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denn meine Börse! Holehier!

Lucinde sollte rasch hinunterspringen und gegenüber in einem Laden frisches Brot holen, auch von nebenan Butter und von noch weiter nebenan aus einem Keller Rettiche, die sehr delicat schmeckten, wenn man, sagte Frau von Buschbeck, einen Salat draus machte mit Essig und Oel ...

Wie das alles so wonnig mundete!

Als aber Lucinde schon im Gehen war und noch einmal zurückkam, weil sie ja das Geld vergessen hatte, sagte die freundliche, liebevolle Dame:

Kindchen, bist doch wohl zu müde, auch zu fremd, und wirst es nicht finden!

Und nun schnitt sie schon von dem alten Brote vor und holte aus einem andern Schranke mit kostbarem Porzellan von buntgemaltem meissener Rococo ein allerliebst geformtes Näpfchen, freilich nur mit Salz gefüllt. Aber "Salz und Brot macht die Wangen rot!" sagte sie, undLucinde ass Salz und Brot.

Aber da purren und gurren ja noch die Tauben in dem Waschkorbe! Den armen Dingern muss drinnen recht bang geworden sein und verschmachtet sind sie gewiss auch. Morgen sollte der Tischler kommen, hatte es auf der Landstrasse geheissen, und sollte auf dem dach eine wundervolle Vorrichtung treffen, einen Taubenschlag, der nie einen Marder zulassen würde. Einstweilen aber wurde jetzt die Höhlung unter dem Feuerherde ausgeräumt und eins nach dem andern von vierzehn der trefflichsten veredelten Feldflüchter in diese unbequeme wohnung eingelassen. Einen Vorbau machte man aus umgekehrten Schemeln, Besen, ausgebreiteten Scheuerlappen. Die "gnädige Frau" lachte ganz vergnüglich über die lieben Tierchen, nahm den Sack mit Zwetschen und ging erst jetzt in ihre vordern Zimmer. Auch hier die Prüfung der vorgelegten Schlösser. Auch hier ein behutsames Aufschliessen und ebenso sorgfältiges Wiederanziehen der geöffneten Tür. Lucinde wurde nicht aufgefordert zu folgen.

Da stand sie nun, todmüde, in der linken Hand ihr hartes Brot, in der rechten eine Küchenlampe. Sie durfte nicht näher kommen, weil erst gestern gescheuert worden war, und die Decken lagen noch nicht wieder, die kostbaren, zusammengerollten, über die Lucinde einigemal im Vorsaal schon gestolpert war. Es verging wohl eine Viertelstunde, bis die Frau Hauptmännin zurückkehrte und Licht gemacht hatte. Wie sie sah, dass Lucinde so im Vorsaal stand und unnützerweise den leeren Wänden leuchtete, sagte sie:

Donnerwetter, das Oel ist teuer! Du kannst jetzt zur Ruhe gehen!

In der Küche gab es noch einen gemütlichen Verschlag in die Mauer hinein. Dort öffnete die gnädige Frau und zeigte Lucinden etwas, was wie ein Bett aussah. "Jettchen" allerdings war so müde, dass sie nicht einmal ihre Bewunderung vor diesem Bette, das man wieder unsichtbar machen konnte durch zwei Türflügel, aussprach. Sie war nur froh, den mitgenommenen Vorrat von Erbsen, den sie vorhin ausgeschüttet hatte, unterm Feuerherde verknuspert zu hören; ein paar ihr sehr liebe Kropftauben gurgelten ihre Atzung ganz hörbar hinunter.

Na, und nun kleide dich aus! Gute Nacht! Schlaf nicht zu lange! Träume gut! Sage: Ich wünsche Ihnen wohl zu schlafen, meine liebe gnädige Frau! Na, wird's? Nein, ordentlich! IchwünscheIhnenwohlzuschlafen, – meineliebegnädigeFrau! So! Das war recht! O, wir verstehen uns schon! Wir passen zusammen! Um fünf Uhr aber Reveille! Verstanden? Gute Nacht!

Ahnend, was Reveille sagen wollte, und etwas ungewiss, ob sie wirklich am Ziel der verheissenen Seligkeiten war, ging Lucinde, sich reckend und dehnend, barfuss und im Hemde noch einmal nach vorn und sah durch die Glastür. Der Vorhang liess ein Ritzchen offen, durch das sie hindurchschielte. Ei, kaut nicht die gnädige Frau gerade ihre Zwetschen frisch aus dem Sack heraus? Es muss doch wohl sein, wenn's auch ein Anblick war, als wenn zwei concentrische Mühlräder sich umeinander drehten, nur jedes nach entgegengesetzter Richtung hin ... Und wie die Zwetschen auch schwierig zu schroten waren, so mundeten sie der gnädigen Frau doch vortrefflich, sodass sie schon einen Haufen Steine vor sich hin und zwar sehr sauber auf ein Papier gelegt hatte. Sie hielt offenbar ihr "Souper" und blinzelte dabei so listig mit den Augen ringsum wie eine Katze, die sich auf ihre nächtliche Wanderung nach Mäusen freut, und sonderbarauch mit den Steinen liebäugelte sie, als wenn sie der lokkendste Speck wären, an den jemand anderes noch anbeissen sollte. Und endlich gar noch sonderbarer! Wenn die schwarzen Augen der gnädigen Frau einen recht stechenden Glanz bekamen, dann schien sie ganz blind zu werden. Lucinde wusste das schon aus Vorkommnissen der Reise; auch sie beobachtete scharf. Jetzt bewegte sich der Vorhang. Rasch schlich sie zur Küche zurück, wo sie sich ihren Bettkasten heraustappte und zusammengekrümmt auf einen Strohsack sich niederwarf. Die Lade war zu kurz für ihren aufgeschossenen Wuchs. Doch entschlummerte sie und hatte sogar die angenehme Ahnungmorgen in der Frühe doch noch Wonnen des Paradieses zu entdecken.

3.

Von dem Morgen an, wo Lucinde erwachte und im Auffahren fast lebensgefährlich an die spitze Nase der Frau von Buschbeck stiess, die sie ein für allemal bedeutete: So lange dürfe sie niemals schlafen! (es schlug eben eine Uhr mit heiserm Tone, nicht unähnlich dem Bellen eines alten astmatischen Mopses, fünf!) – von diesem Morgen an blieb Lucinde ein Jahr, neun Monate, funfzehn Tage und drei Stunden bei der Frau "Hauptmännin