1858_Gutzkow_031_583.txt

Phantasten, der sie allerdings um meinetwillen nicht mochte ...

Jérôme von Wittekind! Ich weiss alles ... UndIhrIhr Doctor Klingsohr ... Den trägt man Ihnen bitter und mit Recht nach ...

Lucinde zuckte die Schultern und sagte:

Den hab' ich nie geliebt ... Sieh, sieh, weisst du schon, was die Liebe ist? ...

Dies "Du" flocht sie, indem sie mit dem schwarzen Handschuh fingerdrohte, so gewandt und listig ins Gespräch, dass Armgart vor dem traulichen Ton zwar erschrak und von ihr abrückte, ohne ihr jedoch zürnen zu können; ihr kam das Du dann noch natürlicher, als sie sprach:

Lucinde! Dich sollte eigentlich jeder meiden! ...

So! entgegnete diese mit zuckenden Lippen und fiel in ihre kältere Art zurück. Das spricht Armgart! Ihre Mutter kommt heute und Sie fliehen wieder vor ihrwieder mit zwei jungen Männern vielleichtSie müssten doch wohl schon gelernt haben, wie Frauen leicht und unschuldig in einen falschen Ruf kommen können ...

Armgart wurde über die beiden jungen Männer rot ...

Alle Welt weiss ja schon von Ihrem Vorsatz! ... Ich lasse den Wagen halten und verhindere Ihre neuen Torheiten

Lucinde! ...

Freilich! Sagen Sie gleich, wo wollen Sie hin? ...

Zu Hedemann

Dort finden Sie Ihren Vater

Armgart sprang auf und sank durch die Bewegung des Wagens auf Lucindens Schoos ...

Diese hielt sie fest ...

Dann flieh' ich zu den Clarissinnen ins Kloster ... Oder in den Wald zu den Eremitenoder in die weite Welt hinaus! ...

Lucinde musste Armgart, die sich loswand, von ihrem Schoose freigeben ... Sie betrachtete das aufgeregte junge Mädchen halb mit lachen, halb mit Rührung und liess sich von Armgart's Gelübde erzählen ... Auch an Serlo's Töchter dachte sie bei ihrer Vergleichung ... Sie wandte sich Armgart zu, die wieder neben ihr sass ... Lucindens Augen hätten dabei vor List glänzen können und glänzten doch nur vor Teilnahme ... Ihr Mund öffnete sich ... Ihre ganze Erregung machte sie jung und schön, wie in den Tagen ihrer ersten Blüte ... Armgart atmete kaum, so bangte ihr vor der Begleiterin und dies Bangen wurde ihr ein wohliges ...

Lucinde, sagte sie tonlos, du kannst Latein, Italienisch, hast unsern Glauben angenommen ... aber ich fürchte mich doch vor dir ...

Weil ich so schlecht bin! ... erwiderte Lucinde vor sich hin und ihre schwarzen Augen verschlangen mit einer ungewissen sehnsucht die braunen Armgart's ...

Du bist eine Schlange, eine Hexe, sagen sie ...

Dann bin ich es auch wohl! Darauf verstehen sich ja die Menschen und besonders die Frauen ...

Armgart kämpfte immer mehr gegen die Bestrikkung durch diese auch ihrer Lebensauffassung so verwandte Ironie ...

Seit ich lesen kann, seit Paula in die Anstalt kam, fuhr sie fort, hab' ich dich, Lucinde, fürchten gelernt ... Paula schrieb zwar immer von dir, ich sage dir das offen, mit Bewunderung ... Sie ist so gut, sie verehrt dich ... Wahrhaftig! ... Und ich weiss doch, dass sie eigentlich nur immer Angst vor dir haben sollte ...

Auch noch jetzt? sagte Lucinde mit dem Ton der Resignation und in Anspielung auf Bonaventura ...

In ihren Visionen sieht sie dich fortwährend ...

Und wie dann? ...

Nie gut ...

Diese Visionen lügen ... Kluge Armgart! ... Diese Visionen sind nur Widerspiegelungen aus Paula's eigenem inneren. Glaube mir's! ... Was würden wir nicht alles sagen und verraten können, wenn wir so plötzlich den Willen und die Selbstbeherrschung verlören! ... Paula sieht nichts, was ausser ihr ist. Sie sieht nur Bilder der Erinnerung, ihres Wissens und sonstigen Ahnens und Fühlens. Sie spricht nur die Gedanken aus, die sich im Menschen unbewusst sammeln und ihm in den Mund kommen, er weiss selbst nicht wie. Wenn du träumst, Armgart, ist es dir nicht gerade ebenso? ... Dass sie dann freilich, ohne es zu wissen, alles herausspricht, das ist eine fatale Krankheit ...

Armgart dachte allen diesen Worten nach, sagte dann aber doch:

Du irrst, Lucinde! Sah sie nicht kürzlich den Vater des Domherrn? ...

Von Asselyn? ... Warum nicht? Sie beschrieb ihn, wie man vom land der Seligen träumt ...

Nein, nein! Das wirkliche Italien war's, wo sie ihn sah ... Terschkabestätigte alles ...

Unsere Vorstellung vom Paradiese istso etwas wie Italien ... sagte Lucinde, schwieg dann aber und liess Armgart Recht behalten ...

Dadurch wurde diese noch sicherer ...

Dein armer Klingsohr! fuhr Armgart fort. Der liebt dich wohl noch jetzt! Wie weit hin war der berühmt! Noch im letzten Herbst wurden seine Aufsätze jeden Abend bei uns vorgelesen. Alle sagten dann: Das ist der Sohn des Deichgrafen! Das ist der, der umdeine Lucinde, Paula, ins Kloster gegangen ist! Die Tante wollte nicht