, dass ich erführe, was Liebe ist, und sagte: Ach was! Aus Schmerz um seinen Vater, aus Reue über sein Einverständniss mit dem Kronsyndikus ist er in's Kloster gegangen! ...
Ein Kloster ist für vieles gut – das siehst du an deiner Mutter und an dir ... sagte Lucinde ausweichend ... Also die Liebe solltest du nicht kennen lernen und nun kennst du sie? ... Herr von Terschka liebt jetzt statt deiner Mutter – glaube' ich – dich ...
Armgart ergriff Lucindens Hand und sagte mit erstickter stimme:
Was sprichst du da ...
Ich sah es ja neulich bei dem Jagdbanket – den Augen der Männer sieht man das an! Terschka's Augen verschlangen dich ...
Lucinde! rief Armgart ablehnend – und ihr Auge verschlang doch auch die Augen Lucindens ...
C'est la vogue! ... Auch Benno von Asselyn und Tiebold de Jonge lieben dich ...
Armgart nannte französisch die Sprache, die Gott geschaffen hätte, Dinge zu sagen, die andere Nationen zu sagen sich schämten ... Sie sagte das eben ...
Als Lucinde darüber lachte, fiel sie sich ihr abwendend ein:
Wähle du dir einen davon! ...
Lucinde ging auf den Scherz ein:
Hm, Tiebold de Jonge? sagte sie ... Ei, der ist sehr reich und das ist viel wert ... Aber ... Was hilft mir ein Mann, für den ich den Verstand haben muss! Dein Vater hat ihn aus dem wasser gezogen, hör' ich. Mir würde er – ewig im sankt-Moritz liegen ... Immer müsste ich ihn an den Haaren halten ... Seine Haare sind freilich hübsch ... Nun ja, mir recht! Um die Wahrheit zu sagen, ein rechter Mann muss ein bischen dumm oder lieber noch wild sein, dann ist's eine Lust, ihn ziehen und zähmen zu können ... Wahrhaftig, ich nähme den Tiebold noch lieber als den Benno ...
Armgart horchte einer Sprache, die sie – für frivol hätte erklären müssen und die sie doch fesselnd fand ...
Benno – der ist schön, interessant, aber – eingebildet! fuhr Lucinde fort. Der liesse keine Frau aufkommen ... Immer würde er ihren Verstand mit Ironie behandeln ... Nein, nein, diese Männer, die sich so klug dünken –
Armgart hielt Lucinden den Mund zu ...
Terschka freilich – fuhr diese fort ...
Das Kapitel verstehst du nicht ...
Lucinde machte sich frei und fuhr fort:
Terschka – das denke' ich mir so! Graf Hugo ist Terschka's Freund ... Geht Paula, deine Freundin, nach Wien, so wirst du, Närrchen, natürlich folgen wollen und da – macht sich denn alles ganz natürlich –
Nach Wien? unterbrach Armgart. Nach Wien? Wer geht nach Wien? ...
Ich höre doch ...
Sie geht in ein Kloster ... Wie ich ... Nur – dass ich schon heute gehe ...
Pah! Ihre Aufgabe, die älteren zu versöhnen, sagte Lucinde, ist nicht so schwer ... Es ist wahr, Ihre älteren hassen sich; aber es gibt einen Hass, der der unmittelbarste Gegenpol der Liebe ist und bei günstiger gelegenheit sogleich in Liebe umschlägt. Man hasst dann nur, weil man eben nicht liebt, das ist ein grosser Unterschied vom gewöhnlichen Hass. Der gewöhnliche Hass verachtet und will gar nicht lieben. Wenn man aber weiss: Einer ist nur ausser uns im Leben, der uns ganz und gar aufhebt und vernichtet ... Nun ringst du gerade mit dem und mit keinem andern ... Weicht er oder weicht er nicht ... An ihm allein missest du deine Kraft ... An ihm deinen Wert ... O, das ist ein ganz anderer Hass ... Ja schüttle dein liebes Köpfchen nur ... Du verstehst das alles noch nicht ... Tage und Wochen lang nur immer auf Einen denken, immer nur für dessen Widerlegung, wenn er uns misverstand, leben, dem zum Widerspruch, aber auch nur um Den allein das Höchste und Kühnste beginnen, malen, dichten, philosophiren, entbehren; – alles das hat, ich weiss es vom Oberprocurator Nück – auch deine Mutter getan und keiner ist ihr dabei doch bei all ihrem Zorn und ihrem Schmerz gegenwärtiger gewesen, als immer der Mann, der sie früher bändigen wollte, ehe sie die Lust der Freiheit gekostet, oder, wie man richtiger sagt – gebüsst hat ... Und wenn ich mir den Obersten vergegenwärtige, den ich kenne, den ich gesehen und gesprochen habe –
Armgart hing an Lucindens Lippen mit bebender Erwartung und hielt krampfhaft ihre Hand ... Dass diese ihr eigenes verhältnis zu Bonaventura beschrieb, wusste sie nicht; so leidenschaftlich konnte sie sich die Liebe zu einem Priester nicht denken ...
Dein Vater, fuhr Lucinde fort, erschien mir bei einem kurzen Begegnen in Kocher am Fall eine natur wie aus Granit. Lieben könnt' ich ihn nicht. Aber – nun kam Lucinde unbewusst in die Anrede mit "Sie" zurück – Ihre Mutter schon, die sieht nicht, glaube' ich, die Bibliotek, die in seinem inneren aufgebaut ist, von zehntausend Bänden Weisheit