verbreiteten, als Talg – Ihr Licht war schon zum letzten Drittel niedergebrannt und sie hatte doch noch die lange, lange Nacht vor sich und ihren Plan mit dem lautesten Hülferuf ...
Schlafen sollte sie? Schlafen in diesem Bett? ... Das wollte ihr nicht einkommen ...
Sie deckte doch aber das Bett auf ... Dabei musste sie den Hut wegnehmen, die Kleider – Der Brief fiel auf die Erde und die Einlage glitt aus dem Couvert ...
Wie sie sie aufhob, war's wie eine glühende Kohle ... Sie sah das Wort: "Freundin"
Das vollends war ein Stich ins Auge ... Und doch wagte sie nicht zu lesen ...
Sie ordnete die Schüsseln und Teller und stellte sie in den Ofen, der, wie es schien, ihre einzige Verbindung mit der Welt blieb ...
Das Bett war sauber und weiss ... mindestens so gut, wie ihr Lager in Heiligenkreuz ...
Sie versuchte es, sich zu legen ... Bald aber stand sie wieder auf ... Das Zimmer war zu heiss ...
Jetzt gedachte sie den Tisch an einen der Fensterspalte zu rücken. Aber schon ermüdete sie und ahnte, dass sie doch nur zu vergeblichen Versuchen zurückkehrte ... Schon ergab sie sich ... Die Mühlenräder gingen und gingen ... Keine Hand stellte sie ... Wen konnte sie rufen? Ost sogar dachte sie, Hedemann käme – in Kettenstrafe, wenn man seine ruchlose Tat erführe, und da wollte sie denn lieber dulden, schweigen und weinen ...
"Freundin!" ... Das Wort verliess sie nicht mehr ... Sich alle Beziehungen desselben ausmalend, versank sie, unentkleidet auf ihrem Bett ausgestreckt, in Träume und entschlummerte allmählich ... Schon hatte sie sich an das Rauschen des Wehrs und der Mühle, an das Sägen, das hirnzerschneidende, gewöhnt ... Ihr Einschlummern kam ihr wie ein Ertrinken, aber nicht mehr schmerzhaft vor ... Sie träumte von einem grossen dunkelblauen Bande, das sie umringelte ... War es ein Tier? Eine Schlange? Immer enger und enger wurde das Band, endlich sah sie nichts mehr, als aus blauer Verstrickung hervor einen rosigen jugendlichen Kopf mit lachenden Mienen, mit langen, feuchten, schwarzen Haaren – Das war dann Lucinde, die, wieder freundlich geworden, ihr zunickte wie die Wasserfee ...
Sie musste lange nach Mitternacht zur Ruhe gegangen sein; denn als sie erwachte, war es heller Morgen ...
Die Sonne fiel schon ins Zimmer, ihr Lichtglanz rief sie aus ihrem dunkeln Alkoven ...
Die Besinnung auf ihre Lage kam ihr schnell genug ... Und das Donnergeräusch um sie her hatte wohl nur während ihres Schlafes aufgehört ... Schon war wieder die Luft von demselben verwirrenden Geräusch erfüllt, wie gestern ...
Schwankend schritt sie aus dem Alkoven hinaus und sah sich in ihrem Gefängnisse um ...
Es war ihr, als hätte es gestern Abend anders ausgesehen ... Und bald auch bemerkte sie ein neues Licht ... Auch frisches wasser stand auf dem Tisch ... Eine ordnende Hand musste hier schon gewaltet haben, während sie schlief ... Nur der Klingeldraht hing zerrissen wie bisher ...
Im Ofen fand sie ihr Frühstück ...
Sie ergab sich jetzt ... Ihre Augen, noch gerötet von den gestrigen Tränen, füllten sich aufs neue mit dem Ausbruch ihres Schmerzes ... Sie klagte Hedemann's Grausamkeit nicht mehr an ... Sie wollte jetzt dulden ... Blinzelnd sah sie auf den zur Seite liegenden Brief, der jedoch keine Spur trug, dass er gelesen war ...
Sie machte sich zu schaffen, so gut es ging ... Das Zimmer war warm ... Die Bibel lud zur Erbauung, zur Zerstreuung ein. Sie las einige Seiten ... Dann ging sie an ihre Kleidung, die sie ordnete ... Zerknittert und zerdrückt war alles. Sie öffnete ihre tasche, nahm ihr Nacht-, ihr Nähzeug heraus und sagte:
Diese Nacht wirst du, wenn man dich nicht befreit, dem Bett vertrauen und dich getrost legen! ...
Sie gedachte der Märtyrer in Indien, die ja so ein ganzes Leben lang im Kerker schmachteten ... Das Brausen der Luft um sie her nahm sie wie bestimmt, ihr das Gehör zu rauben ... Auch darüber lächelte sie seufzend ... Ein Geist der Ergebung war über sie gekommen ...
Den Brief Terschka's wollte sie lesen, wenn sie die Hoffnung baldiger Freiheit gewann ... Sie ahnte, dass er ihre Bereitwilligkeit zum Dulden aufregen, ihr ergebenes Martyrium stören würde ...
Stundenlang sass sie, das Haupt aufstützend und in grübelndes Sinnen verloren ... Sprang sie auch zuweilen auf und rief mit Wildheit: Nein! Nein! Ich will nicht länger! so brach sie sofort wieder zusammen, schlich an die Tür, an der sie still mit den Nägeln kratzte, plötzlich mit den Füssen stiess, allmählich aber schlich sie wieder auf das Sopha zurück und ergab sich ... Die Bibel fing an ihr vertraulicher zu werden ... Sie vermisste zwar die Gottesmutter in ihr und die Heiligen ... Aber sie konnte sich auch an Abraham und die Patriarchen halten ..