1858_Gutzkow_031_580.txt

bedauerte, morgen nicht der Dankmette beiwohnen zu können, die in der Liborikirche gehalten werden sollte ... Diesen alten Bau würde sie erst sehen, wenn die Exercitien begännen ... über den Baustyl der Liborikirche und von byzantinischen Rundbogen sprach sie so unterrichtet, dass die Tante dem ihr zu "geistreich" werdenden Gespräch entschlüpfte und Lucinden mit dem Onkel Levinus in Verbindung brachte, der jetzt erst zur Gesellschaft hinzutrat ...

Auch der Onkel kam mit Nachrichten von den entflohenen Mönchen und von der Requisition derselben durch den Provinzialund mitGensdarmen ...

Gensdarmen! rief man fast einstimmig ...

Das duldet Herr von Wittekind nimmermehr! rief Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoss ...

In seinem wald kann er geschehen lassen, was er will! ... hiess es ...

Der Onkel erzählte, was er unten von den Jägern vernommen ... Man fände beide in der berüchtigten Eiche, wo der alte Klingsohr gefallen ... Sein Sohn, der ehemalige Doctor, läge im inneren derselben auf einem Lager und läse sein Brevier ... Hubertus hämmere mit der Axt eine Hütte und einen Altar und einen Kochherd ... Die Nacht noch wäre eine Kälte von drei Grad gewesen ... Jetzt taue es ... Die Bauern liefen scharenweise in den Wald und hülfen den Eremiten bauen und brächten so viel Nahrungsmittel, dass Hubertus den Scherz gemacht hätte, ob sie hier etwa einen Verkauf halten sollten? Dennoch nahm er den Ueberschuss und schickte ihn ins Kloster, wo sich "nun wohl zwei Parteien bilden würden" sagte der Onkel lächelnd ... Zurück wollen sie nicht, fuhr er fort, sich mässigend, da Niemand in seine Ironie einstimmte; Sebastus erbietet sich, für Jeden, dem seine Fürbitte von Wert sein könnte, täglich so viel Rosenkranzgebete zu sprechen, als man bestellt ...

So hatte man denn wieder ein Wahrzeichen der Zeit mehr, ein hocherfreuliches1 und die kluge Mutter Bonaventura's debütirte durch die Duldung der beiden Eremiten mit glänzendem Erfolg ... Bonaventura sah ihre Macht über den Präsidenten ...

Wenn ihr alle wüsstet, an welchen Fäden diese beiden Mönche geführt werden! ...

Diese Empfindung sprach Lucinde nicht aus ... Jede Erregung ihrer Gefühle niederkämpfend, hob sie sogar den Kopf langsam in die Höhe, als sich die Tüngel-Appelhülsen nicht nehmen liess, zu sagen:

Sie kannten ja früher den ehemaligen Doctor Klingsohr? ...

Nur Ein blick der Misbilligung folgte bei allen, die die Schärfe dieser Frage verstanden ...

Lucinde aber erwiderte ruhig und ganz in dem einfachen Ton, der hier üblich:

Der Pater ist ein Heiliger geworden ... Ich mühe mich, ihm gleichzukommen ... Es gelingt mir nicht ...

So blieb sie siegreich ...

Als man Beifall murmelte, konnte Bonaventura nicht anders als sich sagen:

Da strengt nur euern Witz an! Da muss alles zu Schanden werden! ...

Der Onkel war vom Bewohnen der Baumstämme, wie immer, auf die Urwelt und die Troglodyten gekommen und von diesen auf die Katakomben in Rom ...

Frau von Sicking kannte die Katakomben so genau, wie die Boudoirs ihrer Wohnungen in Deutschland und Belgien ... Sie erzählte von mehrern wieder neu eröffneten Grabstätten der alten Christen und Lucinde wusste sogar die Jahreszahl einzuschalten von der Verfolgung des Diocletian ... Levinus rückte ihr überrascht näher und näher ...

Da aber erhob sich schon Frau von Sicking ... Auch Lucinde musste es tun ... Wie gab sie so sicher Paula die Hand und lächelte ihr und sprach vom Wiedersehen, vom Frühling, von Gesundheit und, leiser und demütig, von ihrer Wunderkraft! Wie versicherte sie, dass sie für Paula bete, und bat, dass Paula dies auch für sie tun möchte ...

Der Onkel unterbrach diesen Abschied und hörte voll Leidwesen, dass das gelehrte fräulein schon wieder abreise und erst zu den Exercitien zurückkämeDie Commerzienrätin Kattendyk hatte in der Tat ihren Wunsch erreicht, hatte eine grosse Summe für die geheime Tätigkeit der Frau von Sicking versprochen, hatte auch der "Mutter Gottes von Telgte", einem wundertätigen Gnadenbild der Gegend, ein kostbares neues durch und durch mit Silber gesticktes Kleid angelobt, eine Prachtschöpfung aus den Ateliers der Damen Eva und Apollonia Schnuphase ...

Ein unendliches Weh lag auf den Zügen Bonaventuras, Paula's und Armgart's ... In dem: "Segne Sie Gott, Gräfin!" Lucindens lag etwas, als wenn ihr die Leiden aller Märtyrer für die Zukunft vorausgesagt würden ...

Bonaventura fühlte die Absicht dieses ihm nur allein kalt und wie ein Fluch erklingenden Tones ... Die Hand hätte er zurückreissen mögen, die erstarrt Paula in die schwarzen Handschuhe Lucindens legte ... Beide Frauen, die Geliebte und die Verschmähte, waren an Wuchs sich gleich; Paula schön an sich und noch mehr durch den Reiz der Jungfräulichkeit äterisch wie ein Hauch; Lucinde wie eine Brunhilddurch ihre geheimnissvolle Kälte bestrickend ... Paula hätte Lucinden festalten mögen, trotzdem dass sie fühlte: Das ist sie immer noch mit ihrem Hass gegen dich und mit ihrer Eifersucht! Sie ist es immer noch, die sich berufen glaubt, die einzige zu sein, die über Bonaventura wachen dürfe! Sie, die sonst schon nicht ruhte und rastete in Annäherungen und Verhinderungen der Ruhe und des