ein und hielt den Schlag zu ...
Lucinde, verletzt durch das plötzliche Herauskehren der Fräuleinswürde Armgart's, wandte sich ab und tat, als verlöre sie mit solchen Possen nur die Zeit ...
Ich sehe es zu gut, sagte Armgart weinend, dass Ihr Uebertritt zu unserm Glauben nur eine Heuchelei war! Ja, Sie sind eine Schlange, die sich erst warm an unserm Herzen einnistet und dann das Blut aussaugt! Darum flieht auch alles vor Ihnen! Und ich, ich lasse mich betören! Gerade wie die armen jungen Mädchen auf den Streckbetten damals! Nun fühl' ich wieder den fürchterlichen Stich im Herzen, wie damals, als ich Sie zum ersten male sah! ...
Lucinde wandte sich ab und beachtete sie nicht mehr ...
Da der Schlag Armgart's Händen entglitten war und das längere Offenstehen des Wagens Lucinden veranlasste, ihren Mantel, wie gegen Frost, fester zu ziehen, stieg Armgart aus ...
Beide trennten sich, als wäre mitten in ihrem schönsten Flusse eine Melodie durch das Reissen einer Saite unterbrochen worden.
Fussnoten
1 Tatsächliches.
23.
Mit ihrem Bündelchen und dem erbrochenen Briefe schritt Armgart wie die verstossene Hagar dahin' ...
Sie betrat die Gegend Witoborns, wo sonst das wasser rauscht, die Räder brausen, die Sägemühlen kreischen, die Mittagszeit alles still gemacht hatte ... Die Witobach machte hier eine Biegung, die einen alten Gefängnissturm, jetzt das Hauptwerk des ganzen Mühlenbetriebs, wie auf einer Insel liegen liess ...
Hier und da wurde der Weg durchkreuzt von alten durchbrochenen Mauern und grossen Schuppen ...
Hier also wollte der Vater seinen künftigen Wirkungskreis eröffnen, hier eine Erfindung des Satans befördern helfen und Papier machen ... Dass doch auch die Gebetbücher und Breviere des Papiers benötigt waren, gab Armgart schon eine Erkräftigung gegen die strengen Vorwürfe der Frau von Sicking ... Aber – welch ein rätselhaftes Wesen allerdings im Papier liegt, sie fühlte es an dem Briefe, der ihr entüllen konnte, was und wie Terschka ihrer Mutter zu schreiben wagte ...
Fernab, schon in der ersten Häuserreihe der Strassen, lag das freundliche Häuschen, wo Hedemann wohnte ... Und seit einigen Wochen hatten dort Benno und Tiebold gewohnt, sie, die sie aus ihrem Leben ausgelöscht zu haben glaubte und es doch so wenig konnte wie wieder die heutige Erinnerung zeigte ... Es war Mittagszeit ... Sie konnten, wenn sie beide noch nicht abgereist waren, eben beim bescheidenen Mahl ihres gastlichen Freundes sein ... Wie bewusstlos schritt sie dahin ...
Auf einem der schmalen Stege und geländerlosen Brückchen, die hier zu überschreiten waren, begegneten ihr zwei Bekannte ...
Der bucklige Stammer und Frau Schmeling, die Hebamme ...
Unwillkürlich erschauderte sie trotz des demütigen Grusses, der von beiden ihr zu teil wurde ... Stammer war im Kirchenbann, auch die Schmeling sollte hineinkommen ... Auch von Hedemann hörte man, dass sich zu Ostern, beim allgemeinen Communiongang, sein wahrer Kern entüllen würde ... Die älteren Hedemann's waren gleichfalls im Kirchenbann ... Ja ihr eigener Vater galt für einen Freigeist, wie die Mutter ... Sie irrte wie am Scheidewege zwischen Himmel und Hülle ...
Wie lag das Gespräch mit Lucinden auf ihrem Herzen ... Was hatte sie an Anschauungen und wilden Lebensmaximen vernommen! ... Und sie fühlte ja auch schon lange, dass eine seltsame Musik durch ihre eigene Seele zog, fühlte, dass sie im Vergleich mit ihrer lichtreinen Paula längst in immer unheimlichere Schatten trat ... Sie konnte nichts nennen von dem, was sie so bedrückte ... Aber ihr erstes Gefühl war, zu sagen: Das ist die Sünde! ... Und gerade darin lag ihre Angst, dass in ihr tausend mutige Stimmen riefen: Was Sünde! Gib dich, wie du musst! ... Dies Müssen war ihr dann wie ein Gezogenwerden schon von der Hand des Teufels ...
Grinsend sprang der berüchtigte Musikant zur Seite ... Auch die Hebamme schien betroffen, sich von dem Stiftsfräulein hier mit Stammer gesehen zu finden ... Sie knixte und erbot sich mit schneller Zunge zu einer Auskunft, da Armgart nicht wusste, wie sie aus diesem Labyrint der kleinen Kanäle der Witobach herauskommen sollte ...
Ich wollte zu Hedemann ... sagte sie ...
Der ist eben im Turm, mein gnädiges fräulein! Eben ging er die Treppe hinauf ... Da! ... Sehen Sie ... dort die Tür! ...
Stammer deutete zu diesen Worten der Schmeling den kürzern Weg an, auf dem Armgart zu diesem Turm gelangen konnte ...
Alles ringsum blieb still ... So viel Worte hätte man hier sonst ohne die lebhafteste Erhebung der stimme nicht wechseln können ...
Der Turm musste bewohnt sein ... Eine alte Frau stieg von der Aussentreppe nieder, in der Hand hielt sie einige Töpfe ... Aus einem Verschlage, an dem Armgart still stand, sah eine Ziege hervor und bohrte mit den Hörnern an der Oeffnung ... Selbst darüber wurde ihr ängstlich zu Mute ... Vollends aber, als sie die Frau nach Hedemann fragte und an der Antwort sah, dass die Alte taub war ...
Armgart stieg nun von selbst einige Stufen höher in die offene Tür