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Bringe niemand die Anschauungen einer deutschen Residenz oder Provinzialstadt mit! Der Matrose, der Everführer, der Schiffsabläder, der Packknecht, der Hausirer, der Karrenschieber nehmen die nächste Bequemlichkeit der Strasse für sich in Anspruch und schleudern mit eingestemmten Armen den, der etwa auf sein Spazierstöckchen mit goldenem Knopf oder seine Glacéhandschuhe als Berechtigung zu Ausnahmezuständen verweisen möchte, in souveräner Machtvollkommenheit auf die Seite; glücklich, wer noch dabei in einen Kram getrockneter Feigen oder frischer Orangen fällt, nicht in eine der englischen Gesundheitsgeschirr- und Wedgewoods-Niederlagen, die man an den offenen Strassenecken oder auf ambulanten Karren feil hält.

Vor dem Brande lag die Börse in dem jetzt verschwundenen engen Gewühl jener alten Strassen am Burstah und Rödingsmarkt, deren Häuser manches Menschenalter gesehen hatten. Die Naivetät Hamburgs, die sich so gut mit londoner Civilisationszuständen verträgt, eine Naivetät, die in dem unendlich unschuldigen, sozusagen schämigen Dialekt, auch selbst beim Blasé, sich wie die Unbefangenheit einer champagnertrinkenden Gurli anhört, war durch manchen verwitterten und nur noch an einigen Aesten zum Blühen und Grünen kommenden alten Lindenknorren ausgedrückt, der mitten unter Import und Export, unter Lotteriecomptoiren, Galanterieläden und Austernkellern wie ein Symbol der Unschuld stehen geblieben war. Dieselbe Idylle wiederholte sich beim Anblick der Gemüsekörbe der Vierlanderinnen und des verschwenderischen Ueberflusses, mit dem aus roten Blechkübeln die Milch durch die Strassen zu fliessen scheint. Auch dicht an der alten Börse säuselten noch einige Linden- und Akazienbäume in die "Ueberschreibungen" von Mark Banco hinein, und mancher gefühlvolle Wechselsensal nahm nach vollbrachter Feststellung der Tagescurse seiner Gattin noch einen Canarienvogel oder Dompfaffen mit heim, den vaterstädtische Gemütlichkeit am Eingange der alten Börse zu verkaufen gestattete. Es sah ringsum eng, alt, holländisch aus. Nicht des stark vertretenen jüdischen Elements, sondern der Bauart einer vor dem Regen schützenden Halle und des im Freien liegenden Parquets wegen glaubte man in den Vorhof einer alten Synagoge zu treten.

Zu den Gemütlichkeiten Hamburgs oder den hamburger "Ironieen des Satan", wie Dr. Heinrich Klingsohr gesagt haben würdean dergleichen Kraft- und Schlagworte waren auch dort seine Freunde gewöhntgehört im Sommer das idyllische Wohnen der Geldleute unter Gras und Blumen vor den Toren der Stadt.

Es ist wahr, die Atmosphäre Hamburgs bekommt im Sommer etwas Mephitisches. Aehnelt sie auch nicht ganz dem Dufte der pariser inneren Stadt, wo die Gewürze, Kaffeebohnen, Pfeffersorten, Zimmetarten aller Zonen zusammenzukommen scheinen und die Kehle zum Ersticken zusammenschnüren würden, wenn die penetrante und vom pulverisirten Teriak erfüllte Luft nicht mit den Gerüchen von ranziger Butter und altem Käse wieder gemildert und gefeuchtet würde, so gesellen sich zu den ganzen und zerstossenen Gewürzen in Hamburg noch die Ausatmungen der Kanäle oder Fleete, vorzugsweise aber jene sonderbaren Oelgerüche, in die vom 52. Grad nördlicher Breite an alles in Europa eingehüllt scheint, was da lebt und webt. Das ist von diesem Breitengrade an ein Malen und Klecksen mit Oelfarbe an jede Wand, jedes Holz, jeden Stein! Der Nordländer liebt die grelle Farbe mehr als der Südländer. Wir glauben wunder, welche Farbenreize der Spanier für seine Kleidung sucht. Die andalusische Tänzerin kleidet sich in Gelb und Schwarz. Der Nordländer aber will rote Halstücher, malt sich grüne Häuser, bestreicht seine Windmühlflügel, seine Segel, seine Milchkannen, seine Gartenzäune, schläft in gold- und grünlackirten Bettstellen, hat überall den Farbentopf und den Oelkrug in der Hand, bepinselt und beglänzt Diele und Treppe und Fussboden und Fensterrahmen. Kein Wunder, dass die beengte Lunge sich in jenem frischen Wiesengrün ausatmen will, das dem Hamburger glücklicherweise bis dicht unter die Torsperre wächst.

Die grossen Kaufleute fahren um drei Uhr in ihre prächtigen Villen, die an der Elbe liegen; aber ein solcher kleiner Exporteur in Kleesaat, wie Herr Carstens, geht nach vollbrachtem Tagwerk erst eine Stunde in die Börsenhalle, wo er in die Schiffslisten Australiens blickt, um sich nach "Susanna Maria", einer gesunden, vollwangigen, frischen Bark, zu erkundigen, die nach Adelaide einige hübsche Dosen jener Panacee der Ackerwirtschaft bringen soll. Sie ist noch nicht angekommen am Orte ihrer Bestimmung, die Susanna Maria, aber ein andereswir reden in der Naivetät dieser oft so unschuldig verkannten Geldseelen – "nettes und schoines" Ding, die "Meta Carstens", ist sehr guter Dinge in Baltimore eingelaufen und bringt den dortigen Farmern das, was ihnen auf ihren Acres jetzt lieber ist als etwa eine Kunde von der endlich errungenen Freiheit Germaniens. Kleesaat ist ein specifisch europäischer Artikel, ohne den es keine ausführbare Brache und keine Hebung des Viehstandes gibt; denn wie am Neckar, so am Missouri: die Kühe werden, wenn sie frisches Heu im Stall bekommen, schöner, als wenn sie draussen im Freien sich das beste Gras zerzupfen und nebenbei immer etwas dabei verschlucken, was ihnen nicht bekommt, wenn es auch nicht der übelberufene Duwock ist, über den sich eben noch bis halb vier Uhr Herr Carstens in eine noch nicht aufgeschnittene und bei Hoffmann und Campe erschienene Broschüre vertieft.

Die Kleesaat ist eine der ergiebigsten Branchen des europäischen und namentlich des deutsch-böhmischen Exports, eine Entdeckung, die nur leider von Herrn Carstens nicht allein gemacht wurde.

Er würde die Broschüre über den Duwock sicher lieber Sonntag Vormittag zugleich mit einer verbotenen Schrift von "Harry" Heine, letztere natürlich mit entschiedener Indignation, doch teilnehmend, bei sich zu haus gelesen haben, wenn ihn nicht eine Reihe verfehlter anderweitiger Branchen, Leder, Tran, Gerbstoffe, Talg, zuletzt auf die Kleesaat