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ein ... Sie ist zu jung, um zu verstehen was über alles, alles im Leben geht und warum es heisst: "Im Anfang war das Wort!"

Armgart widersprach nicht ... In ihrer Seele klangen die Evangelien und die Stimmen aus der Bibel nach ...

Sie begriffwenn auch mit tiefem Bangendass die älteren sich durch die Verwandtschaft ihres Denkens, durch die gleiche Richtung des Willens, durch den Mut ihrer Ueberzeugungen wiedergefunden hatten ...

Doch liessen beide ihr den Ruhm, dass sie, sie allein die letzte Entscheidung gegeben ... Monika war ja in der Tat zum Obersten mit den Worten eingetreten: Suchen wir doch z u s a m m e n unser verlornes Kind! ...

Da Armgart so oft schwieg, so tief versunken blieb in ihre stille Welt des Glücks und des noch immer nicht recht befestigten Glaubens an dies Glück, so hielten sie allmählich die älteren für weniger geistesreif, als sie ihnen geschildert worden. Sie beruhigten sich leicht darüber und sprachen mit ihr von der Gegend, vom Brand, von Paula, von der Erbschaft, von den Bewohnern des Schlosses Westerhof, von Bonaventura von Asselyn, der, wie Monika sagte, für den aufs Neue erkrankten Pfarrer die kirchlichen Handlungen verrichten helfe und schon für die nächsten Tage nach der Residenz des Kirchenfürsten zurückgerufen wäre ... Armgart gab klug und verständig ihre Erläuterungen und schon erfreute sie die älteren durch kleine Anflüge ihres Humors ... Harmlos ergingen sich die älteren in ihren Urteilen über die Zeit und die Welt ... Was die Mutter von Paula berichtete, waren Zweifel an ihrer Seherkraft. Doch sie wurden milde vorgetragen und verrieten vor Armgart's Freundin achtung. Die Mutter hatte nicht, wie Lucinde, Freude an ihren Verneinungen ...

Das Erstaunen, die Ueberraschung, der Triumph, der die drei Ankömmlinge dann auf dem schloss empfing, waren unverstellt und bei Allen schon um Armgart's, des wiedergefundenen Flüchtlings willen, der allerfreudigste ...

Benigna, die um Armgart's Schicksal, um Monika's plötzliche Parteinahme für ihren Gatten in heftigster Erregung zurückgeblieben war, vergoss Tränen, unaufhaltsam ... Onkel Levinus setzte sich die englische Militärmütze mit den goldenen Tressen auf und vergass alle Anklagen über Standesetikette und Standesrücksichten, die Monika schon beinahe gestern von dannen getrieben hatten ... Auch wohl jetzt noch spottete er über den Papiermüller, mass sich aber doch mit ihm an der Tür, wo sie einst vor dreissig Jahren sich in ihrem Wuchse gemessen hatten und richtig den Strich noch fandennur dass Levinus damals der grössere, jetzt der kleinere war und Ulrich rief: Gewachsen bin ich doch wahrhaftig nicht! ... Nun dann bin Ichzusammengekrochen! gestand Levinus und lachte nun Paula entgegen, die die wiederentdeckte Armgart an ihr Herz zog und vor Ulrich, Armgart's vielbesprochenem Vater, in Verlegenheit stand wie mit Rosen überhaucht ...

Terschka fehlte noch, wurde jedoch erwartet ... Auch Bonaventura, der noch in sankt-Libori oder im Stift war ...

Verständigungen, Aufklärungen folgten ... Die Tante ging sogar auf einige Ketzergrundsätze ein ... Sie verwies als einen sträflichen Aberglauben die Abhängigkeit, in die man sich von unüberlegt ausgesprochenen "Gelübden" setzte ... Ja sie erzählte sogar, als Terschka und Bonaventura immer noch nicht kamen, mit leisem Kichern eine geschichte von Müllenhoff's neuer Krankheit ... Sie wurde nur halblaut vorgetragen, drang aber doch zu Armgart's Ohr ... Nachdem hintereinander erst ein Püppchen, dann ein Kätzchen an des Pfarrers Haustür wäre ausgesetzt gewesen, hätte man gestern in der Frühe ein wirklicheslebendigesneugebornes Kind, einen pausbacknen Jungen, hellschreiend in einem Korb gefunden ... Was von Urteilen daran angeknüpft wurde, entging Armgart ... Sie war in der Stimmung eines Kinds am Weihnachtsabend, wenn die Bescherung längst da ist und der glücklich trunkene blick noch immer irrt und irrt und erst noch das Oeffnen der lichterhellten Zimmer zu erwarten scheint ... Sie machte sich Vorwürfe über ihre der Mutter bewiesene Kälte ...

Wie beherrschte aber auch Monika schon alles durch ihren Geist, durch ihre Ruhe, ihreAehnlichkeit mit der Tante und doch so ganz ihr Anderssein! ...

Terschka blieb aus ... Und wenn er kam, was dannwas dann? – dachte Armgart ... Ja, ihr Opfer schien ihr in der Tat nicht vollzogen, das Band, das die älteren einigte, nicht fest genugNach solchem Briefe! Solcher Sprache! ... Kam Terschka, sie fühlte, dass sie dann noch, Gott zu Ehren, von einem Felsen springen musste ... Sie hätte ihn begrüsstals den Erwählten ihres Herzens ... Monika stand mit Rührung über Armgart's stetes Zurückgezogensein von ihr ... Oft auch mit dem Gedanken: Sie ist noch Kind; sie bleibt, so schön und hold sie ist, hinter der Erwartung zurück, die man mir von ihr gemacht hatte ... Ein trunkenes, blindes Verlorensein des Muttergefühls in dem wiedergefundenen Schatz ihrer sehnsucht lag nicht in ihrer natur, die auch eben deshalb von Paula prüfend genug beobachtet wurde ...

Immer hiess es dabei: Wo bleibt der Domherr? Wo Terschka? ...

Wurde Terschka's Name genannt, so richtete sich Armgart auf,