.. Sie blickte um sich ... Es war etwas vorhanden, was gestern fehlte. Was nur mochte es sein? ... Blumen? Die dufteten nicht ... Musik? ... Jetzt erst bemerkte sie, dass es ja ganz still um sie her war ... So in sich verloren, so an ihre Lage gewöhnt war sie schon ... Die Mühlen standen ja, die wasser rauschten ja nicht, die Sägen schwiegen ... Was ist das? erhob sie sich von ihrem Frühstück ... Das ist der Himmel! D i e Musik liegt in der ewigen Stille nach dem Geräusch des Lebens! ... Unwillkürlich musste sie die hände falten ...
Vorgestern und noch gestern hätte sie dies plötzliche Schweigen um sie her benutzt zu ihrer Befreiung ... Heute, wo sie endlich wieder auch die Glocken hörte, riss sie nichts ans Fenster, drängte sie nichts dazu, um hülfe zu rufen ... Ja selbst das Läuten des Münsters und der Jesuitenturmglocke und der Dominicanerkirche – all diese Glocken konnte sie seit frühster Kindheit unterscheiden – alle diese Zungen der Luft redeten die Sprache ihres inneren nicht ... Sie sah in die Bibel und fand, dass dort die Psalmen und die Propheten andre Worte sprachen, als die sie jetzt sogar im Münster hätte hören können ...
Zum Fenster stieg sie hinauf, nur um doch etwas von der Aussenwelt zu sehen ... Es war ein bedeckter Frühlingsmorgen, Nebel verhüllten die schon hoch stehende Sonne, Schnee und Eis waren geschmolzen ... Sie öffnete, um die frische verheissungsreiche Luft einzuatmen ... Sie sah Menschen vorübergehen ... Niemand blickte zu den kleinen Schiessscharten des Turms empor ... Auch waren die Wände so dick, dass ein hinter den kleinen Scheiben befindliches Antlitz nicht gesehen werden konnte ... Und rufen, Hülferufen war Armgart's Bedürfniss nicht mehr ...
Ruhig stieg sie von Tisch und Stuhl hinunter und ordnete ihre Kleidung, flocht ihr Haar, schmückte sich so einfach, wie sie seit Jahren gewohnt war ...
Die Mühlen standen immer noch still und schon berechnete sie, ob heute ein Feiertag war ... Die Fastnachtszeit war da ... In wenig Tagen war Aschermittwoch ... Heute begann zu sankt-Libori die vierzigstündige Anbetung des allerheiligsten Sakraments ... Die Bilder aller Altäre der katolischen Christenheit sah sie jetzt, wie immer zur Fastenzeit, verhüllt werden, nur das Kreuz des Erlösers offen bleiben, um wenigstens für die Passionszeit allein auf diesen die Aufmerksamkeit zu lenken ... Alledem suchte sie in ihrer Bibel nachzuleben, soweit es noch zutraf ...
Gegen elf Uhr hörte sie ein näher kommendes Geräusch ... Nicht vom Ofen kam es, sondern von der Tür her ...
Sie hob ihr Dulderhaupt und sah ruhig auf die Tür, durch die ohne Zweifel Hedemann eintrat ... Sie wollte ihm nichts Zorniges sagen, obgleich sie im ersten Augenblick eine auflodernde Wallung nicht unterdrücken konnte ... Hülfebringende müssen doch wohl eiliger kommen! berechnete sie ...
Draussen ging ein Schlüssel ... Die Tür öffnete sich ...
Armgart hatte sich nicht erhoben ... Ruhig den Kopf auf die Hand stützend und nur von ihrem Buch aufsehend sass sie da ...
Aber unwillkürlich musste sie sich jetzt erheben ...
Hedemann kam nicht allein ... Er liess einen Herrn und eine Dame vor sich eintreten ...
Die Besuchenden waren ein Paar ... Sie kamen Arm in Arm ... Die Dame war nicht gross, das Antlitz von einem schwarzen Schleier bedeckt ... Der Herr erschien stattlich, frischen und gebräunten Antlitzes, den Kopf mit einer dunkeln Tuchmütze bedeckt, die ein rund gehender goldener Streifen zierte ...
Hedemann sprach nichts ... Die Besuchenden blieben oben an der Tür stehen und blickten auf Armgart und die Stufen hinunter ...
Armgart überfiel eine seltsame Regung ... Ihr Herz schien eine Weile zu stocken ... Ein Zittern ergriff sie, als sie einen Schritt weiter wollte und den so lange auf sie Niederblickenden entgegengehen ...
Die beiden Fremden blieben oben und sahen nur stumm ins Zimmer hinunter ...
Der Herr mit der Mütze hatte einen schwarzen Ueberwurf um, ein buntes Tuch noch fast jugendlich um den Hals geschlungen – einen weissen aufrecht stehenden Halskragen – Fast hatte er etwas vom Onkel Levinus –
Da schlug die Dame den Schleier zurück ... Lange silbergraue Locken quollen unter dem dunkeln Sammetute hervor ... In den Augen der stummen, jugendlich schönen Frau, in den Augen des stummen Mannes blinkte ein feuchter Glanz wie Tränen ...
Armgart bebte ... ermannte sich ... glaubte ... zweifelte ... Endlich stürzte sie mit einem ausbrechenden Schrei auf beide schon die Stufen Herabkommenden und lag zunächst doch nur – in den Armen der Mutter ...
Während aber auch Ulrich von Hülleshoven sein Kind an sich zog und in Armgart's Auge zu blicken suchte, lag Armgart's Hand in der linken Hand Monika's und Monika's Rechte – hielt die edle, würdige Gestalt des Gatten umschlungen ...
Die Rührung dieser drei Herzen war unaussprechlich und auch Hedemann, der den Empfindungen als Dolmetscher dienen musste, konnte nicht damit vorwärts kommen ...
Jetzt riss Monika ihr Kind fast wie eifersüchtig