der vor ihr auf dem Tische lag! ...
Sie sah ihn lange mit der inneren Ermutigung an, wenigstens den zu lesen und dadurch in eine vorherrschende, wenn auch schmerzlich zerstreuende Stimmung zu kommen ... Jetzt aber überfiel sie plötzlich wieder ein Rettungsgedanke; sie sprang auf und lief an die Klingel, um diese zu ziehen und vielleicht auf einen Augenblick so die Räder zum Stehen zu bringen ...
Sie zog so gewaltsam, dass sie den Draht in der Hand behielt ...
Die Räder gingen fort und fort und die stürzenden Wellen des Wehrs rauschten und rauschten nach wie vor ...
Nun sass sie wie vernichtet und wie ausgelöscht aus dem Leben ...
allmählich entquollen ihr Tränen ...
Sie sah sich gestraft für eine Menge Sünden, die wie in langen trauervollen Bildern an ihrem inneren vorüberzogen ... Sie sah sich gestraft von Gott selbst ... Die Bibel lag vor ihr, ein Buch, das sie wenig kannte, ein Buch, das ihre geliebte Kirche nicht empfiehlt ... Hedemann hatte zwischen manche Seite Papierstreifen gelegt, manche Stelle unterstrichen. Epheser 6, 1: "Gehorsam seid, ihr Kinder, euern älteren!" ... Und wie, wenn sie eine Antwort gesucht hätte auf die Frage der Verzweiflung: Aber hab' ich denn nicht ein Gelübde getan? so fand sie an einer andern Stelle, 1 Samuelis 15, 22, die Worte unterstrichen: "Gehorsam ist besser, denn Opfer." ...
Aus ihren Träumen weckte sie – nur das rauschende Rad und die Woge ...
Ganz allein und vergessen war sie darum nicht ... Sie bemerkte eine halbe Stunde später ein näher kommendes Geräusch ... Es kam aus dem Ofen, der von aussen geheizt wurde ...
Legte man noch Holz an? ...
Bald bemerkte sie einen vom Ofen herkommenden Speisegeruch ...
Sie ging hin und sah in der warmen Röhre ein starkes Brett mit einer Schüssel Suppe, mit Brot, Rindfleisch, Erdäpfeln und Braten ... Das war wie hingezaubert ... Die speisen kamen von aussen herein ... Sie übersah den Ofen, der nur zur Hälfte im Zimmer stand und von der andern Hälfte aus eine Klappe hatte, durch die man einen hier Eingeschlossenen verköstigen konnte, ohne dass man eintrat ... Sie sah von ihrem Alkoven aus noch einen kleinen Raum, wo sich sogar Gerätschaften zur Reinlichkeit befanden; selbst einen Verschlag, den sie rasch wieder schloss ... Der Turm war für einen längern Aufentalt eines hier oben völlig Isolirten eingerichtet ...
Gefangen! seufzte sie wieder und stellte die einfachen Geschirre auf den Tisch und untersuchte die Klappe im Ofen, die von ihrer Seite aus sich nicht in Bewegung setzen liess ...
Das wird dir wohl vom Abschiedsmahl Benno's und Tiebold's geschickt! ... Wenn sie wüssten, für wen diese Reste bestimmt waren! ... Hedemann, mein Kerkermeister, wird ihnen kein Wort davon sagen ...
Beim Umblick in dem kleinen Raum bemerkte sie immer mehr Dinge, die sowohl einem längern Aufentalt wie zur Befriedigung nächster Bedürfnisse dienen konnten ... Auch wasser stand da, trinkbares ... Das Zimmer gehörte ohne Zweifel dann und wann einem der ersten Beistände Hedemann's bei seinem Geschäft; jetzt fanden sich nirgends Spuren eines eben darauf angewiesenen Bewohners ...
Sie ass nun einige Löffel von der Suppe und stellte den Rest der speisen zurück ... Später nahm sie ihn doch. Die natur machte ihre Rechte geltend ...
Sie hätte sich schon zu fügen angefangen, wäre sie nur nicht so gefoltert worden von dem Rauschen der Räder ... Das war doch, als rollte so ihr eigenes Leben um ... Nun, dachte sie, geht Terschka aufs Schloss, die Mutter ist vielleicht schon da, die Geheimnisse dieses Briefes entüllen sich, dein Liebesopfer verwirft das Schicksal, der Traum der Legenden ist im Leben unmöglich ...
Wieder weinte sie ... und bald vor Zorn ... Sie schwur, das Aeusserste daranzusetzen, ins Freie zu kommen ...
Sie untersuchte wieder Tür, Wände, Fenster, den Ofen ... Die verbindende Platte war von Eisen ... Dann hoffte sie auf den Abend, auf den Stillstand der Räder, auf die Kraft ihrer jugendlichen stimme ...
Nein, die Nacht lässt er dich nicht hier! sagte sie ...
In ihrem wilderregten inneren jagte sich Bild auf Bild. Bei allem verweilte sie, bei Lucinde, bei Bonaventura, bei Paula ... Zum Bilde Paula's vor ihrer Seele erhob sie die hände in die Höhe und betete: Schliesst sich dein Auge, Freundin, so frage deine Engel, wo ich weile! Man wird mich doch vermissen, man wird mich doch suchen; du wirst sagen, wo sie mich gefangen halten! ...
Nun weinte sie um die Verzweiflung derer, die nicht wissen würden, wo sie geblieben ...
Wieder blätterte sie in der Bibel ... Sie bedurfte dieser Zerstreuung auch deshalb, um des briefes nicht zu gedenken, der sie magisch anzog ... Sie hatte ihn in ihren Hut und auf das Bett gelegt ... Noch konnte sie sich nicht entschliessen, sich für ihre Sachen der Riegelhaken zu bedienen, die sich rings an den Wänden befanden