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sprach mit Unbefangenheit von dem Vorgefallenen. Als jenes grünen Tuchkragens Erwähnung geschah, der an der Mordstätte wäre gefunden worden, hiess es, dass durch eine Nachlässigkeit unbegreiflicher Art so wichtige Hülfsmittel der Entdeckung plötzlich wären abhanden gekommen.

Alle diese gespräche fanden in Gegenwart der neuen Frau von Wittekind statt. Es war eine Heirat, die erst jetzt die Billigung des Kronsyndikus erhalten. Eine nicht mehr junge, unvermögende, aber dem Sohne durch Gewohnheit und manche, wie man sagte, schmerzliche Erinnerung wert gewordene Witwe eines geliebten Freundes und Amtscollegen, eines Herrn von Asselyn ...

Der Oberregierungsrat fand einen Vorschlag, den sein Vater machte, sehr annehmlich. Doctor Klingsohr sollte die mecklenburgischen und holsteinischen Güter der Familie bereisen und sich in Altona nach der Lage von Processen erkundigen, deren die Familie über diese Besitztümer mehrere zu führen hatte.

Der Doctor kannte Hamburg und freute sich auf einen ihm bekannten zerstreuenden und anregenden Aufentalt, dessen Kosten der Kronsyndikus trug.

Den Kammerherrn hatte der Kronsyndikus zum Grafen Zeesen geschickt und zwar schon am Tage nach seiner stürmischen Abreise auf das Vorwerk Eggena. Dass der Unglückliche Widerstand leisten wollte, verschwieg der Vater nicht, ebenso wenig wie den Zwang, den man anwendete, den Widerstand zu brechen. Er hatte ihn kurzweg binden lassen. Der später nachgeschickte Diener des Kammerherrn meldete, Graf Zeesen böte alles auf, seinen Herrn zu zerstreuen und zu fesseln. Er sänge ihm geistliche Lieder und bespräche die Visionen, die der Kammerherr zu haben glaubte. Inzwischen wäre der Kammerherr freilich bettlägerig geworden, aber die Verlobte des Grafen, das Freifräulein von Seefelden, sorgte für seine Verpflegung.

Alle diese Veränderungen gingen auch an Lucinden nicht spurlos vorüber. Sie erschütterten sie nicht minder wie den Doctor und den Kronsyndikus. Der Doctor, der ihr unter allen Umständen jetzt wirklich als des letzteren natürlicher Sohn erschien, wiederholte mit scheuem Niederblicks ernst und verstört, wie er jetzt fast immer war, Beteuerung seiner Liebe über Beteuerung; der Kronsyndikus hatte Ursache, die Vertraute eines Geheimnisses, das beide im stillen Verkehr wiederaufnahmen, mit Aufmerksamkeit und Schonung zu behandeln. Sie erhielt Beweise einer Freigebigkeit, die an dem sonst so geizigen mann auffallend genug war. Da nicht gezweifelt werden konnte, dass sie das Ziel ihrer Herzenswünsche in einer Vereinigung mit Heinrich Klingsohr finden musste, so wurden die Aenderungen ihrer Lebensstellung dahin getroffen, dass sie ihm nahe bleiben, aber vorläufig doch noch so weit von ihm getrennt sein sollte, um keinen Anstoss zu erregen.

Vor allem fehlte ihr noch manche Vervollständigung ihrer Bildung. Es war hohe Zeit, das Chaos ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse zu lichten. Diese Anordnung wurde mit Fürsorge getroffen. Man hatte eine Familie ausfindig gemacht, bei der sie, nicht sogleich in Hamburg selbst, wohl aber dicht in der Nähe auf dem land wohnen sollte.

Da Heinrich Klingsohr erst nach Göttingen zurück musste und bei allen diesen Anordnungen von seiten des wie verwandelten und ganz ausserordentlich milde, zahm und nachgiebig gewordenen Kronsyndikus eine Zarteit und Schonung der Sitte und des Anstandes beobachtet wurde, wie wenn es sich wirklich um eine künftige Schwiegertochter desselben handelte, so gab man Lucinden sogar bis nach Hamburg eine Begleiterin mit, die in der vom Oberregierungsrat bewohnten Stadt gewählt wurde und ihr auf halbem Wege entgegenkam, an dem Tage, wo der Kronsyndikus und Klingsohr sie auf ihrer Abreise vom schloss begleiteten.

Die Abreise fiel mancherlei Umstände wegen auf einen Tag, wo der Kronsyndikus und Klingsohr in Lüdicke einen Termin abhalten mussten in Angelegenheiten des, wie es schien, sehr gravirten Stephan Lengenich, an dem selbst die Lisabet irre geworden war, seitdem der Kronsyndikus von seiner Reise zum ältesten Sohn zurückgekommen war und ihr eine funkelnde, schwere goldene Kette mitgebracht hatte, zu der, wie der Alte hinzufügte, "jetzt nur noch die Uhr fehle". Sie tat das Ihrige, sich auch diese zu verdienen ...

Diesen Termin in Lüdicke hatte man für kurz gehalten, aber es dauerte fast eine Stunde, dass Lucinde auf dem Marktplatze der kleinen Stadt in ihrem vorn und hinten bepackten Wagen harren musste. Sie konnte bei dem immer gleichrinnenden Strom eines schön geformten alten Rolandsbrunnen, an dem sie hielt, bei seinem nicht endenden, immer gleichmässigen Wasserstrahl recht der Zeit gedenken. Was hatte ihr diese nicht alles gebracht! Was hatte sie nicht schon alles ausgelöscht! Auch das Bild eines auf schaumbedecktem Rosse den steinigen Grund hinterm Park vom Düsternbrook Emporstürmenden, auch das Bild von der Waldhütte, den Tannen, dem mond, der Grossmutter, ihrer selbst am Spinnrade, dem durch die kleinen bleigefugten Scheiben hereinlugenden wilden Jäger mit der roten Feder am hut, der dann wieder der Franciscanerbruder Herr von Buschbeck aus Java war ... Alles hatte sich ihr schon gebleicht. Denn zu oft hatte ja auch der Doctor bestimmt und fest wiederholt und dann der zu Gnaden wieder angenommene buckelige Musikant, vorzugsweise aber der seit einigen Wochen ganz besonders elastische "schöne Enkkefuss" bestätigt: der Kronsyndikus war allerdings am platz der grauenvollen Tat gewesen und hatte gesehen, wie der Deichgraf dort getödtet lag; das Entsetzen, man könnte ihn, der ihn in Gedanken allerdings auch tausendmal erschlagen hatte, für den Mörder nehmen, hatte ihn von dannen gejagt, und wenn es geschienen, als jagten ihn selbst die Furien, so wäre es die alte Freundschaft für den Deichgrafen gewesen, die in seinem Herzen trotz des spätern Zerwürfnisses doch in der Tat unerstickt geblieben wäre ...

Und wenn Lucinde den Doctor dann selbst fragte: Bist du wirklich der dritte Sohn