1858_Gutzkow_031_602.txt

stand am Burgtor ...

Da las er an einer vom Tor geschützten Wand:

"K.K. Hofburgteater."

"H a m l e t , P r i n z v o n D ä n e m a r k . "

Er trat in das nahe kaiserliche Teater ...

Ein labyrintisches, von kleinen Winkelgängen durchkreuztes Gebäude nahm ihn auf ... Schwer fand er sich zurecht bis zur "Kassa" ... Noch war diese reich gewöhnt man sichmit Unrechtnur an diejenigen Unmöglichkeiten zu glauben, die sich auch dem Klang des Silbers gegenüber nicht wegräumen lassen ... Benno's Zweifel fanden kein Gehör. Er verliess ohne Billet die "Kassa" und verwickelte sich in den Gängen ...

Ein gefälliger Herr, der sich verspätet zu haben schien und hinter ihm herging, wies ihn zurecht ... Der Ausgänge schien es mehrere zu geben ... Der freundliche Herr liess es sogar geschehen, dass Benno in eine Wachtstube geriet, die ganz den bekannten Kasernenduft hatte ... Grenadiere spielten hier Karten und dennoch huschten Damen in eleganten Kleidern hindurch, ja Benno stand sogar plötzlich zweien Gestalten gegenüber, die jedenfalls zu dem Gefolge des Königs Claudius von Dänemark auf der Bühne gehörten ...

Der fremde Herr sah Benno's Erstaunen und sagte zu ihm lächelnd:

Ei, Sie sind fremd, mein Herr? ...

Schon zog er die Dose gegen den Wachtstubengeruch ...

Nicht wahr, das erinnert Sie an eine Dorfkomödie? fuhr er fort. Aber es tut mir leid, dass Sie vielleicht mit diesem Eindruck weiter reisen! Sie haben kein Billet bekommen ... Wenn ich Ihnen einen Platz in meiner LogeBitte ... In allem Ernst ... Meine Loge liegt zwar nur im dritten Stock ... Despectirlich ist das aber keineswegs, lieber Herr! ... Ohne Spass ... ich mache mir sehr ein Vergnügen daraus ... Kommen Sie nur! ...

Das gemütliche Air des feinen Herrn war so einnehmend, dass Benno in der Tat nach einigem Zögern, aber auch fernerem Zureden folgte ...

Ich gehe voran! sagte sein Führer und plauderte im Gehen:

Nicht wahr, Sie denken hier an eine mögliche Feuersbrunst? ...

Er deutete auf die Enge der Logentreppen ... Man ging in die Stockwerke hinauf, wie auf einer Wendeltreppe zu einen: Turm. Im seltsamen Contrast zu dieser Aermlichkeit standen die reichgallonirten Diener mit ihren Servirbrettern, auf denen sie "Gfrornes" trugen ...

Benno entschuldigte sich unausgesetzt über seine Dreistigkeit und schüttelte seinen Hut und seinen Macintosh ...

Im Gegenteil! erwiderte sein freundlicher Protector und ordnete inzwischen gleichfalls seine Toilette und mit einen: Kämmchen sein weisses, krauses Haar ... Die Dreistigkeit ist auf meiner Seite ... Sehen Sie nur, jetzt muss ich Sie auf meine beiden Plätze sogar durchs Paradies führen ... Aber zur Linken haben wir dennoch einen kaiserlichen Hofrat und zur Rechten einen Millionär von der haute finance ... Die Logen sind bis in den Kronenleuchter hin schon auf Jahre voraus gesucht ... Und wie ist das heute überfüllt ... Immer so bei denen classischen Stücken jetzt und besonders wann im Kärtnertor eine durchgefallene deutsche Oper wiederholt wird ...

Durch die dichtgedrängte Galerie machte der Logenschliesser dem gesprächig satyrischen Herrn Platz und nahm den nassen Macintosh, unter dem Benno sich glücklicherweise im Salonfrack befand ... Fast in der Nähe des Kronleuchters lag allerdings die Loge des freundlichen Führers ... Die Ränge waren eben nicht zu stark besetzt ... Desto voller war es unten ... Kopf an Kopf in einem langen düstern saal, dessen Bauart mehr zum hören, als Sehen des auf einer schmalen Scene Dargestellten bestimmt schien ... Eben sprach der Darsteller des Hamlet eine der längern wirksamen Reden in melodischem Tonfall, mit ebenso viel Kraft wie Anmut ... Befangen suchte sich Benno in seine so schnell und überraschend ihm gekommene Situation zu finden ... Sehen konnte er allerdings vom Spiel so gut wie nichts ... Er musste sich an die Worte halten und an seines Begleiters Erläuterungen, die von einem: Guten Abend! hier, von einem: Küss' die Hand! dortin unterbrochen wurden ...

Die Beschwörungsscene war im Gange ... "Schwört auf mein Schwert!" sprach Hamlet, der mit hinreissendem, vielleicht zu vielem Feuer gespielt wurde ...

Im Saal war alles todtenstill ... Man hörte das dumpf aus der Erde kommende: "Schwört!" des Geistes ... Alles das hinderte aber ebenso wenig den Protector Benno's wie die Umgebungen immerfort dazwischen leise zu kritisiren und zu "plauschen" ...

Schau, schau! sagte ersterer. Das schreibt sich gewiss unser Herr Professor da auf ... "Schwört auf mein Schwert!" ... Nicht wahr, lieber Professor, das ist für ein italienisches Ohr rein kalmückisch? ... "Schwört auf mein Schwert!" ... Ich muss aber auch sagen, was der Deinhardstein da wieder für eine Uebersetzung genommen hat ... Oder soll's ausdrükklich ein Wortwitz à la SaEi guten Abend, Resi! ... Ei, küss' die Hand! ... Wie kommt denn heute der Professor in Ihre Begleitung