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O ich bitte'! ... DaDas ist merkwürdig! ... Unser Schicksal! Im Hamlet! ... Dieser Herr Müller ist gut empfohlen ... Nein, schauen's doch, Resi! ... Beim StaatskanzlerAlle die römischen Herrschaften ... Der Principe Rucca ... Und die Dame da ... Das ist die Herzogin von Amarillas ...

Benno lehnte das ihm dargereichte Perspectiv ab ...

Seine Hand zitterte ... Sein Atem versagte ihm ...

Bald richtete er sein Auge starr auf den Träger eines Namens, derer wusste es jetztseiner Schwester Angiolina gehörte, bald auf die ihm noch im fernen Lampen- und Lichtdunst schwimmende Erscheinungseiner Mutter – –

Das Spiel ging indessen weiter ... Aber es wogte ein Rauschen und Flüstern durch den Saal ...

Die eben eingetretenen fremden Herrschaften, die mit dem aus Rom gekommenen Cardinal Ceccone in Verbindung gebracht wurden, erregten das allgemeinste aufsehen ... Es kamen immer mehr ...

Der Principe Rucca war ein junger Mann im roten, gestickten Kleide ...

Auch der Name Maldachini wurde genannt ...

Alle Gläser richteten sich nach jener Logenreihe und Resi's Frage sogar: Ja, mein Gott, trägt denn der kleine Rotrock nicht gar ein schwarzes Pflaster überm Auge? mehrte Benno's Aufregung ... Denn nach einem erst heute früh erlebten Vorfall sah er, dass er mit den Personen, die er mit heissester sehnsucht suchte undmit Entsetzen und Grauen floh, bereits zusammengetroffen war, ja mit ihnen schon in einer Verbindung stand ...

Zweimal erwiderte er, auf alles Erläutern und Zeigen seiner Umgebungen.

WessenLogeist das? ...

Des Staatskanzlers! hiess es ...

Doch auch die Logen neben jener hatten sich inzwischen gefüllt ...

Benno kämpfte mit sich, ob er bis zu Ende bleiben sollte ...

Hamlet's Lage war seine eigene ... Auch mit ihm sprachen ja Geister, die ausser ihm hier niemand sah ... Auch ihm sträubten Entüllungen das Haar zu Berge; auch ihn hätten sie wach rufen sollen zu Taten der Sühne und Gerechtigkeit ... Aber auch ihm lähmten hundert Erwägungen den Arm ... Wahnwitz, das fühlte er jetzt, kann den ergreifen, der ein Ungeheueres machtlos im Busen bergen soll ... Auflodern, allen zurufen hätte er mögen: Das ist ja meine Mutter! ... Er hätte seinen Nachbar anrufen mögen: Wie trägst du, du nur den Namen meiner Schwester? ... Ophelia, angeredet von Hamlet mit dem unendlich schön gesprochenen Abschiedswort: "Geh' in ein Kloster!" verwandelte sich ihm in die Trägerin seiner eigenen Leiden ... Dass man dann sagte, die Gräfin Olympia Maldachini sähe so keck sich um, wie in einem Ballsaal, liess ihn vollends erbeben ... Auch sie kannte er ja ... Sie schon ihn ... Die Loge war zu entfernt für sein Auge ohne Bewaffnung durch ein geschärftes Glas ... Dennoch bog er sich schwindelnd über, um zu sehenum starren zu können ...

Wieder war inzwischen der Vorhang gefallen ... Wieder begann eine Zwischenmusik ...

Der Professor, der inzwischen ebenfalls in grosse Aufregung geraten war, erklärte, nur eben dieser "Römer" wegen hätte er den Platz des Professors Dalschefski übernommen ... Er zankte mit Teresen ... Er war aufgestanden und sprach jetzt mit höchster Lebendigkeit seiner bisher so starr gewesenen Gesichtszüge die italienischen Worte:

Ja! Das sind sie! ... Die Herzogin kenn' ich nicht ... Aber sehen Sie nur den Grasaffen, den Rucca! ... Und das, das ist die kleine Gräfin Olympia! ... Corpo di Bacco! ... Als zehnjähriges Kind schon hatte der Fratz sich in einen Apollino im Braccio nuovo verliebt, verlangte vom Cardinal Ceccone, ihremOnkel, ihm einen Kuss geben zu dürfen, springt selbst an den jungen marmornen Gott hinauf, umschlingt ihn und beide stürzen vom Postament herunter ... Torwaldsen hat ihn restauriren müssen ... Und ein ander malha, da hatdiese Olympia – –

Ich muss aber bitten! Schweigen Sie! unterbrach ihn Resi entrüstet ... Die Dame hat auch bis dahin Ihre Verleumdungen gehört! Eben richtet sie das Lorgnon auf Sie! ... Wahrhaftig ... Herr von Pötzl, schauen's doch! ... Das ist ja prächtig! Sie ruft den mit dem schwarzen Pflaster, auch die Herzogin und die sämmtlichen Cavalierigeben Sie Acht, Professor, Sie müssen ihr Revanche geben, Sie unverbesserlicher Carbonaro! ...

Herr von Pötzl bestätigte alles, staunte und lachte übermässig ...

Benno aber stand, als schwebte er, ein Fieberkranker, in den Lüften ...

Nein, die ist ungenirt! ... sprach alles ringsum durcheinander ... Wie in Neapel! ...

Sie grüsst wirklich hier herauf! lachte Herr von Pötzl ... In der Tat bestätigten alle, durch ihre Lorgnons blickend, dass die Kleine mit dem Diamantendiadem zu ihrer Loge hinauflache ...

Sie ergriffe eben das Taschentuch und winke herüber, ergänzte Resi ...

Wem gilt denn das? ... sagte