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Protegirt er auch den HerrnWie heisst der neue Debutant, den die Kaiserin protegirt? ... Kein Zettel da? ... Die Unordnung in denen Logen greift immer mehr um sich! ... Warum ist kein Zettel da? ...

Für Benno mussten diese Absprünge des Tons vom zartesten Gemüt bis zur schärfsten Ironie, jetzt an den Logenschliesser zur entschiedensten Grobheit, höchst charakteristisch sein ... In einem und demselben "Geplausch" wurde der Logenschliesser geputzt, ein junges, heiteres Mädchen, das vor ihm sass, angeredet, eine höchst steife, lange Figur, in einer weissen Halsbinde neben ihr ironisirt, der fremde junge Mann unterrichtet, die Darstellung beurteilt, alles mit derselben Lebhaftigkeit und den leichtesten Uebergängen eines Seelenzustandes in den andern. Bald Gefrierpunkt der Kritik, bald Siedepunkt des Entusiasmus ... Dazu noch die Dose gezogen und geschnupft und Benno nach dem wievielten Tag seines Aufentalts gefragt, auch auf die Teuerung Wiens aufmerksam gemacht und bei alledem auch noch eine bedeutende Persönlichkeit in dieser Loge und in jener lorgnettirt ...

Die Ringsumsitzenden hatten im grund alle dieselbe Manier. Sie fanden wenigstens diese quecksilberne Beweglichkeit, dies Abspringen von der Hitze im Saal auf das heute "ein Bissel" mangelnde Feuer im Spiel "der Uebrigen", von der brillanten Toilette dieser und jener Fürstin auf die "schauerlich" schlechte und abgenutzte Decoration in der Scene ganz in der Ordnung. Und bei alledem, wenn auch noch soviel kritisirt und "mechant" gefunden wurde, bei einem: Bravo! stürmte sich ein förmliches Liebesfeuer von Entusiasmus urplötzlich entbrennend aus ... Trotzdem, unmittelbar darauf erfolgend, über dies und das ein leises: "Unter der Würde!" ...

Benno sah, dass diese Art, sich zu geben, aus dem Gemeingefühl einer Stadt entspringt, deren Bewohner sich gleichsam zu einer einzigen grossen Familie bekennen ... Die Worte "Herz", "Gefühl", "Gemüt" wurden sowohl hier, wie auf den Brettern gehandhabt wie eine Prise Schnupftaback ... Die schwungvolle Darstellung des Hamlet ausgenommen, war die Vorstellung mehr im geist Iffland's ... "Vater", "Mutter", alle diese Worte wurden mit einer besonders biedern Treuherzigkeit betont. An seinem Protector fiel Benno auf, wie er ihn trotz seiner kindlichen Harmlosigkeit doch ab und zu höchst scharf beobachtete ... Sogar eine klug lauernde Kälte lag in dem blick der kleinen glänzenden Augen mit höchst scharfen grauen Brauen ...

Ein Zwischenact trat ein, den eine würdige Musik belebte ...

Benno konnte sich jetzt in seinen nähern und entferntern Umgebungen zurecht finden. Auch fiel er selbst schon aufnach seiner schlanken edlen Gestalt, nach einem feinen Lächeln der anziehenden Gesichtszüge einigen Entfernteren ... Nach seiner fremdartigen Aussprache allen Nähersitzenden ... Die Plaudereien seines Protectors veranlassten die vor ihm Befindlichen, sich öfters nach ihm umzusehen ...

Nur dem Italiener wurde das Umsehen schwer. Entweder war der Nacken zu steif oder nur die weisse Halsbinde war es. Flüchtig erhaschte Benno ein gelbes, von Blatternarben entstelltes Antlitz. Um so lieblicher hob sich von ihm der schelmische Mädchenkopf ab, die Resi, wie sie sein Protector nannte ... Es war eine muntere Brünette, nicht mehr "zu jung", die sich unausgesetzt gar lustig halb italienisch, halb deutsch mit ihrem Nachbar neckte. Der Italiener blieb auch kalt zu diesen Spöttereien. Seine Gesichtsformen schienen von einer Pergamentaut überzogen zu sein, die sich nicht veränderte, auch wenn er selbst etwas sprach, das andre lachen machte ... Resi stritt mit ihm über den Charakter der Deutschen und nannte Hamlet einen Dänen, auf den die Malicen ihres Nachbars nicht im mindesten passten ...

Ma questo strofinaccio ha frequentato una universitâ tedescha! sagte der Italiener ...

Benno verstand und sprach das Italienische wie seine Muttersprache ... Er durfte annehmen, dass der Professor, der Hamlet seiner Tatlosigkeit wegen einen "Waschlappen" genannt hatte, ein Musiker war. Resi lenkte ihre jetzt zorniger werdenden Erwiderungen immer auf das musikalische Gebiet ...

Sein Führer, der endlich den Teaterzettel bekommen hatte, las diesen laut, lachte dabei über den Streit, blinzelte Benno zu und sagte:

Der Laërtesder soll engagirt werden ... Eine Empfehlung aus München ... Der ganze Hof ist deshalb zugegen ... Resi, wie kommt's, dass heute der Dalschefski seinen Platz abgetreten hat? ... Herr Professor, eine seltene Ehre für die deutsche Kunst! ... "Müller" heisst der Debütant ... Die allerhöchsten Herrschaften sind so ausserordentlich gnädig ... Der Mensch kann aber seine Beine noch nicht halten ...

Benno würde an dem kleinen Kriege auf den Bänken vor ihm, wo sich noch eine ältere Dame und ein anderer Herr befanden, seine harmlose Freude gehabt und sein schmerzlich zerrissenes, hochgespanntes und sozusagen überbürdetes Gemüt erleichtert haben, wenn nicht plötzlich im Lauf der Neckereien sein Begleiter mit einem Namen wäre angeredet worden, der ihm das Blut erstarren machte ...

Und mehr noch ...

Kaum hatte er die Anrede: "Herr von Pötzl" zum zweiten mal vernommen, da stieg sein Schrecken bis zur Besinnungslosigkeit, denn im weitern Verfolg der wieder neubegonnenen Handlung auf der Bühne reichte ihm sein Führer das Perspectiv mit den geheimnissvoll geflüsterten Worten:

Jetzt aber! Jetzt schauen's! ...