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Kein lebendes Wesen um sie her bemerkte sie, als – einige Fliegen, mit denen sie schon Bekanntschaft machte ...
Wie sie gegen Mittag wieder im Ofen rumoren hörte, sprang sie auf und rief Drohungen und Zornausbrüche in die Oeffnung, deren Wand sich wieder geschlossen hatte ....
Niemand hatte geantwortet ...
Eine halbe Stunde raste sie umher und konnte sich nicht fassen ... Auch die gestrige Mittagsrast der Mühlen fand heute nicht statt ...
Ihre Kost war noch besser als gestern ... Ihr Wasservorrat reichte bis über die Nacht hinaus ... Sie beschloss diese Nacht früher zu Bett zu gehen, damit sie den heimlichen Besucher am Morgen nicht verschliefe, sondern aus dem Bett springend ihn überraschen könnte ...
Wenn Shakespeare seinen Menenius sagen lässt, nach Tisch wäre der Mensch dem Mitleid zugänglicher als mit leerem Magen, so stumpfen sich in der Tat mit zunehmendem Behagen des Körpers die heroischen Entschlüsse ab ... Nach ihrer Mahlzeit konnte Armgart dem Verlangen nicht widerstehen ... Endlich las sie den Brief Terschka's ...
Sie las mit jener Scheu, die bei Oeffnung eines briefes sich zuvor auf das Gegenteil dessen, was man zu lesen hofft, mit dem ganzen Aufgebot des Entschlusses wappnet, sich dem Schicksal nicht gefangen zu geben ...
"Verehrte Freundin!" war das erste Wort ...
Doch nicht: "Geliebte Freundin!" sagte sie sich und hielt einen Augenblick inne, um neuen Mut zu schöpfen ...
Aber nicht zu lange währte die Hoffnung auf einen Ton, der ihr hätte beweisen können, wie voreilig sie urteilte, wie überflüssig das Opfer war, das sie bringen wollte ...
Zu ihrem Entsetzen las sie:
"Ich begrüsse Sie in einem Augenblick wieder, wo ich den Rat der weisesten Männer der Erde, die hülfe der mächtigsten Gewaltaber anflehen möchte und wo ich nichts, nichts habe, dem ich vertrauen kann, als Ihr edles, starkes Herz! Sie, Sie sind die letzte Rettung meines Lebens! – – Wenn ich mich erinnere, wie mir die gütige Freundschaft der Gräfin Erdmute stets so nachsichtig war, wenn ich mich mit Dankbarkeit erinnere, wie oft für mich die Gräfin bei Ihnen und Sie bei der Gräfin gesprochen haben, so schöpf' ich Mut und denke mir, der Zusammenbruch meines Lebens lässt sich noch aufhalten! Ich habe in diesen Tagen Schmerzliches gelitten und furchtbar gekämpft. Bedenken Sie zu den inneren Erfahrungen, die ich für meine person allein machte, noch die Schrekkenserlebnisse auf dem schloss! Der Brand, der Fund jener Urkunde, die unsern Freund, den Grafen, vollends zum Schattenbilde seines Namens und seiner gesellschaftlichen Würde macht! Ich weiss es, diese Bekenntnisse meiner Verzweiflung werden Ihnen rätselhaft erscheinen. Sie werden sie auf die Veränderung meiner Stellung zu Hugo und zur Gräfin, zu Ihrer mütterlichen Freundin, beziehen – – Aber das, was in mir vorgeht, liegt tiefer, tiefer – Ich muss ein Ende machen mit dem Elend meines Lebens. Der Wechsel der Religion ist ein leichter Schritt für eine starke Seele, die sich ihre eigene Philosophie gebildet hat; aber bei mir würde dieser Schritt mit Folgen verbunden sein, die meine Freiheit, nicht unmöglich mein Leben, wenigstens die Fortdauer meiner gegenwärtigen Lebensstellung bedrohen. Gern will ich untergehen, wenn ich wenigstens eine Hand finde, die mir den Tod versüsst. O nur das eine, eine Glück, einen letzten Preis für den Rest meines Lebens errungen zu haben, wenn es sonst auch in Nacht und Grauen dahinfährt. Ach, ich bin schwach! Ich möchte nicht den Kampf mit dem Geschick zu herbe kämpfen und das vermag ich nur durch Sie! Nur Sie blicken tief in das Menschenherz! Nur Sie können mit Engelzungen reden – reden, wo die irdische Sprache nichts Ueberzeugendes mehr hat. Ein Entschluss muss gefasst werden ... In vierundzwanzig Stunden schon kann für mich alles verloren sein ... Deshalb schreibe' ich Ihnen! Deshalb fleh' ich fussfällig, gewähren Sie mir heute Abend, wenn ich von Witoborn zurückgekommen bin und Sie den Umständen angemessen auf Westerhof begrüsst habe, eine Stunde der Verständigung. Ich weiss nicht, wo es anders sein kann, als auf Ihren Zimmern. Um zehn Uhr ruht alles im schloss. Nehmen Sie mich an! hören Sie mich! Vielleicht schon am Morgen darauf will ich nach England entfliehen, zu unserer teuern Gräfin, die das Richtige in meiner Sache nur durch Sie allein finden kann! Denken Sie rein von mir, so rein, wie die Blumen sind, die Sie in meinem Namen begrüssen! Ich ahne, dass Ihre holdselige, wunderliebliche Tochter sich wiederum der Umarmung der edelsten Mutter entzieht: aber auch sie wird jetzt Frieden stiften helfen für Ihre Brust und für die meine. Ihre Hand, edelste Frau, wird eine segnende sein. Nur muss ich Sie heute Abend sprechen – muss – muss es! Ihr Urteil hör' ich über Leben oder Tod – – Terschka."
Pater Stanislaus hatte diesen Brief zum teil in jenem seraphischen Ton geschrieben, der der Rhetorik der Jesuiten entspricht. Dennoch lag Wahrheit in ihm. Er wollte mit seinem Stand brechen und unter dem Schutz der Gräfin Erdmute, dieser heroischen Bekennerin ihres luterischen Glaubens, sich vor den Folgen seiner Entlarvung sicher stellen ... Monika's zeugnis wollte er bei der Gräfin für sich haben, wollte sich in den Folgen seiner für den Grafen empfangenen