifen, da blieben ihm die Finger wie gelähmt hängen ...
Er sank bewusstlos auf seinen Sessel zurück ...
Sie sind unwohl! rief Herr von Pötzl erschrocken ... Ein Glas wasser! Bitte ... oder kommen Sie ... Frische Luft! ...
Benno erhob sich allmählich, lehnte hülfe ab ... Das Spiel begann eben wieder ... Er wandte sich zum Gehen ...
Ja, gehen Sie lieber, mein bester Herr, sagte Herr von Pötzl ängstlich besorgt ... Der Dunst der Lampen hier oben ist aber auch heute fürchterlich ...
Benno wollte ablehnen ... Herr von Pötzl führte ihn, während alles rings voll Teilnahme aufgestanden war, selbst durch die Sitzreihen der Galerie und hinaus auf den Corridor.
Es war der zweite Tag, den Benno in Wien verbrachte.
2.
Als im Beginn des diesjährigen Frühlings Benno von Asselyn mit seinem Freunde Tiebold de Jonge von Witoborn nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückreiste, tat letzterer "von seinem Standpunkte aus" alles Mögliche, die schmerzlichen Nachklänge des so gänzlich den "gehegten Erwartungen nicht entsprochenen" Witoborner Aufentaltes zu mildern ...
Was nur aus dem unerschöpflichen Born seiner guten Laune zu schöpfen war, gab Tiebold zur Zerstreuung bereitwilligst her, und sogar seine eigene person ...
Doch Benno blieb für alle Anschläge seines erfinderischen Genius unempfänglich ...
Ja er verdarb Tiebold sogar den "Spass", dass dieser Extrapost nehmen wollte, um in der "Einsamkeit der Landstrasse" den "gegenseitigen Gefühlen" Luft zu machen ...
Benno kannte diese Tiebold'schen Extrapostfahrten mit ihren "gemütlichen kleinen Aufentalten" von vier bis fünf Stunden, ihren Nachtlagern, ihren Wirtshausbekanntschaften, ihren Abstechern auf gerade den Abend angesagte Casinobälle in kleinen Städten, zu denen sich Tiebold sans gêne wie ein alter Stammgast einzuladen verstand ...
Sie fuhren mit der Schnellpost und kamen auf diese Art rascher als mit Tiebold'scher Extrapost wieder zurück in ihre "laufenden Verhältnisse" ...
Das durch vier Mitpassagiere auferlegte Schweigen über die Resultate der Witoborner Erfahrungen hatte etwas Feierliches ... Tiebold verbrauchte seinen letzten Cigarrenvorrat mit Blicken der Resignation ... Er gefiel sich in dem von ihm sonst so oft an Peter unerträglich gefundenen System des Au contraire gegen sämmtliche Mitpassagiere, deren Behauptungen ihm in der Regel unbegründet und haltlos erschienen, ob sie nun den Segen der zu erwartenden Ernte oder die projectirten Eisenbahnlinien oder die Zukunft der damals neuerfundenen Stahlfedern oder den Kirchenstreit betrafen ... Tiebold wusste zwar, dass er durch seine unausgesetzten: "Erlauben Sie!", mit denen er seine "tatsächlichen Berichtigungen" einführte, Benno zum stillen Märtyrer machte, aber es blieb ihm unmöglich, die Aufregung seines Gemüts, den "stellenweisen" Schmerz seiner Erinnerungen anders zu beschwichtigen, als durch eine auf fortwährende Berichte von "Augenzeugen" gegründete Polemik ... Nur in der Nacht traten Pausen der Ergebung ein, die Tiebold teils durch Schnarchen, teils durch Seufzer ausfüllte ... Hätte er nicht von Seiten Benno's das schnöde Wort: "Machen Sie sich nicht lächerlich!" gefürchtet, er würde von den Sternen gesprochen und die von Joseph Moppes immer so zart gesungene Arie mit nachgeahmter Waldhornbegleitung intonirt haben: "Ob sie meiner noch gedenkt?" ...
Als dann Tiebold seinem Vater hinter "Maria auf den Holzhöfen" über die "verfehlte Speculation" des Ankaufs der Camphausen'schen Waldungen, infolge des bedeutungsvollen Fundes der Urkunde und des Abbruchs aller Verhandlungen mit Terschka drei Tage vor der ihnen noch nicht bekannten Flucht desselben, berichtet und dafür ein: "Gesegn's Gott!" geerntet hatte, fand sich leider "noch immer die stille Stunde nicht", nach der sein Herz sich sehnte, die Stunde, um mit Benno "alles durchsprechen" und das Tema variiren zu können: "Ist denn wohl das alles ein Traum gewesen?" ...
Benno hatte sofort mit den Berichten zu tun, die er Nück zu erstatten hatte ...
Tiebold selbst war teils überhäuft mit Commissionen, die ihm die Stiftsdamen mitgegeben, teils war seine Ankunft die erfüllte sehnsucht aller seiner übrigen Freunde, besonders Piter's, den Treudchen's Flucht ins Kloster und die bevorstehende mögliche Einkleidung des geliebten Wesens "rein in einen Schatten" verwandelt hatte ...
Erst die überraschende Mitteilung, dass sich auf einer Reise nach England Wenzel von Terschka einige Stunden in der Stadt aufgehalten, ohne jemanden zu besuchen, brachte den "Austausch der Gefühle zuwege", nach dem Tiebold so dringend verlangte ... Eines Abends sechs Uhr war es, auf der Strasse, die Sonne war noch nicht untergegangen, die letzten Austern, "auf die man sich allenfalls noch verlassen konnte", waren aus Ostende angekommen ... Ein stiller Winkel auf dem Hahnenkamm lockte mächtig ... Benno wurde gezwungen zu folgen ... Benno tadelte keinen einzigen Vorschlag, den Tiebold über die Sorte Wein machte, die sie zu den noch "unbedenklichen" Austern wählen wollten ...
"Terschka geht denn also nach England, um die Gräfin über die Urkunde und die gänzliche Veränderung der Dinge auf