. Sein Bruder, Ihr Onkel Levinus, hat auch diese Bibliotek im Kopf, ich hörte das ja heute; aber der plaudert sie aus oder sie liegt krummbucklig in ihm durcheinander, bald orientalisch, bald spanisch, bald kocht er Gold, bald bloss Seife ... Der ist nicht einmal das Conversationslexikon, wo es doch nach den Buchstaben geht ... Aber bei Ihrem Vater – da sieht man keinen einzigen Titel, keinen Einband, kein Schubfach, keine Rolltreppe – in alten Klosterbiblioteken ist's himmlisch, Armgart! – das ist alles von ihm verdaut und wirklich Fleisch und Blut geworden. Denke dir, Armgart – Lucinde ging aus ihrer Zerstreuung wieder in diese Anrede über – denke dir diesen Magen! Diese Gesundheit! ... Deine Mutter ist dann gerade ebenso ... Sie liebt deinen Vater, sowie sie ihn sieht – falls freilich nicht bereits dein schlimmer, höchst leichtsinniger – Terschka –
Armgart hielt gerade krampfhaft Terschka's Brief in der Hand und legte diese und den Brief auf Lucindens Mund ...
Nein! Nein! sagte Lucinde beruhigend und wiederholte halb spottend das allbekannte Gelübde Armgart's: In der Rechten die Mutter, in der Linken den Vater und so beide fürs Leben verbunden! ...
In Witoborn, wo es des tages nicht bloss zu jeder Stunde, sondern im grund immer läutet, hämmerte bereits der unruhige Hinkbote, der in der Glocke jedes Jesuitenturms sitzt. Das ging wie beim Sägemann auf dem Weihnachtstisch ...
Armgart bat Lucinden, noch eine Weile auf den Wällen langsam hinfahren zu lassen ... Das Wetter wäre so schön ... Sie wollte zu Hedemann, wollte nach der Ankunft des Vaters fragen und dann ins Kloster zu den Clarissinnen ...
Lucinde tat alles, wie gewünscht und beugte sich zum Schlag hinaus, um mit dem Kutscher zu sprechen ... Dabei entglitt ihrer Brust das Kreuz ...
Du bist katolisch geworden! sagte Armgart, es ihr zurücksteckend. Weisst du auch, was katolisch ist? ...
Katolisch sein heisst einen geheiligten Willen haben ...
Das ist recht! wallte Armgart auf. Wenn ich Hedemann gesprochen habe und ehe ich ins Kloster gehe, beten wir im Dom zusammen? ...
Ich reise heute ... entgegnete Lucinde ausweichend ... Sie – ins – Kloster! setzte sie nach einer Weile hinzu und gedachte Treudchen's, die gleichfalls nur einen vorübergehenden Schutz im Kloster suchte und dort vielleicht für immer blieb ...
Wann reisen Sie denn? ... unterbrach Armgart ihre Abmahnungen ...
In wenig Stunden ...
Und kommen nicht wieder? ...
Gegen Ostern ...
Armgart's Miene war so wehmutvoll, als wollte sie sagen: Wer weiss, wo ich dann bin! ...
Lucinde sah diesen Schmerz, der sich durch ein Blinken der weissen Zähne ausdrückte ...
Sie nahm jetzt den Brief, den Armgart aus Zerstreuung wieder in der Hand hielt ... Sie wollte vom Gespräch über ihre eigenen Pläne und Absichten abkommen und sagte:
Das ist ja ein Brief an Ihre Mutter? ...
Armgart erschrak und bestätigte es kleinlaut ...
Wollen Sie ihr den Brief aus dem Kloster schikken? ...
Armgart blieb die Antwort schuldig ...
Haben Sie diese wunderliche kleine Handschrift? ...
Nein – Herr – von Terschka ...
Lucinde nahm den Brief, verglich den Umstand, dass Armgart diesen Brief nach Witoborn mitnahm, mit allem, was sie aus Armgart's Mienen zu lesen glaubte, und sagte:
Der Brief sollte in Westerhof Ihre Mutter begrüssen – nicht wahr? ... Nun sind Sie neugierig, was wohl Terschka Ihrer Mutter schreibt, während er Ihnen zu gleicher Zeit – Machen Sie doch den Brief des leichtsinnigen Mannes auf! ...
Lucinde! rief Armgart und wie wenn einer Mutter ihr Kind ins wasser stürzen will, griff sie nach dein Brief –
Lucinde gab ihn zurück ...
Was aber hatte sie schon getan? ...
Mit einer einzigen Bewegung des Fingers hatte sie unter die Klappe des Couverts gegriffen und sie aufgerissen. So gab sie den Brief an Armgart zurück ... Es war eine Regung ihrer alten natur ...
Für Armgart war das freilich zu viel ... Geschah ein Verbrechen, das so weit ging, ein fremdes geheimnis nicht zu schonen, so musste es feierlich, wenigstens erst mit einem Gebet zu Gott geschehen ... Diese rasche Tat lähmte ihr die Sprache ...
Lucinde lachte darüber ...
Abscheuliche! Jetzt erkenn' ich dich! rief endlich Armgart, nur zu einigen Worten sich sammelnd ...
Lucinde konnte nicht aus dein lachen kommen ...
Schändliche! Schändliche! ...
So lesen Sie doch, Kind –
Ich verbitte mir –
Lucinde lachte ...
Sie verdienen –
Was? Armgart! Einen Kuss! ...
Nicht Ihre Armgart bin ich ... Demoiselle Schwarz! – Halt! Halt! ...
Sie rief dem Kutscher ...
Der Wagen hielt ... Es war am Eingang in den Witobachgrund ... Die Mühlen schienen eben zu rasten ... Es war still ringsum ...
Der Bediente sprang hinunter und öffnete den Schlag ...
Warum haben Sie mir das getan! lenkte Armgart wieder zum alten gütigen Tone