1858_Gutzkow_031_601.txt

, lässt sich die Augen verbinden, tanzt unter Eiern, schiebt einen Karren auf dem Seil zum Turm hinauf, geht auf beiden Händen, dreht sich als Kopf überm Rumpf herum und sagt dem rücken "guten Tag"! ...

Halt! springt die Sittenpolizei dazwischen ... Metternich's Censur und Moral, die noch in den von uns geschilderten Tagen regieren, und der Dämon wird rasch wieder ein Kind, das unter Blumen spielt, ein Kind, das nur nach Schmetterlingen hascht oder vor einer Hummel entfliehtaberwelch einer Hummel! ... Brummelt die so spassig, so taumlig, so torklig ... Bassgeige, wohin rennst du? ... Bassgeige, bist du betrunken? – Leute, entflieht! Entflieht! ... Staberl spannt seinen Regenschirm aufhaltet doch! Das gibt ja SturmWo führt's dich hin? Zum "Stuwer?" ... Sind das Pot-à-Feu's? Döbler'sche Sträusschen? Sternschnuppen? ... Wohinaus? ...

Ins Firmament! Grad' in die Milchstrasse, aber von Würsteln und Kringeln behangen ... In einen Kometenschweif von feurigen Nasen ... Ein einziger Strohhalm die schwindelnde brücke, aus der alle Walzenden zugleich über den unermesslichen Abgrund hinübermüssen ... Heiliger Nepomuck, jetzt hilf! ... Sie fassen sich alle an, klammern sich an die Rockschösse ... Strauss nimmt den Fidibus, steckt noch den Strohhalm über das Weltgebäude hinweg in Brand und nun müssen die Paare hinüber ... Die Glöckchen, die klingen, die Pickelflöte, die lacht, die Geigen, die quinkeln über den äussersten Steg hinweg ... Das gibt ein Unglück! ...

Aberder Maestro bringt sie alle wohlbehalten in seine Schlusscoda zurück ... Bass, Trommel, Posaune finden sich in harmonischer Vereinigung bei den letzten Takten wieder zusammen ... Alles bricht in pyramidalen jubel, in "Fanatismo" aus ... Der taktirende Maestro verbeugt sich gelassen und ruhig, "der Tanz ein Leben" oder "das Leben ein Tanz" ist beendet und nebenansind die Tische weiss gedeckt für die harmlosesten Bedingungen des irdischen Daseins – "Backhänerln", "Rossbrateln", "Beflamots", "lämmernen Hasen", "Engländern" und allen möglichen Nationalgerichten der classischen Küche Oesterreichs ...

So war auch das Gewirr, in das Benno von Asselyn eingetreten ...

So übertäubtim Späterbst, beim Blätterfall und häufigen, noch warmen Regenschauern schon an die bevorstehenden Freuden des Winters erinnertirrt er durch die Strassen Wiensverfolgt von bunten Anschlagzetteln, Aufforderungen zu Lust und Freude ... Eben sehen wir ihn in die stolze Herrengasse treten ...

Fussgänger umdrängen ihn, Wagen rollen, Rosse sprengen dahin ... Nur immer achtung! Ausweichen! Ausweichen! ... Auch den von den Regenschirmen niedergiessenden Fluten ...

Einige Minuten verlieren wir den trotz seiner Aufregung bleichen jungen Mann mit seinem regenfeuchten, schwarzen Bärtchen, im triefenden, neuerfundenen Macintosh, vor Wirrwarr um sich her und in sich selbstohne Regenschirm! – ...

Aber bald tritt er aus einem hohen, mit Karyatiden geschmückten vornehmen Palast wieder hervor ...

Er sinnt: Wohin? ... Auf die Schottenbastei hinaus zur Linken? ... Auf die Freiung zu meinem guten Chorherrn hinüber, bei dem ich wohne? ... Zu den Zickeles, an die du empfohlen und für jeden Abend geladen bist? ... Oder noch in irgendein Teater? ... Das Burgteater soll jain der Nähe sein ...

Da ruft ihn der Portier zurück ...

Verzeihen's! ... Den Dreimaster lüftend, fragt er: Waren's Herr Baron von Asselyn? ...

Mein Name! ...

Benno von Asselyn war schon zweimal unter dem hohen Portal des gräflich Salem-Camphausen'schen Palais gewesen, hatte, schon zweimal mit dem Hüter des Eingangs über die Nichtanwesenheit des Grafen gesprochen ... Diese Leute haben nur ein Gedächtniss für empfangene Trinkgelder ...

Ein Brief für Euer Gnaden vom Herrn Grafen Erlaucht sollte eben zum Herrn Baron hinübergetragen werden! ...

Der Brief lag auf dem Sims des kleinen Gukkfensterchens der Portierstube ... Benno nahm ihn an sich ... In der Auffahrt des Palais brannte hochoben eine etwas düstere Lampe ... Der Portier deutete auf sein Stübchen und ein dort befindliches Licht, das zwar auch keine Millykerze war, aber es reichte hin für die kurze Lectüre ... Eine Secunde und Benno hatte gelesen, dass ihn Graf Hugo aufs dringendste morgen zum Frühstück auf seinem schloss Salem erwartete ...

Der Portier sah dem schlanken jungen mann jetzt voll Spannung nach und ahnte und vermutete etwas ... Die Bedienung eines grossen Hauses hat ein scharfes Auge für die inneren Angelegenheiten ihrer herrschaft ... Hängt Der mit unser Aller Schicksal zusammen? mochte er denken und sah lange hinter ihm her, sah, wie der junge Mann davonschoss und so in Gedanken, dass er immer noch nichts vom Regen zu merken schien ...

Benno hatte sich rechts gewandt, ging, auf die morgende kleine Reise gespannt, und fühlte nun doch wohl an seinem Hut und den Stiefeln, dass es Zeit war irgendwo unterzutreten ...

Er