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Glücks eines Mannes, der, wenn er lieben dürfte, seine Wahl doch so nicht treffen würde ... Aber Lucinde war das einzige Wesen, das sie vom Traumschlaf heilen konnte ... Seit der ersten Vision beim Eintritt Lucindens in das Institut, seit der ersten Einmischung der Eifersucht schon damals, als Paula, träumend, den geliebten Priester vom Bekennen der ewigen Gelübde abzuhalten suchte und Lucinde in diesem Priester Den in Erfahrung brachte, der ihr selbst eben der wiedererstandene Serlo erschienenwar in Lucindens unmittelbarer Nähe jenes Traumleben nie wieder eingetreten und sie sehnte sich ja, frei zu werden von diesen unheimlichen magischen Gewalten ...

Endlich war das ein Ausbruch von Urteilen, als Lucinde und Frau von Sicking gegangen waren! Alle Schleusen waren aufgezogen ...

Paula und Bonaventura konnten sich eine Weile allein angehören ... Die Blumen, die am Fenster blühten, die im Wasserglase gezogenen Hyacinten, die behenden Goldfischchen in kristallener Schale, all der lieblich trauliche Vorfrühling, den beide in der Nähe des Fensters geniessen konnten, hätte sie fortreissen sollen, das warme blühende Leben auch Atem an Atem zu empfinden und sich leise zu sagen: Wir, wir gehören uns doch! ... Das lauschte aber und plauderte und klatschte und lauschte ... Es stand glücklicherweise nichts still, alles schritt vorwärts ... Selig wogen durfte wenigstens die Brust und auf die Lippen treten selbst ein lauteres Wort der Vertraulichkeit ...

Inzwischen fehlte Armgart, ohne dass man es sofort bemerkte ...

Armgart war Lucinden und Frau von Sicking gefolgt, hatte Hut und Mantel und eine grosse tasche ergriffen, die schon im Vorsaal zu ihrer Flucht bereit lagen, hatte den Brief Terschka's in ihrem Busen verborgen und schlich den sich Entfernenden an das Hauptportal nach ...

Als sie einstiegen, sagte sie rasch:

Lassen Sie mich mit, meine Damen! Ich habe in Witoborn zu tun! Vergeben Sie! Ich störe nicht! Ich sitze hier rückwärts! ...

Schon sass sie ... Frau von Sicking lächelte zerstreut und meinte, sie wollten einen Umweg machen, um sich nach dem Befinden des Herrn Pfarrers Müllenhoff zu erkundigen ...

Das tut nichts! antwortete Armgart in Hast. Wenn Sie mir nur versprechen, mich dann von Ihrer wohnung aus nach Witoborn fahren zu lassen! ...

Sehr gern! sprach Frau von Sicking, mächtig ergriffen, wie es schien, noch immer von Bonaventura ... Demoiselle Schwarz kann dann auch nach Witoborn mit Ihnen fahren! setzte sie wohlwollend hinzu ...

Lucinde sass tiefbrütend und hatte Mühe, ihre Nerven zu bekämpfen ... Jetzt war sie jenem Weinkrampf nahe, der sie nach langer Spannung zu überfallen pflegte ...

Armgart stellte Frau von Sicking über die Ankunft der Mutter zur Rede ...

Diese, sich in die Frage langsam findend, sagte:

Sie irren sich, kleiner Engel! ... Sie war gar nicht bei mir! Ich werde die Bekanntschaft erst später machen! ... Aber Sie haben recht! fräulein von Tüngel und Demoiselle Schwarz sprachen von ihr ... Ich bot ihr schon lange meine wohnung an und ich besinne michich hörte jaeine Grille von Ihnen ... Wie ist es doch damit? ...

Ein Gelübde, gnädige Frau! verbesserte Armgart ...

Frau von Sicking verzog die Miene zum Ernst und besann sich jetzt:

Nun wohl, jetzt weiss ichAberHimmelich entführe Sie doch nicht? ... Wie war das verhältnis? Richtig! Richtig! ... Ich lasse halten ...

Der Wagen flog aber pfeilgeschwind dahin ... So duldete die Tante nicht, dass die alten Pferde der Dorstets anzogen ...

Armgart bat, keine Besorgniss zu hegen; sie hätte dringend in Witoborn zu tun ...

Frau von Sicking beruhigte sich und verfiel wieder in ihre eigene Gedankenwelt ...

Auch Lucinde blieb lange tiefverloren im Nachklang des Ebenerlebten ... Alle andern Gefahren traten ihr gegen einen einzigen mit Bonaventura zusammen verlebten Augenblick zurück ...

allmählich aber schien sie geneigt, von Armgart Notiz zu nehmen ... Sie erzählte einiges von ihrer Mutter, rühmte sie, gestand einen Brief der Commerzienrätin in Angelegenheiten ihrer Mutter zu, wandte sich dann in ihr Brüten zurück und nur noch einmal nannte sie Terschka ...

Armgart hätte sie für ein Lächeln dabei erdolchen mögen ...

Lucinde erzählte das ganze erste Begegnen mit Terschka in Piter Kattendyk's Gesellschaft ...

Armgart's beide Zähne blinkten ...

Frau von Sicking rügte mit grosser Strenge die Absicht des "Herrn Obersten", ihres Vaters, in Witoborn eine Fabrik zu gründen ... Und passte das auch für seinen Stand, wie kann er gerade einen Zweig der Industrie wählen, der für Witobornich kann es nicht anders nennen, sagte sieeine Blasphemie ist ... Sie werden ihn jetzt wohl bald selbst sehen ... Sagen Sie ihm das, mein Kind! Die Gesellschaft ist darüber ausser sich ... Ein Hülleshoven legt eine Fabrikation von Papier anin Witoborn! ... Denn sage man, was man will, das Papier ist eine Erfindung des Teufels ... die Buchdruckerpresse gewiss ...

Armgart hörte diese Ansichten nicht zum ersten mal und dachte ebenso und hielt in schmerzlicher Ergebung den Vater für angesteckt von