1858_Gutzkow_031_593.txt

Mission entüllen, wollte Monika das Rätsel zur Entscheidung vorlegen, wie er im Gegenteil ein Freund des Grafen wurde und seine römischen Aufträge vergass. Wer konnte wie sie so tief und nach den obwaltenden Umständen alles überblickend ergründen, was zur Entschuldigung seiner Lage undLüge dienen konnte? Zuletzt wollte er in der Tat und Wahrheit seine Liebe für Armgart bekennen ... Diese leidenschaft war so mächtig in ihm, dass sie alle seine Schritte bestimmte ... Gerade deshalb, weil diese leidenschaft ihm Kraft gab, den mutigsten Entschluss seines Lebens auszuführen, hielt er sie fest und während er diese ebenso verzweiflungs- wie hoffnungsvollen Zeilen schrieb, stand nur Armgart vor seinen leuchtenden Augen ... Die Liebe, die den Mann auf der Höhe seines Lebens ergreift, die Liebe, von der er ahnt, dass sie die letzte sein wird, die noch erhört werden dürfte, hat eine unwiderstehliche Kraft.

Armgart aber las aus allen diesen Hülferufen nur im Gegenteildie Liebe zu ihrer Mutter ... Jedes Wort dieser glühenden Rede war ihr ein Ausdruck der Zärtlichkeit nur für sie ... Für diese Liebe wollte Terschka seinen Glauben ändern und nach England entfliehen ... Die Mutter musste ja dann ein Gleiches tun ... Von alledem hatten sich schon dunkle Sagen verbreitet ... Schon als man hörte, Monika reiste mit der Gräfin Erdmute nach England, war man auf einen solchen Schritt gefasst ... Diese Voraussetzungen des Briefes, wie sicher waren sie ... Ein Angenommenwerden auf den Zimmern der Mutter in nächtlicher Stille konnte ihr nur beansprucht erscheinen nach längst vorausgegangener Vertraulichkeit ... Der letzte Hinweis des briefes auf sie selbst war ihr nur der Ausdruck einer matten Rücksicht; in nichts, nichts entsprach er den seit acht Tagen ihr gewidmeten Zärtlichkeiten und Huldigungendieses treulosen Verräters ... Das der Dank für das Opfer einesLebens! ... Hatte sie ihm nicht deutlich genug zu erkennen gegebendass sie ihn erhören würde, wenn auch mit blutendem Herzen, wenn er wollte – –? ...

Eine purpurne Glut des Zorns und der Scham färbte ihr Angesicht ... Sie rannte dahin ... Sie starrte den Brief unausgesetzt an und floh wieder wie Nattern seine Buchstaben ... Das also ist die aufgedeckte Seele eines Menschen! ... Das ist der Abgrund der Wahrheit, den das Lächeln der Lüge, die Blumen des Scherzes verhüllen! ... Namenloses Elend aller betrogenen Menschen! ... Und du, du Schimpf meines geliebten Vaters! ... Ich kann nicht, ich kann nicht erfüllen, was ich wollte! Die Mutter ist für mich verloren! Vergib mir, o Himmel! Vergebt mir alle! Vergib mir auch du, Hedemann! Ich will dulden! Will hier bleiben als deine Gefangene! Schwände das Licht des Tages doch ganz und säh' ich nichts mehr, als Nacht und Dunkel, sowie das Kind im Mutterleibe –! ...

Ein solches Bild zu wählen, war ihr nicht anstössig ... Natürlichkeit und i h r e Wahrheit gingen ihr über alles ...

So beugte sie das Haupt auf ihre weissen Händchen, die sie aufstützte. Sie dankte, niederblickend, dem Himmel für die Lage, in der sie sich befand, dankte für das Brausen, das in ihr betäubtes Ohr drang ... So war es ja schön! ... So auch hätte sie jetzt untergehen mögen! ... O, diese Welt ist zu schlecht! – Ihrem Vater hätte sie auf dem Schoose sitzen mögen, den allein liebkosen mit allen verborgenen Zärtlichkeiten ihres Herzens und diese Zärtlichkeiten selbst dann wieder beweinen ...

Nichts aber geschah zur Veränderung ihrer Lage ... Sie blieb verurteilt, auch diesen Tag, auch die Nacht so hinzuleben ... Sie konnte ihren ersten Entschluss nicht ausführen, konnte nicht zeitiger zur Ruhe gehen ... Immer nur sass sie und dachte: So wandelt euere Wege hin! So seid Lügner! So leugnet nur Gott und die Treue! So brecht euere Eide, entüllt euere Sünden und schmückt euch noch sogar mit ihnen! Herr, lass mich nicht sitzen, da die Spötter sitzen! ... Wie erquickten sie die Psalmen! ... Die Bibel wurde ihr ein Trost ... Jedes ihrer Worte passte nun auch auf sie ...

Spät ging sie zur Ruhe ... Da ihr ganzes Sein Schmerz und Ergebung geworden war, schlief sie jetzt still und fest und träumte nichts Erschreckendes ...

Am Morgen hatte sie doch richtig wieder den Besuch verschlafen ...

Gewiss war es die taube Alte, die indessen im Zimmer gewesen und aufgeräumt hatte ...

Armgart sah sich um und fand es so friedlich und wohnlich um sie herganz so, wie sie sich einen Aufentalt im Kloster gedacht ... Das Zimmer war warm, ihr Frühstück fehlte nicht im Ofen, auf dem Tisch stand das frische wasser, auch ein neues und ein besseres LichtZeichen einer noch vorauszusehenden längern Gefangenschaft ... Sie sah sich um, setzte sich dann und malte sich aus, was alles in ihrer nun schon dreitägigen Abwesenheit von Westerhof geschehen sein könnte ... Terschka sah sie mit ihrer Mutter doch auch ohne den Briefheimlich und zärtlich verbunden ...

Da konnte sie eines nicht fassen, was ihr heute Morgen besonders neu und wohltuend war .