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englischen Einflüssen. Sie verfiel darüber in grosse Trauer ...

Lucinde bezeigte für Armgart noch immer nur ein vornehmes und geringschätzendes Mitleid ... Solche kleine Welt, die "auch schon mitreden will", war ihr ein Gegenstand der Abneigung ...

Dennoch fing sie an etwas zu scherzen, als Frau von Sicking am Pfarrhause abgestiegen war, um sich selbst nach dem Befinden des Pfarrers zu erkundigen und ihn womöglich zu sprechen ... Sie neckte jetzt Armgart mit Benno und Tiebold ... Dann auch mit Terschka, den sie am Jagdabend trotz ihrer Aufregung bei Tafel scharf beobachtet hatte ...

Ihr kluger blick sah sogleich, wie die Augen Armgart's aufleuchteten, als sie, in dem jungen Herzen wie mit einem spitzen Messer bohrend, sprach:

Aber was rede' ich denn! Terschka schwärmt ja für Ihre Mutter! Und jeder wird das müssen! Sie hat graue Locken, das ist wahr! Aber sehen Sie, dort liegt noch der Schnee aus dem kleinen Dachwinkel der Liborikirche und alles rings ist wie belebt von Frühlingsahnung ... So auchbei Ihrer Mutter ...

Dich kenn' ich jetzt ganz! hätte Armgart rufen und sich auf sie werfen mögen ...

Frau von Sicking kam zurück, becomplimentirt von Müllenhoff, der zwar noch ziemlich angegriffen aussah, aber doch die Beratung mit den Gemeindevorständen in Sachen seines Dorfconcordates heute nicht ausgesetzt hatte ...

Müllenhoff war die Verlegenheit und das Hochentzücken selbst ... Er liess den Bedienten nicht an den Schlag, nur um Frau von Sicking selbst hineinheben und die beiden andern Damen begrüssen zu können ... Esbouquet und Sammet und Seide taten es ihm an ... Ohne Zweifel drückte er die zarten Glacéhandschuhe der Dame, die er in den Wagen hob ... Wohl fünf Minuten lang sah er dein Wagen nach und würde sich unfehlbar aufs neue erkältet haben, hätte ihn nicht die Katrein ins Haus zurückgezwungen ...

Die weitere Fahrt wurde noch schweigsamer, als die frühere ... Lucinde musste über den Einfluss des Priestertums auf die Ueberzeugungen der Frau von Sicking ihre Satyre unterdrücken ... Armgart verfiel, je mehr sie sich Witoborn näherte, in Angst und Wehmut ...

Sie hatte von Lucindens Wesen auf die Länge nicht ganz die wirkung, wie Paula ... Sie sah sie prüfend und prüfend an, verglich den Eindruck, den sie ihr im vorigen Jahre machte, mit dem jetzigen ... Sie fühlte sich eher schon durch sie angezogen, als abgestossen ... Sie erzählte bereits am Pfarrhause Lucinden, warum Paula nach ihr so oft ein aufrichtiges Verlangen trüge ...

Paula's letzte Vision musste sie erzählen ...

Wieder tadelte Frau von Sicking, dass die Comtesse nicht die reinen Anschauungen vom Kreuze hätte. Sie bestritt ein Vorhandensein des eigentlichen Hochschlafs, mit dem ganz andere Erscheinungen verbunden zu sein pflegten, nicht selten ein Abdruck aller Nägelmale des Herrn auf dem Körper einer solchen Himmelsbraut ...

Armgart war so tief unglücklich, dass sie auf diesen Angriff schwieg ... Sie presste nur den Brief Terschka's an ihre Brust und sah und hörte im Geist schon die Mühlen Hedemann's und die Klingel an der Klosterpforte ...

Endlich war man auch beim stattlichen Gitter vor dem Landhause der Frau von Sicking angekommen ...

Diese stieg aus und bat Lucinden, das fräulein nach Witoborn zu begleiten ... Die Angelegenheiten des jungen Herzens interessirten sie nicht ...

Lucinde hatte in Witoborn für ihre Abreise Vorkehrungen zu treffen und hoffte auch noch etwas im Münster von Hubertus zu erfahren, falls sich dieser aus dem wald herauswagte ... Sie wollte fort, ehe der Rat von Enckefuss eintraf ...

Inzwischen hatte sie angefangen, dem jungen kind immer mehr Teilnahme zu schenken ... Hing doch Armgart mit dem Leben so vieler Personen zusammen, die ihr wert waren ... Offenbar befand sich die Kleine wieder auf der Flucht vor ihren älteren; die Gründe dafür waren landbekannt ... allmählich verglich sie Armgart mit Treudchen Lei ... Wer ihr unbedingt gehorchte, dem konnte sie auch schmeicheln ... Sie zog ihre Handschuhe aus und fuhr mit den Fingern über Armgart's Stirn ...

Sie haben auch schon Sorgen? sagte sie ...

In Armgart's Antwortsblick lag:

Was gehen dich meine Sorgen an oder bist duvielleicht doch nicht so schlimm, wie sie alle sagen? ...

Lucinde verstand diesen blick ...

Man lästert mich wohl recht auf Westerhof? Nicht wahr? ... sprach sie seufzend ...

Auf Westerhof? Da lästert man nicht! Aber in Heiligenkreuz, ja da stehen Sie schlecht genug angeschrieben ... Das kann ich Ihnen sagen ...

Lucinde warf verächtlich die Lippen auf ... Dann streckte sie die Hand aus und zog Armgart zu sich hinüberArmgart hatte durchaus auf dem Rücksitz bleiben wollenJa sie hielt sogar Armgart's Hand fest, die den Brief zu bedecken suchte ... Der Brief wurde sichtbar, doch beachtete ihn Lucinde nicht ... So schlecht also hat man mich gemacht! ... wiederholte sie. Und gewiss ist es die Unbescholtenste von allen, fräulein von Tüngel, die mich am meisten lästert! ... Hassen Sie denn nicht auch so die Dummheit? ... Diese Dame speculirte auf einen armen