1858_Gutzkow_031_59.txt

? so sagte dieser geheimnissvoll: Störe die Ruhe der toten nicht! ...

In seiner Liebe war der Ausdruck stärker und leidenschaftlicher noch als sonst geworden, wenn auch mit einer mehr unheimlichen als beglückenden wirkung für sie.

Vom amt kamen damals beide Männer sehr bleich zurück. Sie behaupteten, der Querfragen doch endlich müde geworden zu sein und liessen den Wagen einem Gastause zurollen, um sich zu erfrischen. Lucinde stieg nicht aus. Sie musterte vom Wagen aus das Wirtshaus, den Garten desselben und eine gewisse kleinstädtische Zierlichkeit in den bemalten Staketen, in einer mit grotesken Wandgemälden geschmückten Kegelbahn, in einem ausgestopften Uhu innerhalb einer von Singvögeln belebten Volière. Bei einer grossen schwarzlackirten Kugel, die im Garten als Reverbère für die "schöne Aussicht" gelten sollte, gedachte sie des armen um sie betrogenen philosophischen Drechslers, der den Grafen Zeesen recht eindringlich jetzt an sein Familienstatut, die Stiftung eines Irrenhauses, erinnern mochte! Im Hinblick auf diese beiden Männer atmete sie wahrhaft auf, endlich jetzt in gesundere Lebensluft zu kommen. Ja es tat ihr sogar wohl, im saal des Gastauses durch die geöffneten Fenster, unter ausgestopften Vögeln, Käfern, gespiessten Schmetterlingen, Kupferstichen von englischen Pferden und ähnlichen Herrlichkeiten eleganter Wirtsstuben jener Gegend, da so traulich hinterm Champagnerglase zwei feste, kraftvoll verbundene Männer zu sehen. Sie liebte Trotz und Kühnheit. Auch ihr war Stephan Lengenich längst der Schuldige. Seinen bösen Sinn hatte sie ja selbst gekannt, sein Drohen ja selbst gehört. Sie hatte alles das gerichtlich hier in Lüdicke in einem frühern Termine bezeugt und beschworen.

Trotz des Champagners stiegen ihre beiden Begleiter zu ihr schweigsam und ernst ein. Sie blieben noch einige Stunden an ihrer Seite bis zu einer Station, wo sie Extrapost nahmen und zurückreisten. Von der grossen Stadt, wo der jetzige Oberregierungsrat wohnte, sollte ihr auf einige Meilen schon eine Begleiterin entgegenkommen, die sich ihr anschliessen würde bis Hamburg, wo sie unter Klingsohr's Augen ihre Ausbildung vollenden sollte.

Der Abschied des Kronsyndikus von Lucinden war inniger fast als der des Doctors. Dieser gab nur die Hand und sprach, wie wenn Abschiede nicht zu seinem System gehörten, vom baldigen Wiedersehen. Jener hatte Tränen im Auge. Der Kronsyndikus weinte! Er war seit Wochen um Jahre älter geworden. Seine Augenbrauen sahen nicht mehr so gelblichweiss aus wie sonst, sie hatten sich ganz gebleicht. Die hohe Gestalt schien, wenn sie sich unbemerkt glaubte, kaum Kraft zu haben, sich so zu halten, wie dem Wappen des gekrönten und aufgebäumten Lindwurms geziemte. An Geld und Gut war Lucinde so ausgestattet, dass sie sorglos in die grüne Weite fahren konnte. Nach acht Tagen schon versprach Klingsohr in Hamburg bei ihr zu sein.

War das alles, wie es so kam, ging und was es bedeutete, rätselhaft genug, so konnte sie durch ihre Begleiterin, die nach einigen Meilen Alleinfahrens ihr entgegenkam, erinnert werden, dass alles im Leben nur Bild und Gleichniss ist. Sie war, wie Klingsohr und der Kronsyndikus ihr schon gesagt hatten, die Braut des "Sehers von Eschede", jenes Dr. Laurenz Püttmeier, der auf die Philosophie des Pytagoras zurückgekehrt war und aus matematischen Figuren das Weltall erklärte. Sie hiess Angelika Müller, war eine hohe, schmächtige, blasse Blondine am Ende der zwanziger Jahre. Bei jeder Anrede errötete sie. Sie schien ein Gemüt von Weihe und Innigkeit. In Hamburg war sie von einer dort wohnenden katolischen Familie als Erzieherin berufen worden und gestand sogleich mit grösster Sicherheit, dass sie den Dr. Laurenz Püttmeier von Eschede für den einzigen berufenen Denker unserer Zeit halte und dass sie gelobt hätte, nicht früher seine Hand anzunehmen, bis er nicht in Berlin den erledigten Lehrstuhl Hegel's erhalten hätte. Lucinde glaubte sehr an diesen hohen Geist. Auch der Kronsyndikus hatte oft erklärt, dass die Drechselbank für den Kammerherrn eine Quelle lehrreicher Unterhaltung geworden, seitdem er auf ihr die Würfel und Pyramiden Laurenz Püttmeier's herstellte.

Mit dieser Begegnung auf mancherlei neue Eindrücke angewiesen, fuhr Lucinde in ihrem schwer bepackten Mietwagen die schon wieder staubig gewordene Landstrasse hinunter. Die Lerchen wirbelten zwar, aber von Westen kamen düstere, den Atem benehmende Wolken, der jenen Gegenden eigene Haaroder Höhenrauch. Doch schienen die Menschen der Ebene diese Dünste gewohnt. Sie arbeiteten im feld. Lucinde glich selbst diesen Fluren, auf denen schon so voll geerntet war und über welche schon wieder die Pflugschar ging, um noch in diesem Jahr der natur neue Triebkraft abzugewinnen.

Noch völlig war sie sich unklar. Man hätte sie in Hamburg in die Schule schicken können, sie würde gegangen sein und mit der Mappe unterm Arm.

16.

Von jenem Uferrande aus, an welchem der Deichgraf in seinen jüngern Jahren, nach dem Ausdruck seines Sohnes, die Sandkörner zu zählen pflegte, gewährt Hamburg einen grossartigen Eindruck.

Eine zweite nicht unansehnliche Stadt, Altona, ist ihr eng verbunden. Türme, hohe Giebel, Dampfessen, Krahnen und zahllose Schiffsmasten ragen fernhin im wirren Durcheinander empor. Auf der Woge kreuzen sich mit roten Segeln die kleinen Ever, die, von kraftvollen Ruderern geführt, die Kauffahrteischiffe behend umschlüpfen.

Beim Landen tritt man in eine Welt, die sich ihrer geschichte und Bedeutung bewusst ist. Diese Strassen und Plätze, diese Vorstädte und Hafenkais sind Lungen, die ihre Luft nicht aus dem kleinen Binnenleben der Nachbarschaft, sondern aus dem unermesslichen Ocean schöpfen, aus den Verbindungen mit England und Amerika und mit diesem im Norden und im Süden.