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In der Bibel fand sie alle die Geschichten am Urquell wieder, die ihr aus ihrem Jugendunterricht so lieb waren, die Erzählungen des Alten und Neuen Bundes ... Und sie forschte nach Aehnlichkeiten ihrer Lage ... Sie verweilte bei Joseph's Liebe zu seinem Vater, bei Absalon's wildem Trotz, bei den Söhnen Eli's und deren strafendem Ende ...
Glocken hörte sie vor dem Lärm nicht schlagen ... Schon kam aber der Abend ...
Wenn nun ihr Vater hereintrat, was würde sie ihm sagen! ... Die Kraft, ihn zu begrüssen mit dem Wort: Du Grausamer, du hast mich um die Wonne des Heiligsten gebracht! hatte sie nicht mehr und stiller und immer stiller wurde' es in ihr bei dem Gedanken: Hättest du wohl das Aeusserste gewagt und Terschka's Arm ergriffen und dich vor den Augen der Mutter für ihn bekannt? ... Sie hatte sich ausgemalt, das im entscheidenden Augenblick tun zu wollen, die Angehörigen zu Zeugen seiner Werbung zu machen und die älteren so zu überraschen; die Mutter, wenn sie Terschka liebte; den Vater, wenn er davon eine Ahnung hätte ...
Ein Licht stand auf der Kommode und ein Feuerzeug ...
Es war nur Ein Licht ... Es konnte nicht zu lange brennen und sie rechnete darauf, nicht zu schlafen und die Nacht an ihre Befreiung zu gehen und, wenn die Mühlen endlich innehalten würden, ihren Hülferuf zu erneuern ...
So verging die Zeit ... Sie zündete endlich das Licht an ... Es wurde ihr zu gespenstisch einsam, zu schauerlich ringsum ... Sie hörte und sah im Geist, wie man auf Westerhof sie suchte, wie man nach dem Stift schickte und wie die Mutter sich in gleicher Lage befinden würde, wie damals, als man sie ebenso in Lindenwert nicht fand ... Sie gedachte der Geisterteorie des Onkels ... Sie hätte auf irgendeine Weise, um an sich zu erinnern, auf Westerhof spuken mögen, durch Anklingen an eine Tasse oder ein Aufklinken der tür ... Sie wusste, man brauchte nur ganz fest und bestimmt an jemand zu denken und davon erschiene man ihm ... Sie dachte sich, Paula versinkt in Schlummer, Bonaventura's Berührung bringt sie in den Hochschlaf und sie sagt: Armgart sitzt hinter Schloss und Riegel im witoborner Mühlenturm! ...
In solchen Zuständen läuft es im Menschen hin, wie uns plötzlich eine Maus erschrecken kann im wohnlichsten Zimmer – wie uns eine Katze begegnet im lachendsten Blumenfelde. Sachen fielen ihr ein, lächerliche, als sollte sie wahnsinnig werden; zwei Groschen Schulden, die sie noch an eine Mitpensionärin in Lindenwert zu bezahlen vergessen hatte; eine wundervolle purpurrote Schleife, die sie an einem Morgenhäubchen der Frau Fuld auf der Veranda in Drusenheim bewundert hatte; ein Bändchen, das neulich dem Pfarrer Müllenhoff während der Messe am Halse hervorguckte; hundert kleine verworrene Tatsachen blitzten auf wie tot bisher in ihr aufgespeichert und machten Lucindens Teorie wahr, derzufolge im Menschen der Stoff zu tausend Propheten stäke, wenn nur eine Hand da wäre, die die Tore des in ihm versenkten Wissens ohne seinen Willen aufschlösse ... Und als sie Benno's und Tiebold's gedachte, stiess sie dumpf die Worte aus: Gott! Gott! Lass mir die Sinne! ...
Dann sprach sie ihr Gelübde noch einmal und bat die Gottesmutter, ihr zur Erfüllung desselben beizustehen. Sie wandte sich an die vierzehn Notelfer, jedem derselben nach seiner besonderen Kraft ihre Bitte um Beistand vortragend. Die Angerufenen standen vor ihr, jeder mit dem Marterwerkzeuge, das ihm die Ehre der Heiligkeit gegeben. So gewohnt war sie die Litanei: O du gnadenreiche Mutter, du heiliger Joseph, du heiliger Michael und ihr andern lieben Engelein und Erzengelein! dass ihr die Bibel, nach der sie griff, wie ein fremdartiges Buch erschien. Sie gab ihr gleichsam nur das einfache Brot, ihr gewohntes Brevier eine viel süssere Kost ...
Aus dieser Betrachtung weckte sie wieder ein Gepolter des immer gleich warm bleibenden Ofens ...
Jetzt sprang sie rascher hinzu; aber schon war die Bescheerung da ... Ein Nachtessen, reicher, als die Tante Abends der Gesundheit für zuträglich hielt ... Schon war die Klappe unerbittlich wieder zugezogen ...
Wer mag der Rabe sein, der mich nährt? sagte sie, an den Propheten Elias denkend ... Die taube Alte? ...
Indessen sie ass und nicht ohne Appetit und nicht ohne Besorgniss vor dem Geschirr, das jetzt in der Küche fehlen würde, da sie das vom Mittag noch zurückbehalten hatte, und nicht ohne guten Willen, es selbst zu waschen und in den Ofen zu stellen und dabei rufen zu wollen: Nehmt's lieber mit, ehe ich's zum Fenster hinauswerfe! ...
Nach zu reichlichem Nachtessen Pflegte sie einzuschlummern und schon manche der schauerlichen Geschichten des Onkels waren ihr auf Schloss Westerhof dann verloren gegangen. Nur weil die Mühlen noch immer rauschten, dachte sie: Es ist noch früh! Es ist noch nicht einmal Feierabend! ...
Aber ihr Licht! Eine Talgkerze, gegen deren Duft sie an sich nichts hatte, da sie wenigstens in Lindenwert keine andern gebrannt hatte und auch der Onkel oft genug Lichter goss, die aus allerhand Surrogaten neuentdeckt waren und noch viel schlechteren Geruch