die den Obersten lästern ... Die Rede Ihrer Mutter wird süss sein, gewiss ... Erst aber müssen Sie dem Vater in die arme fliegen – wie die Tochter Jephta's, da er die Feinde geschlagen! Sela! ... Sechszehn Jahre, drei Monate und sieben Tage sind Sie alt! Da steht's! ...
Das kann ich nicht, Hedemann! sprang Armgart jetzt auf ... Denn sie erschrak vor der seltsamen Entschiedenheit des Mannes ... Wie könnt Ihr mir raten, so meiner Mutter weh zu tun? ...
"Der Mann ist nicht geschaffen um des Weibes willen!" spricht Paulus – sondern – doch wohl umgekehrt ...
Hedemann, adieu! Schickt den Vater zu den Clarissinnen! Ich folge ihm nur, wenn er mit der Mutter kommt! ...
Der Rat des Herrn bleibt ewiglich! Sela! ...
Mit diesen Worten machte Hedemann einen gewaltigen Schritt auf die vier oder fünf Stufen hinauf, die von der Tür in das kleine Gemach hinunterführten ...
Was habt Ihr vor? rief Armgart entsetzt und sprang ihm nach ...
Und wie Hedemann noch eine Stufe weiter zurückgegangen war, kam ihr die Ahnung, dass er gegen sie etwas im Schilde führte ...
Jesus Marie! rief sie ... Ich werde – doch – wieder – gehen können –? ...
Das hat der Herr gefügt! sprach Hedemann und hielt schon die Tür in der Hand ...
Hedemann, was? ... Armgart stand schreckgelähmt ...
Nicht wie in Lindenwert sind wir hier ... Nicht wieder wie damals in Nacht und Nebel vor Vater und Mutter entflohen ...
Hedemann! ...
Armgart, die diese Wendung ihres Vertrauens nicht für möglich gedacht hatte, schrie den Namen so laut, dass man sie auf hundert Schritte weit über die Insel hinaus hätte hören müssen ...
Aber auch im selben Augenblick griff Hedemann an eine links hängende Klingel und wie der Zusammensturz eines Hauses so brausend begannen sofort die Räder der Mühlen ihre kreisenden Bewegungen, die schrillen Töne der Sägen durchschnitten die Luft, das Wehr, das gestaut gewesen, entsandte seine Donnertöne ... Seine eigenen Gedanken begriff man nicht, viel weniger hörte man ein eigenes Wort oder das eines andern ...
Wie von einem Taumel überfallen schwankte Armgart zurück und ehe sie sich noch in den schrecklichen Augenblick gefunden und sich mit beiden Händen wie zum Angriff auf Hedemann gerüstet hatte, war dieser verschwunden ...
Nun stürzte sie die Stufen hinauf und rüttelte an der Tür ... Sie schlug wider sie mit beiden geballten Fäusten ... Die Tür war eisenbeschlagen und eisenfest ... Sie suchte einen Griff, einen Riegel, um zu rütteln – selbst diese fehlten, die Tür war von innen nur durch einen Schlüssel zu öffnen und dieser war abgezogen ... Mit der Behendigkeit eines flüchtigen Wilds sprang sie die Stufen wieder hinunter, riss einen der Stühle an die hoch gelegenen kleinen, kaum einen Fuss breiten Fenster, griff hinauf, um eines, das nach aussen vergittert war, zu öffnen – vergebens, von den Fenstern war gerade dies nicht zu öffnen – Sie sprang hinunter, rückte den Tisch an die Wand, kletterte hinauf, suchte ein anderes Fenster zu öffnen ... Dies gelang ... Sie schrie hinunter ins Freie: hülfe! hülfe ... Der Ruf verhallte in dem Lärm des Mühlenwerks und des Wehrs ohnmächtig wie das Summen eines Käfers ... Kein Haus lag gegenüber, kein Weg führte daher ... Sie konnte rufen und rufen und erschöpfte nur die Kraft ihrer stimme und den letzten Rest des Mutes, den sie dem so rasch ausgeführten Entschluss entgegensetzen konnte ...
Schon dachte sie: Es ist ein Scherz von ihm ... Er wird wiederkommen ...
Aber wenn er mit dem Vater käme? Wenn mein Gelübde – vereitelt wäre! ...
Als sie das Fenster der hereinströmenden Kälte wegen zugeworfen hatte, wieder niedergestiegen war, immer von dem betäubenden Geräusch begleitet, sank sie auf den Lehnstuhl nieder und liess verzweifelnd die hände zusammengefalten auf ihrem Schoose liegen ... Blasser und matter neigte sich ihr Haupt ... Der Hut entfiel ihr ... Sie lag in Betäubung ... Von dem dumpfsten Schmerze der Seele ebenso gefoltert, wie von dem grauenhaften, ihrer Stimmung hohnsprechenden Getöse um sie her ...
Das hatte sie nicht für möglich gehalten! Hedemann's Gefangene war sie ... Aus seinen Bitten, die ihr noch von den letzten Augenblicken an der Maximinuskapelle im Ohr klangen, waren Befehle geworden ... Sie konnte erwarten, dass nur ihr Vater sie hier befreien würde ... Jetzt hätte sie aus dem Fenster nach Benno und Tiebold rufen mögen ... Was half es ... Nichts war von ihrem Ruf zu hören ... Ihre Tränen brachen hervor ... Sie, die sich selbst gefangen setzen konnte, tagelang, sie konnte es nicht von andern sein ... Sie wollte aufspringen, wider die Wände rennen ... Ihre Muskeln hatten keine Kraft mehr, ihren Willen auszuführen ... Und was sie dann auch tat, nichts ging ja helfend an gegen die Gleichmässigkeit des Rauschens und Rollens und Donnerns um sie her ...
Dazu dann endlich noch der Brief, der geöffnete,